Mühlviertel hießen sie bezeichnenderweise Palmbeserln. Manchmal waren diese Palmbuschen sogar gestückelt und einige Meter hoch. Unten waren sie mit „Segenbaum" der herrlich duftete, und Immergrün zusammen gebunden. Innen im Palm war ein dünner Stecken, auf dem schöne, rote Äpfel aufge spießt waren, und der ganze Palmbuschen war mit bunten Bändern, die im Wind flatter ten, herrlich geschmückt. Jedes Kind bis hin auf zu den 15- und 16jährigen hatte so einen Weihpalm; und man war sehr stolz darauf. Es war ein Wettstreit, wer den längsten hatte, den er natürlich auch mußte tragen können. War man darin unsicher, hat man gleich die spöttische Bemerkung gehört: „He Bua, wo geht denn dein Weihpalm mit dir hin?" Rohr bach war bekannt dafür, daß es dort die größ ten, die dicksten und längsten Palmbuschen gab. Als einmal ein besonders vorwitziger Bauernbub sich bei uns in der Kirche unter die Kanzel stellte und versucht hat, den Pfar rer während der Predigt auf der Kanzel mit dem Weihpalm an der Nase zu kitzeln, da hat der Herr Pfarrer plötzlich sein Taschenmes ser herausgenommen und einfach die Spitze vom Weihpalm abgeschnitten und laut ge sagt: „So, jetzt ist uns leichter — dir und mir." Alle Leute in der Kirche haben laut gelacht, auch der Pfarrer. — Humor gibt es also auch im Mühlviertel, wenn auch eher selten. Am Gründonnerstag war in der Früh eine Messe mit einem ganz festlichen Gloria, bei dem alle Glocken laut und lang geläutet ha ben; auch ich habe mit der Ministranten glocke fest geschellt. Und auf einmal war alles ruhig — „die Glocken sind nach Rom zum Heiligen Vater geflogen", hat man uns gesagt. Ab Gründonnerstag sind wir Buben „Ratschen gegangen": Um 12 Uhr, wenn sonst die Mittagsglocken geläutet haben, sind wir — etwa zwanzig bis dreißig Buben — durch den Ort marschiert und haben ge schrien „Ratschen-ratschen Zwölfe" und dann dazu geratscht. Auch in die Häuser sind wir ratschen gegangen und überall vor jeder Tür das „Engel des Herrn"-Beten. Am Kar samstag sind wir dann „absammeln" gegan gen; da haben wir Eier, Speck, Geld, Süßig keiten und anderes bekommen, das nachher vom Herrn Pfarrer unter uns aufgeteilt wurde. Am Karfreitag war keine Messe, dafür aber eine lange Liturgie, mit Lesungen, Fürbitten und Kreuzverehrung. Während des Liedes „Heil'ges Kreuz sei hoch verehrt, Zeichen Christi, meines Herrn ..." sind alle nach vor ne zum Kommuniongitter (das es auch nicht mehr gibt) gegangen und haben die Wunden Jesu Christi am Kreuz geküßt. Das war ein Zeichen der Demut und der Anteilnahme am Tod Jesu. Auch der stolzeste Bauer hätte dieses Zeichen nie verweigert. Karfreitag war ein strenger Fasttag; natürlich gab es kein Fleisch — wie früher an allen Freitagen —, und nur eine Mahlzeit, meist Erbsensuppe, bei der man sich nicht ganz sattessen durfte. Auch singen, musizieren, lärmen oder „aus gelassen sein" durfte man nicht an diesem Tag. Am Gründonnerstag, Karfreitag und Kar samstag (bis zur „Auferstehung") waren die Betstunden; von früh bis spät. Der Herr Pfar rer hat die Einteilung der Betstunden nach Dörfern und Ortsvierteln von der Kanzel her ab verkündet. Und jeder hatte „seine Betstun de". Die Leute haben sich auch stundenlang zum Beichten angestellt. Alles stand unter dem Zeichen von Einkehr, Besinnung, Buße und Demut. Um 3 Uhr nachmittags, zur To deszeit Jesu Christi, wurde jede Arbeit oder Beschäftigung durch einige Minuten des Ge denkens und der Stille unterbrochen. Ab dieser Zeit wurde dann auch in der Kirche das „Heilige Grab" aufgestellt. Am Karsamstag war früher „die Auferste hung", bevor die Osternacht eingeführt wur de. Die war meistens um 5 Uhr abends. Die Liturgie war die gleiche wie heute; es gab das Osterfeuer draußen vor bzw. hinter der Kir che. Dann kam der Priester; alles war völlig dunkel. Er zündete die Osterkerze am ge weihten Feuer an und klopfte dreimal ans Kir chentor. Dann ging die Prozession in die Kir che. Hierauf folgte die Weihe der Osterkerze. Beim Gloria kamen dann „die Glocken aus Rom zurück", läuteten wie verrückt, und alle sangen laut und inbrünstig „Der Heiland ist erstanden, befreit von Todesbanden ..." Das Mysterium der Erlösung und der Auferste hung von den Toten, am Beispiel Jesu Christi als einem erlebbaren und sichtbaren Zeichen und als Hinweis auf die eigene verheißene Erlösung und Auferstehung, in der Liturgie verdeutlicht, war etwas, das nicht so sehr mit dem Intellekt begriffen wurde, weil es ja — ein Mysterium — nicht begreifbar, sondern als Wirklichkeit nur im Glauben erfahrbar ist, er faßte damals vielmehr den ganzen Menschen bis ins Innerste hinein. Die Inbrunst und tiefe Religiosität war in solchen Tagen und Stun den als etwas Gesamtprägendes spürbar und erlebbar. Der eigene Tod und der Glaube an die Auferstehung waren damit verbunden. Wenn man heute vom Tod und vom Sterben redet, so scheint mir, denkt man mehr an Kli niken, Apparate, weiße Wände, an eine große Leere und an das Ende des Lebens. Der Tod hat seine Dimension verloren, damit auch das Leben. Das Fest mit der größten Prachtentfaltung aber, das den sichtbarsten und deutlichsten Ausdruck der Pfarrgemeinschaft und ihrer gesellschaftlichen Sozialstruktur bot, ein Schauspiel ganz besonderer Art, ein Fest des im 19. Jahrhundert stark gewordenen Bürger tums mit seiner vielfältig abgestuften Stände gliederung, bei der die enge Verbindung von Kirche und Öffentlichkeit wieder deutlich in den Vordergrund tritt, war und ist noch immer das Fronleichnamsfest mit der Fronleich namsprozession. Früher hieß der Fronleich namstag auch „Kranzitag", weil alle Kinder mit Blumenkränzen aus Margueriten und Kuttelkraut (wilder Thymian) geschmückt waren. Im ganzen Ort wurden schon am Vortag frisch geschlagene Birken aufgestellt. Die Fahnen wurden ausgehängt und in die Fen ster wurden Heiligenbilder und Kruzifixe mit Blumen und brennenden Kerzen gestellt. Im Ort wurden vier Altäre errichtet, wo dann die Prozession jedesmal für eine kurze Andacht mit Lesung und den Segen haltmachte. In der Früh wurden die Leute schon durch Böller schüsse der Bürgerwehr, die aus der Natio nalgarde nach der Franzosenbesetzung 1808/1809 als Landwehr sich gebildet hatte, geweckt. Wir durften — oder soll ich sagen: wir mußten — die schönsten „Gwandln" an ziehen; die Mädchen waren ganz in Weiß, die Buben in ihrem ersten und meist einzigen An zug, manchmal ein Matrosenanzug. Wir gin gen geschlossen in Gruppen, Buben und Mädchen getrennt, als wir schon größer waIm Böhmerwald, signiert und datiert 1982, 22 X 35 cm 32
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2