Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

vl^'' V? immer noch seine gerahmten Schnitt- und Klebebilder an den Wänden von Wirtsstuben, alt eingesessenen Geschäften und Gew/erbebetrieben oder in so mancher Bauernstube. Vermutlich hat Girlinger auf seinen Fußreisen die Bestellungen aufgenommen, die Bilder daheim geschnitten und gerahmt und da nach ausgetragen. Ob er jemals die Grenzen Oberösterreichs überschritten hat, ist frag lich. Jedenfalls kann das aus Jochberg in Tirol bekanntgewordene Bild kaum als Indiz für eine so weite Wanderschaft gewertet wer den, schließlich war Alois Girlinger im Jahre 1903 — aus diesem Jahr stammt das Bild — bereits 63 Jahre alt. Daß Bilder als Auftrags arbeiten bei ihm bestellt wurden, ist neben vielen anderen beispielsweise auch durch einen gerahmten Schnitt belegt, den der Ton dichter Hans Schnopfhagen seinem Bruder, der Lederer in Oberneukirchen war, anferti gen ließ. Das jüngste, derzeit bekannte Bild stammt aus dem Jahre 1915. Es zeigt nicht mehr jene Routine und Sicherheit wie die Schnitte aus der Zeit der Jahrhundertwende, offensicht lich machte unserem Künstler das Alter doch schon zu schaffen. 1918 verstarb Alois Girlin ger, der in Haiden bei Haslach wohnhaft war, im Altersheim von Haslach. Die bisher bekanntgewordenen Scheren schnitt-Klebebilder lassen sich auf mehrere Themengruppen reduzieren. Da sind zu nächst einmal religiöse Motive wie die „Heili gen 3 Herzen" (Jesus, Maria und Joseph), die auf die Popularität dieses im 19. Jahrhundert neu entflammten Kultes zurückgehen. Dann das wohl am häufigsten geschnittene Motiv des „Heiligen Grabes", das zugleich als „memento mori" an ältere Bildtraditionen an knüpft und das stets mit einer Widmung der Auftraggeber versehen ist. Aus dem sakralen Bereich sind auch die Erinnerungsbilder zu erwähnen, die stets mit den Totenbildern der Verstorbenen beklebt wurden. Als durchaus profane Auftragswerke gelten jene Schnitte, die dem Handwerks- oder Standesstolz gegolten haben und die des öf teren mit persönlichen Widmungen versehen worden sind. Häufigeren Motiven wie bei spielsweise dem „Ackermann" stehen weni ger oft gebrauchte Bildthemen wie Lederer, Binder, Schmied oder Handelsmann gegen über, auch für Jäger angefertigte „Waidmanns-Heii"-Bilder sind bekannt. Daß Girlinger erst relativ spät den für seine Arbeiten typischen Stil gefunden hat, kann die Mitteilung bestätigen, daß er zunächst als Schuhmacher tätig und offenbar vor 1870—1880 noch kein geübter Papierschnei der war. Die vom Beginn der achtziger Jahre erhaltenen Bilder sind durchwegs kleinfor matig, weisen noch nicht den für alle späte ren Jahre typischen „Spitzenrand" aus wei ßem Papier auf und sind durch zusätzliche Verwendung färbiger oder bemalter Papiere relativ bunt. Gesichtspartien von Figuren sind meist gemalt und mit Binnenzeichnung ver sehen, die mit Tinte geschriebenen Bildun terschriften weisen Randschnörkel auf, die bei jüngeren Arbeiten fehien. Ab dem Ende der achtziger Jahre ist der charakteristische Girlinger-Stil voll entfaltet; auf dunkelblauem Pack- oder Glanzpapier (auch Zuckerhutpa pier?) wurde ein weißes Unterlagspapier auf geklebt, das stets einen reich geschnittenen „Spitzenrand" mit vegetabilen Motiven auf weist. Neben dem von Andachtsbildern des 17. und 18. Jahrhunderts her bekannten „Asparagusschnitt" finden sich an den Sei tenrändern „Maiglöckchen"-Rispen. Der wei ße Rand ist immer als zweiseitig-symmetri scher Faltschnitt ausgeführt, wobei im unteren Randbereich eine Kartusche für die nachträglich eingeschriebene Datierung aus gespart ist. Auf dem weißen Unterlagspapier — oft klebte Girlinger bloß einen „Spitzenrand" auf — wur de das eigentliche, aus schwarzem Glanzpa pier gefertigte Schnittbild angebracht. Das weiße Unterlagspapier wurde so weit vorge zogen, daß unter dem Bild eine entsprechen de Beschriftung möglich war. Die mit Tinte eingeschriebenen Sprüche orientieren sich

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2