der sich von 1573—1589 am Balkan und in der Türkei aufhielt. Er berichtet In seinem Reisetagebuch mehrmals von der Kunstfer tigkeit türkischer Papierschneider, die sich gerade damals In Konstantinopel zu einer ei genen Zunft zusammengeschlossen hatten. Unter den frühesten In Europa entstandenen Papierschnitten finden sich die Arbelten In Stammbüchern süddeutscher Patrizier aus dem ausgehenden 16. und 17. Jahrhundert. Schnitte aus Buntpapieren — mit Vorliebe aus marmorierten — sowie sehr fein gearbei tete Schnittbilder aus Papier und Pergament mit zumeist sakralen Bildthemen, die vor zugsweise In Frauenklöstern angefertigt wur den, sind die kennzeichnenden Formen der mitteleuropäischen Produktion dieser Zelt. Bilder mit aus verschiedenen textllen Mate rlallen, Pergament und Papier ausgeschnitte nen Figuren vor meist gemalten Hintergrün den zeigen oft Szenen, die nicht mehr mit den bisherigen Ikonographlschen Mustern übereinstimmen. Diese Im 17. und 18. Jahr hundert entstandenen Alltags- und Genre szenen, wie „Taufgang", „Vorsegnen der Wöchnerin", „Bauern In Festtagskieldung" sind auch aus Oberösterreich bekannt und mit Sicherheit hier entstanden. Das bekannte und 1622 datierte Fleckenbild „Musikanten und Tänzer vor Schloß Pürnstein" führt uns erstmals in das Mühlviertel. Stets sind die Konturen aller Figuren sehr fein aus Papier geschnitten, die Gesichter In Art der Minia turen gemalt. Erst In der Mitte des 18. Jahrhunderts wurde der Schwarzpapierschnitt modisch und durch wandernde Sllhouttenschnelder auch außerhalb der Städte populär gemacht. In der Folge waren In nahezu allen Ländern Mittel europas einheimische Volkskünstler mit der Herstellung von Papierschnitten beschäftigt, die Bildthemen wurden meist aus dem sakra len Bereich oder der Arbeltswelt bezogen. So finden wir beispielsweise In Norddeutsch land Bilder zum Leidensweg Christi oder zur Schiffahrt, In Polen neben Darstellungen aus der Land- und Forstwirtschaft häufig rein geo metrisch-symmetrische Schnitte (sogenann te „Leluja"), die mit Schafscheren aus Bunt papier, Fließpapier oder dünner Pappe geschnitten wurden. Als Schmuckelemente hat man sie auf die Wände und Deckenbal ken der Stuben geklebt oder sie dienten als schmückendes Beiwerk für Krippensterne und Weihnachtskrippen. Neben den allge mein bekannten und von Briefmalern herge stellten Liebes-, Paten- und Taufbriefen, die In der Regel streng symmetrische Faltschnitte waren, zählen die stets als unlkate Kunstwer ke zu betrachtenden Schnittbilder talentierter Laien zu den köstlichsten Schöpfungen der Volkskunst des 19. Jahrhunderts. Vor allem aus der benachbarten Schweiz kennen wir aufwendig komponierte und ge schnittene Bilder zum ländlichen Alltagsle ben, wobei die Darstellung der Almwirtschaft eine zentrale Rolle spielt. Zur selben Zelt, als die ersten einer ganzen Reihe von begabten und namentlich bekannten Schneidekünst lern In der Schweiz tätig waren, kam Im Jahre 1840 Alois GIrlInger als Sohn einer ledigen Magd In der Pfarre Haslach zur Welt. Das Le ben dieses Mannes verliert sich weltestgehend In der Anonymität, Fakten sind kaum überliefert. Er erlernte das Schusterhand werk — In der Sterbematrik wird er als Schuh machergeselle bezeichnet — und hatte keine eigene Familie. Angeblich war er auf Grund einer unfallbedingten Behinderung gezwun gen, seinen Beruf aufzugeben. Wann dieser Zeitpunkt war, Ist unbekannt, doch könnte die älteste bisher bekanntgewordene Datierung eines seiner Schnittbilder — 1881 — zumin dest einen ungefähren Anhaltspunkt für den Beginn seiner Tätigkeit als umherziehender Bilderschneider sein. Offenbar ging GIrlInger regelrecht „auf die Stör", um seine Kunstfer tigkeit unter die Leute zu bringen. Im gesam ten oberen Mühlvlertel und Im nördlichen Traun- und Hausruckviertel finden sich r ' ■ • _ _ ■ ___ II f Links: „Mensch gedenk' an's bittre Leiden u. Sterben unsers Herrn Jesu Christi! Dieses Bild Hessen machen die ehrsamen Eheleuthe Johann und Maria Anreither, Besitzer am Hof zu Stein Pfarre Altenfelden", signiert und datiert 1893 Alois Girlinger Rechts oben: „Waidmanns Heil! Ein dreifaches Hoch dem fröhlichen Jäger!", datiert 1896
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2