Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

zusammen die Maiandacht. Oft bin ich da als kleiner Ministrant mit dem Herrn Pfarrer mit gegangen. Es gab ganz bestimmte Marienlie der, die gesungen wurden, die man heute als nichtssagend oder kitschig abtut, die auch aus den Gesangs- und Gebetbüchern ver schwunden sind, die ich aber sehr liebte, weil sie etwas so kindlich Gläubiges ausdrückten. Unsere liebe Köchin Fanni, die nicht nur für uns kochte und den Haushalt führte, sondern die auch uns 10 Kinder wie ihre eigenen groß gezogen hat, sang diese Lieder immer beim Kochen und bei der Hausarbeit, und ich sang gerne mit ihr mit. Auch der Herz-Jesu-Freitag wurde sehr gefei ert, da war die Kirche immer voll. Wenn man an — ich glaube — neun Herz-Jesu-Freitagen zur Kirche ging und zu den Sakramen ten, dann war damit ein „vollkommener Ab laß" verbunden. Auch Wallfahrten gab es, sowohl Familien wallfahrten, als auch solche für einzelne Gruppen oder für die gesamte Pfarrei. Dies besonders in Verbindung mit den „Einkehrta gen" oder einer „Volksmission". Unser Wall fahrtsort war die Kirche Maria Trost am Rohr bach-Berg. Oder man fuhr — zuerst noch mit Lastwagen und auf den Bänken darauf, spä ter im Autobus — nach Maria Bründl im Exenholz bei Freistadt oder nach Maria Pötsch an der Großen Mühl bei Pürnstein; später nach Scharten und Mariazell. Überhaupt waren Ausflüge sehr beliebt und sind es auch heute noch bei den Mühlviertlern. Man wollte einmal heraus aus der Enge und Eingeschlossenheit. Oft waren solche Wallfahrten neben der Erfüllung eines Gelüb des auch ein sehr willkommener Anlaß, um „unter die Leut zu kommen", um in Gesell schaft zu sein, vor allem wenn man am Heim weg noch irgendwo „einkehrte". Zu diesen Wallfahrten als einem Fenster nach außen ka men und kommen noch immer viele Feste dazu, die einzelne Vereine, Orte oder Regio nen zusammen veranstalten. Jubiläumsfeste der Feuerwehr oder der Musikkapelle, Hei matfeste mit ihren Umzügen und den früher häufigen „Lebenden Bildern" auf den von Pferden gezogenen Wagen, die in bunten Aufzügen einen historischen Rückblick über Geschichte und Brauchtum des Landes ga ben. Weiters gab es Goldhaubentreffen, Bürgergardefeste mit Scheibenschießen zu Kaiser Franz Josephs Geburtstag, Bezirks jugendsingen u. a. Nach dem Krieg waren auch viele Glockenweihen — im Krieg wur den die Glocken ja eingezogen und ein geschmolzen, weil sie als Grundstoff für die Rüstungsindustrie dienten. Pfarrfeste und Kirchtage, Sommerfeste und Wiesenfeste, Erntedankfeste u. ä. wechselten einander ab. Diese Wallfahrten, Ausflüge und Feste dien ten und dienen nicht nur der „Erbauung" und in Erfüllung eines sozial-kommunikativen Be dürfnisses der Geselligkeit, sondern sie hat ten und haben neben der Funktion der Zusammengehörigkeitsbildung einer Ge meinschaft durch ihren Anschauungscharak ter auch einen großen und wertvollen Bil dungswert. Meist fuhr ja neben dem Herrn Pfarrer auch der Herr Lehrer mit oder sonst jemand Gebildeter, der alles erklärte. Viel Bil dungsgut wurde so durch leicht verständliche Erzählungen vermittelt. Nach dem Krieg, bis lange in die Zeit der Russenbesatzung hin ein, während der das Mühlviertel durch die Demarkationslinie bei Linz und Enns vom übrigen Österreich sehr abgeschlossen war, was vor allem die wirtschaftliche Entwicklung und die Schaffung einer Infrastruktur erheb lich erschwerte und verzögerte — man sprach lange davon, daß das Mühlviertel um zehn Jahre hinten sei — gab es in der Schule fast keine Lehrbücher, ja nicht einmal das nö tigste Unterrichtsmaterial. Da hing alles von der Qualität des Lehrers oder der Lehrerin ab. Ich hatte in der Person des „Fräulein Schulz", einer Dame von fast unbestimmbarem Alter, die gleiche Lehrerin,wie sie schon mein Va ter gehabt hatte. Sie war sehr streng und sehr freizügig im „Patzengeben" mit dem Staberl. Man mußte die Hand ausstrecken und sie schlug einem mit dem Staberl auf die Finger; wenn man ganz schlimm war, bekam man einen „verkehrten Patzen", das hieß auf die Fingerseite des Handrückens. Und wehe man hat dabei gezuckt, dann bekam man gleich noch einen. Wehleidigkeit konnte sie nicht leiden. Das war ein Zeichen von Schwä che. Im Mühlviertel ist die Härte zu Hause, so wohl was das Land und seine Frucht, den steinernen Granit, betrifft, als auch die in sich verschlossenen Menschen. „Das mußt halt aushalten", hieß es immer bei Schmerz und Mißgeschick. Durch den Unterricht und auch bei den Schulausflügen lernten wir unser Land und unsere Geschichte kennen. Dabei fiel auf, daß man, wenn man vom Mühlviertel sprach, eigentlich immer nur vom oberen Mühlviertel redete. Freistadt und die Gegend östlich da hinter, das war für uns weit weg und fast fremd. Erst viel später, auf den ersten Radtou ren und bei Ausflügen, schon mit dem Auto, mit meinen Eltern, oder dann von Linz aus bei Schulausflügen kam ich in dieses untere Mühlviertel und lernte auch erst spät seine Geschichte kennen, seine Burgen und Schlösser, die herrlichen, in ihrer Schlichtheit so beeindruckenden gotischen Landkirchen — wie die von St. Michael ob Rauchenödt (Oberrauchenödt) — und auch den berühm ten Kefermarkter Altar und die mittelalterliche Stadt Freistadt. Erst wiederum sehr viel später befaßte ich mich dann genauer und eingehender mit der Geschichte und Kultur dieses anderen Teils des Mühlviertels und mußte einen ziemlichen Unterschied in der Mentalität und in verschie denen Erscheinungsformen der Kultur und des Lebens im Vergleich zum oberen Mühl viertel feststellen. Der Nordwesten des oberen Mühlviertels, das an Bayern und die CSSR grenzt, ist land schaftlich, klimatisch und auch was die Sied lungsgeschichte und die Wirtschaftsentwick lung betrifft, vom Böhmerwald und seinen Ausläufern bestimmt. Die höchsten Erhebun gen dieses Urgesteinsgebirges, das zur Do nau hin zuerst in hügeligen Wellen und dann jäh und steil abfällt, sind der Hochficht (1337 m), der Sternstein bei Leonfelden und der Ameisberg bei Pfarrkirchen. Den Nord osten des unteren Mühlviertels beherrscht der Freiwald, der sich im Weinsberger Wald fortsetzt, mit seiner höchsten Erhebung, dem Viehberg (1172 m), in der Nähe des durch seine Hinterglasbilder im 19. Jahrhundert be rühmt gewordenen Ortes Sandl, der auch jahrelang Aufenthaltsort und Heimat des österreichischen Schriftstellers Herbert Ei senreich war. Beide Teile des Mühlviertels ha ben leider eines gemeinsam: die tote Grenze zum Nachbarstaat CSSR, die man bezeich nenderweise den „Eisernen Vorhang" nennt. Dieser Eiserne Vorhang ist — abgesehen von den Grenzübergängen nördlich Freistadt und Bad Leonfelden — nach dem Zweiten Welt krieg niedergegangen. Er ist das sichtbare und spürbare Zeichen des Angrenzens der Republik Österreich an den Ostblock und bil det eine unüberwindliche Barriere zwischen dem, was früher jahrhundertelang ein ge meinsamer Lebens- und Wirtschaftsraum ge wesen ist. Seither gibt es auch die — im Pendlerwesen und in der Entsiedelung der Grenzgebiete sich niederschlagende — star ke Orientierung nach dem Süden, in den oö. Zentralraum, vor allem nach Linz. Flüsse, Straßen, Täler — alles verläuft vom Norden nach Süden. Die West-Ost-Verbindung quer durch das Mühlviertel ist für den Verkehr erst durch den Ausbau der Sternwald-Bundes straße, die von Wegscheid über Rohrbach, Haslach und Leonfelden nach Freistadt führt, und für touristische Fußgeher durch die Er richtung des Nordwaldkammweges geschaf fen worden. Weiterhin bleibt aber die NordSüd-Orientierung als vorherrschend und prä gend bestehen. Das Mühlviertel hatte seine Bedeutung seit jeher dadurch, daß der kürze ste Weg von Italien nach Böhmen, von der Donau zur Moldau, durch dieses Gebiet führ te. Es waren die Handelswege, auf denen das Salz nach Norden gebracht wurde. Diese Handelswege wurden, so wie später dann die 34

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