Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Obwohl Girlinger manche Motive sicher sehr oft geschnitten hat, Ist eine Weiterentwick lung der Bildinhalte zu bemerken. Am Bei spiel des wohl häufigsten Themas, des „Heili gen Grabes", wird dies deutlich. Das älteste, aus dem Jahre 1881 stammende Bild Ist noch ohne weißen „Spitzenrand" ausgeführt, wes halb die Datierung im Bild aufscheint. Die Standard-Ausführungen der folgenden acht ziger und neunziger Jahre weisen stets den zentralen Golgotha-Hügel mit den drei Kreu zen auf, wobei das mittlere Kreuz stets mit den „Arma Christi" nach Art der im oberen Mühlviertel heute noch anzutreffenden „Schauerkreuze" geschmückt ist. Darunter ist das Heilige Grab mit dem Korpus Christi ausgeschnitten, umgeben von bunten Glas kugeln, wie sie ebenfalls von den hl. Gräbern des Mühlviertels her bekannt waren. Das Grab wird von knieenden Engeln flankiert, ganz außen stehen zwei gerüstete Grab wächter. Bei den jüngeren Bildern aus der Zelt der Jahrhundertwende hat Girlinger die bunten Glaskugeln durch 7 brennende Öl lampen ersetzt, die knieenden Engel aber weggelassen. Auch In den weißen „Spitzenrändern" gibt es immer wieder Varianten zu entdecken. So ist als zentrale Bekrönung bei sakralen Motiven stets ein Kreuz ausgeschnitten, bei profanen häufig ein schnäbelndes Vogelpaar und auf einem Jägerbild findet sich ein Eichhörn chenpaar. Daß bei einem Schnitt für einen Bindermeister im Spitzenrand neben den „Maiglöckchen" auch Eichenblätter und Ei cheln „wachsen", ist kein Zufall, sondern hängt mit der Verarbeitung des Eichenholzes zu Faßdauben zusammen. Girlinger hatte, wie auch R. Pittioni in einem Aufsatz bemerk te, eine eingehende Sachkenntnis von den Gewerben, die er in seinen Bildern darstellte. Sicher wurden viele seiner Schnitte routiniert angefertigt, doch ist niemals eine formelhafte Erstarrung zu bemerken. Daß trotz des har ten und unterschwellig ernst wirkenden Schwarz-weiß-Kontrastes viele liebenswürdi ge, ja oft lustige Bilder entstanden sind, ist auf das Talent Girlingers zurückzuführen, All tagsszenen aus dem Mühlviertel der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Schere und dem Messer in Papier zu schneiden. Gunter Dimt: Pergament und Spitze. Katalog zur gleichna migen Ausstellung des OÖ. Landesmuseums, Linz 1985 Oers., Volksfrömmigkelt In Oberösterreich. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung des OÖ. Landesmuseums, Linz 1985, Kat.-Nr. 6401 und 7026 Sigrid Metken: Geschnittenes Papier. Callwey, München 1978. — Richard PIttlonI: Ein Scherenschnitt des Alois Glrllnger In Tirol. — In: Österr. Zeltschr. f. Volkskunde, Bd. XXXVI/1, Wien 1982 N.N. Scherenschnitte von Alois Girlinger. In: Mühlviertier Nachrichten,Do., 10. März 1966

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2