Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Rodungssiedlungen, durch viele Burgen ge schützt und befestigt. Viele Ruinen von ein stigen Burgen und Schlössern legen noch heute für die Besiedlung und Urbarmachung dieses dem Nordwald abgerungenen Landes beredtes Zeugnis ab. Im Mühlviertel haben sich — wie anderswo auch, aber hier doch vielleicht aufgrund der besonderen geographischen Lage und be sonderen Strukturierung in kleinere Einhei ten — die Lebens- und Wirtschaftsformen in den letzten hundert Jahren ganz entschei dend verändert. Dies geschah einerseits langsam, aber stetig, in einem in seinen Aus wirkungen oft gar nicht gleich feststellbaren Entwicklungsprozeß über Generationen hin, andererseits aber auch sozusagen schubwei se, durch exakt feststellbare Änderungen in den Wirtschafts- und somit Sozialbedingun gen, durch Einführung neuer Technologien, sowohl in der Landwirtschaft, als auch im Ge werbe und im Handel, vor allem aber durch den Beginn der Industrialisierung, durch eine Veränderung in der Rohstoffrage und nicht zuletzt durch grundlegende Veränderungen in den politischen Verhältnissen und Gren zen in Europa nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, durch die 10 Jahre lang dauernde Besatzungszeit, durch den anschließenden wirtschaftlichen Aufschwung, durch die Schaffung und Entstehung neuer Infra struktur. Waren im vorindustriellen Zeitalter neben der Landwirtschaft das Handwerk und das Ge werbe die ausschlaggebenden Wirtschafts faktoren — was bedeutete, daß der Erwerbs tätige beim Erwerb seines Lebensunterhaltes auch über die eigenen Produktionsmittel ver fügte und somit weitgehend selbständig war —, so brachte die Industrialisierung die Lohn abhängigkeit mit sich und mit der damit ver bundenen Abnahme der Selbstversorgung ein immer stärkeres Ansteigen und ein immer dichteres Netz von Dienstleistungen. Es ent wickelte sich die heutige Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft. Es entstand der Arbeitsplatz, der — vor allem im Mühlviertel durch das Pendlertum — schon weitgehend nicht mehr ident ist mit dem Wohnplatz und Siedlungsort. Die landwirtschaftlichen Pro duktionseinheiten waren einerseits zu klein, andererseits — was die Produktionsbedin gungen betraf — so wenig qualifiziert, daß der daraus erwirtschaftete Erwerb die gestie genen Lebenshaltungskostenin der moder nen Dienstleistungsgesellschaft nicht mehr abdecken konnte und kann. Der nichtland wirtschaftliche Zuerwerb wurde zur Notwen digkeit und bildet noch heute einen wesent lichen wirtschaftlichen, aber auch sozial politischen Faktor. Über die Hälfte aller land wirtschaftlichen Betriebe im Mühlviertel wer den von sogenannten Nebenerwerbsbauern betrieben. Schon in den fünfziger Jahren setzte eine starke Pendlerbewegung in den oö. Zentralraum und hier vor allem nach Linz ein, die durch die Gründung der VOEST und der Stickstoffwerke sowie anderer Industrie betriebe eine starke Intensivierung erlebte. Vor allem die Grenzgebiete im Norden des oberen Mühlviertels wurden vom Wochen endpendeln erfaßt. Im Mühlviertler Raum in der Nähe von Linz, vor allem im unteren Mühlviertel, entwickelte sich das tägliche Pendlerwesen. Die Folge davon war in der Grenzregion im Norden des Mühlviertels Be völkerungsschwund und EntSiedlung. Die Gemeinden St. Stefan am Walde, Afiesl, Schönegg und das Gebiet um Guglwald wa ren und sind von der Abwanderung am stärk sten betroffen. Infolge der notwendigen Me chanisierung und Technisierung der landwirtschaftlichen Produktionsstätten, die im Zusammenhang mit der Wettbewerbsfä higkeit erforderlich waren, kam es zu einer Freisetzung von Arbeitskräften aus dem Agrarbereich. Aufgrund der nicht ausrei chend vorhandenen Industrie- und Gewerbeansiedlung, der von Dienstleistungsbetrie ben und der noch nicht ausgebauten Infrastruktur im Problembereich konnten diese freigesetzten Arbeitskräfte nicht in diesen Randzonen selbst, aber auch nicht in Zentralorten des Regionalraumes — wie Rohrbach, Bad Leonfelden, Freistadt — vom Arbeitsmarkt aufgenommen werden. Es gab zu viele Arbeitskräfte und zu wenig Arbeits stellen. Das ist auch heute noch so. Der Sog von Linz aus und von den dort gebotenen Arbeite- und Verdienstmöglichkeiten war und ist unvermindert stark. Man kann und soll sich vorstellen, was der Verlust dieser Ar beitsplätze in Linz, hier vor allem in der Ver staatlichten Industrie, für diese Problemre gion Mühlviertel bedeutet und welche Auswirkungen damit verbunden sind. Durch Strukturplanung und gelenkten Strukturwan del versucht man, diese Entwicklung in den Griff zu bekommen. Das Ziel ist die Schaf fung einer geeigneten Infrastruktur, sowohl was den Bereich der Industrie, als auch was den Dienstleistungssektor sowie Handel und Gewerbe betrifft. Diese Strukturmaßnahmen werden sich vor allem auf die regionalen Zen tralräume (Rohrbach, Freistadt) konzentrie ren und erstrecken müssen. Viel ist auf diesem Gebiet schon geschehen. Gewaltige Leistungen, auf vielen Ebenen — denken wir nur an den Sozial- und Schulbe reich sowie an die Einrichtung von Verwal tungsstellen und Interessensvertretungen — haben bereits ihre Früchte getragen. Das Ziel wird sicher jenes sein müssen, das Mühlvier tel aus der verhängnisvollen Abhängigkeit von der Landeshauptstadt Linz zu lösen, da durch, daß dieses Gebiet zu einem in wirt schaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht eigenständigen Lebensraum gestaltet wird. Dies muß jedoch mit einer solchen Behut samkeit, Überlegung, Einsicht und Sorgfalt geschehen, daß das Land nicht seine beson dere Charakteristik, sein Gesicht und seine Identität verliert. Jedes Mal, wenn ich — so wie viele andere auch, vor allem Linzer, die sich im Mühlviertel massenweise ihre Wochenendhäuser gebaut oder verlassene Bauernhöfe zu solchen um funktioniert haben — in dieses Land nördlich der Donau hinaufkomme, und bei St. Peter am Wimberg die steinernen Marterln mich als Zeugen einer längst vergangenen Zeit begrü ßen, wenn ich die ersten und nur noch selte nen übriggebliebenen Hopfengärten sehe, wenn von weither schon der Kirchturm und der mächtige Pfarrhof von St. Peter am Wim berg herüberleuchten und mich bei einer kur zen Rast der Duft der Wälder, Wiesen und Felder umfängt, wenn die Löwenzahnblumen im Frühling ein einziges gelbes Blütenmeer sind, wenn ich am Wegrand die bescheide nen kleinen Steinnelken sehe oder ganze Flecken weißer Margueriten und mittendrin als blaue Tupfer die Glockenblumen, wenn im Sommer das Getreide im nie aufzuhören scheinenden Wind sich wiegt, wenn der Kuckuck schreit oder eine Lerche hoch oben in der Himmelsluft trillert, oder wenn im Win ter eine endlos scheinende weiße Decke alles verhüllt und die laublosen Obstbäume stum me Zeichen des Weges sind, dann umfängt mich stets ein mir sehr vertrautes Gefühl, das mir sagt, jetzt bin ich wieder daheim. Und wenn ich dann, hoch oben im Böhmer wald, entlang dem Schwarzenbergischen Schwemmkanal stehe, der Donau und Mol dau verbindet, und ein wenig später von der Aussichtswarte am Moldaublick hinein ins Böhmische sehe — nach Oberplan, dem Ge burtsort jenes Dichters, der wie kein anderer diese Landschaft des Mühlviertels geistig und seelisch erfaßt hat und künstlerisch voll endet sprachlich auszudrücken vermochte: Adalbert Stifter, wenn mein Blick auf Glöckelberg und zur Ruine Wittinghausen, dem Stammsitz der Rosenberger sich wendet — und unter mir und rund um mich nichts als Wald — und dazwischen eingestreut ein paar Ortschaften — ist, und alles in eine einzige große, unbegreifliche und nicht faßbare Stille eingebettet ist, in der Himmel und Erde eins zu sein scheinen, dann erfaßt meist auch mich selber eine tiefe innere Ruhe, eine Art von Gelassenheit, von der ich mir vorstelle, daß sie eigentlich die beherrschende und be wirkende Kraft des Lebens sein sollte. Eines in das Andere fügt sich zum großen Geheim36

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