Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

men, daß die Freistädter Bauhütte diese Or namentik in Stein übersetzen wird. In Freistadt errichtet seit 1483 das Gemein wesen einen neuen Chor an seiner Pfarrkir che. Werkmeister ist Mathes Klayndl, der von 1474 bis 1505 als der Stadt Werkmeister ur kundlich vielfach genannt wird. Sein Bruder Stefan war nach dem vernichtenden Brand von Chur in Graubünden 1464 dorthin als Lei ter des Wiederaufbaues berufen woden, wo er 1492 starb. Mit ihm kam, wie Schweizer Kunsthistoriker bezeugen, eine neue Bauwei se ins Land, die den Provinzialismus über wunden hat. Die Brüder Klayndl hatten also einen weitreichenden guten Ruf als Hütten steinmetzen. Der Chorbau der Katharinenkirche zeichnet sich durch zwei Neuerungen aus: Die Umfas sungsmauern werden nicht mehr als Bruchstein- sondern als Quadermauerwerk ausgeführt, in einer wesentlich teureren Technik, wie sie nur an großen Dombauten angewendet worden ist. So wurden die Got teshäuser Braunau, Mondsee, St. Wolfgang, Steyr, Eferding und Kefermarkt, obwohl be deutend durch Qualität und Größe, in Bruch stein errichtet. Der Anspruch des Freistädter Gemeinwesens war also sehr hoch. Mathes errichtete auch das Böhmertor in dieser Tech nik; von ihm stammt wahrscheinlich auch der Chor in Hirschbach und sein Schüler und Nachfolger Lienhard Gattringer begann 1522 den Pulverturm am Rathaus, den 1523 der Gallneukirchner Meister Wolfgang Wieschitzberger vollendete. Von überragender Geltung erweist sich aber die neue Gewölbeform, die Mathes mit Hilfe ausschließlich geschwungener Rippenfor men und steiler Trichtergewölbe konstruierte. Vorformen, Ziergewölbe mit eingeblendetem Maßwerk und Schlinggewölbe wurden auch vorher verwendet, wobei es sich um die Deckung kleinerer Räume oder die Verwen dung von Stuckrippen handelte. Hier aber mußten die dreifach gedrehten Rippen nach komplizierten Konstruktionsverfahren aus dem Granit gehauen werden. Meister Mathes strebt eine überwältigende Raumwirkung an. Die Rippenzeichnung wird in dynamischen, spannungsgeladenen weiträumigen Kreisfor men geführt, die in gegenseitiger Durchdrin gung Sterne bilden. Wegen der kuppeligen Trichtergewölbe müssen die Rippen einmal dem Verlauf der Wölbungsrundung folgen, dann der Krümmung der Kreissegmente der Zirkelfiguren, die sie zu zeichnen haben und schließlich werden sie noch propellerartig in sich verschraubt, damit das Gewölbe zusätz lich zur Wirkung der Trichter Raum schafft. Besonders im Chorhaupt gelingen reiche und komplizierte Verschneidungen. In diesem Gewölbe wird die Dynamik auch durch die Lichtführung hervorgerufen. Sie ist mit einer Beschreibung der Kefermarkter Hauptfiguren gleichzusetzen: Das Gebilde lebt von der bewußten Gegeneinanderstellung von Lichtsträhnen und Schattentiefen. Werden die drei großen Baldachine über den Schreinfiguren, entstanden um 1490, mit den Gebilden im Oberhaupt verglichen, so wider spiegeln sie die gleichen Grundgedanken: Schaffen von Raum, Bewegung und Dynamik und Spiel von Licht und Schatten. In der Liebfrauenkirche zu Freistadt steht eine Totenleuchte, die 1484 vom Stadtschrei ber und auch Bürgermeister Wolfgang Hor ner gestiftet worden ist. Dieses Mal ist trotz seiner Schlichtheit bemerkenswert, weil sich an ihm Elemente vorfinden, die wichtig für die Werke der Freistädter Bauhütte werden, wie der kugelige Sockel oder die flachen vertief ten Felder am Schaft; dieser aber ist in sei nem Querschnitt aus dem Fünfeck, einer schwierigen geometrischen Konstruktion, entwickelt. Bekrönt wird die Säule mit einer schlanken Fiale. Den Übergang zwischen Schaft und Fiale verschleiern steile Kielbö gen, die je von einer Kante zur übernächsten greifen und sich dabei räumlich durchStäben. Diese Form kann für die Baldachine in Kefer markt vorbildlich gewirkt haben. Es gibt kein Retabel der Epoche, wo als oberer Abschluß des Schreins einzelne, architektonisch kon struierte Baldachine als selbständige Klein architekturen nebeneinander stehen. In St. Wolfgang werden sie nebeneinander gestellt und verschränkt, so daß ein vor- und zurück schwingender breiter Fries entsteht und der einzelne Baldachin mühsam mit dem Auge aus der Fülle der Formen herausgelöst wer den muß. Im Retabelbau konzentrieren sich alle Formen, die in der Großarchitektur aus gebildet wurden; es ist aber festzulegen, daß die Bildhauer versuchen, die Tektonik zu ver schleiern durch Ast- und Laubwerk, und durch reiche Vergoldung ins Ornamentale zu verwandeln. Es darf daher die Frage gestellt werden, ob sich Mathes Klayndl und der Un bekannte von Kefermarkt kannten und ob sich dieser mit dessen Architektur auseinan dergesetzt hat. Die Nachfolge der Freistädter Schlingrippen gewölbe ist im Mühlviertel mit der Empore von Bad Zell und den Langhausgewölben in Königswiesen aufgezählt. In dieser Reihen folge kann auch der sich wandelnde Stil, ein anderes Kunstwollen beobachtet werden. Der Unterbau der Empore ist noch mit Trich tergewölben konstruiert, den Rippenschlingen fehlt die Spannung der Feistädter Zeich nung, sie sind in sich beruhigt. In Königswiesen sind die Trichter stark zu einer einheitlichen Gewölbeschale verschliffen, die Zeichnung ist kleinteilig und in ein flim merndes Licht- und Schattenspiel zerlegt. Das zweite, wahrscheinlich einmalige Phäno men besteht darin, daß die Großarchitektur der Bauhütte Schmuckformen aus dem Reta bel übernahm und zu raumprägender Größe entwickelte. Ihr Anwendungsbereich um schreibt die Grenzen der Freistädter Bauhüt te, auch wenn in ihr bei weitem nicht alle Großbauten diese Elemente der Kerbschnitz technik aufweisen. Bei der ersten nachweis baren Übernahme wurde bezeichnenderwei se ein Profanbau mit Fenstergewänden geschmückt; am Verkündigungsrelief soll der Raum des Geschehnisses, die bürgerliche Stube und ihre Wohnbarkeit mit dieser Zierar chitektur raumhaltig und real dargestellt wer den. Im Jahr 1500 erhielt Laslo von Prag Schloß und Herrschaft Freistadt vom Landes fürsten als Pfand. Zwischen 1505 und 1509 ließ er das Schloß baulich überholen und auch mit Gemälden schmücken. Zwei Fen sterumrahmungen — links vom Tor und im Hof — bieten eine Musterkarte der Motive vom Kefermarkter Altar. Vielleicht noch früher entstand das Fenstermaßwerk an der Süd westecke der Pfarrkirche zu Kefermarkt. Der Unterschied der neu angestrebten optischen Aussage kann zwischen den gleichförmigen Maßwerken studiert werden: Die Stege des unteren sind glatt, während die des oberen Fensters fischgrätig geriefelt ausgeführt wurden. Kurz danach werden diese Elemente monumentalisiert und zum Schmuck einzelner Ein bauten, wie Emporen, Torumrahmungen, Wanddienste und Rippenstege herangezo gen. Die immer stärkere Übernahme älteren Formengutes um 1500 ist nicht ein Stilphäno men, sondern geistesgeschichtlich begrün det. Es entsteht eine spezifisch deutsche und bewußt nationale Richtung, die sich auf die eigene Vergangenheit stützt — vergleichbar mit den Bestrebungen der Renaissance in Italien. Aus dieser Besinnung auf das eigene Volksgut wird auch vieles im Leben Kaiser Maximilians, des letzten Ritters, verständlich, doch ist ohne Zweifel die Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit zuerst im Volk selbst wach geworden. Im Religiösen ent steht eine Volksbewegung zum einfachen Le ben hin, die devotio moderna, in der Kunst die sogenannte Donauschule, die über den allgemeinen Stilwandel hinweg eine eigene Entfaltung erlebt. In der Architektur erhält sie ihre reinste Ausprägung im Kirchenbau der Bauhütte von Freistadt; eine Datierung ist oft nur indirekt möglich. Der Chor in Hirschbach schließt unmittelbar an Freistadt an, im Außenbau aus Quadern geschichtet, im Inneren durch die großen Fenster des Chorhauptes erhellt, während 49

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