kirchlichen Festen, im Stift Schlag!. In den letzten Jahren spielte er auch oft am Sonntag die Orgel in der Kirche in St. Wolfgang am Stein, einer Wallfahrtskirche, die ihre Grün dung der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges und der Bauernaufstände sowie der darauffolgenden Rekatholisierung, der Ge genreformation, verdankt. Religion und Kirche, oder besser gesagt: Re ligiosität und eine tiefe, vor allem emotional verankerte Frömmigkeit, bildeten überhaupt den Grundpfeiler des privaten und öffentlich gesellschaftlichen Lebens. Die Macht der Kir che war aber durch Jahrhunderte hindurch — und gerade im Mühlviertel — nicht nur eine Macht des Geistes und eine Kraft der Contemplation. Ihre — auch heute noch durch aus spürbare — weltliche Macht und Bedeu tung war in ihrer politischen Stellung begründet, die sie als Vertreter der Kolonialisierungs- und Lehensherren oder als reichsunmittelbare Fürsten (wie z. B. die Bischöfe und das Hochstift Passau) vom 12. bis ins 19. Jahrhundert einnahm. Die Klöster und Stifte — Schlägl, Baumgartenberg, Säbnich-Waldhausen, Wilhering, St. Florian, Kremsmünster, um nur die für das Mühlviertel wichtigsten zu nennen — waren, wie es ihre Bezeichnung verdeutlicht, Stiftungen adeli ger Grundherren oder der Landesfürsten, mit der Zielsetzung und dem Auftrag sowohl der Christianisierung, als auch der Kolonialisierung der ihr kirchlich oder weltlich zugehöri gen Gebiete. Sie betrieben die Rodungen selbst. Das ganze Land war ursprünglich von einem undurchdringlichen Urwald, dem Nordwald, überdeckt, durch den allerdings schon in frühester Zeit Handelswege, als er stes die Salzsteige, vom Süden nach Norden führten. Sie gründeten und betreuten die Ro dungspfarren, die Altpfarren, aus denen sich dann weitere Pfarreigründungen ergaben. Der Jahresablauf erfuhr seine natürliche Gliederung durch die Jahreszeiten und die damit verbundenen Tätigkeiten, sowohl in der Landwirtschaft — wie das Säen, die Feld arbeit und die Ernte — als auch im Handel (durch Märkte, wie z. B. der große Nikolai markt am 6. Dezember in Haslach) und im Gewerbe, aber auch vor allem durch die ho hen kirchlichen Feste — wie Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, Allerheili gen/Allerseelen — und durch die Einteilung des Kirchenjahres in bestimmte Abschnitte, wie den Advent und die Fastenzeit; oder im gesellschaftlichen Bereich durch den Fa sching. Der Lebenslauf wiederum erhielt seine bestimmenden und bleibenden Erlebnis- und Erinnerungswerte durch Ge burten, Taufen, durch die damit verbundenen und gefeierten Geburts- und Namenstage, durch die Erstkommunion, die Firmung, durch den Schuleintritt und den Schulbe such. Die Schule bedeutete für viele Kinder, vor allem für die Bauernkinder aus den weit entfernt liegenden Dörfern und Siedlungen, auch eine Öffnung nach außen aus ihrer doch vorhandenen familiären und kleinge meinschaftlichen Geschlossenheit, und auch einen Lernprozeß im Sinne der sozialen Inte gration. Ganz besonders wichtig waren natür lich die Hochzeiten, die je nach Zugehörig keit zum sozialen Stand oder nach eigenem Sozialstatus gestaltet und gefeiert — im Mühlviertel nannte man das „ausgerichtet" und die Braut war „ausstaffiert" — wurden. Da gab es eine „kleine Hochzeit" und eine „große Hochzeit". Die schönsten Hochzeiten waren die großen Bauernhochzeiten, wo die Hochzeitsgesellschaft bei einer großen Ver wandtschaft oft 150 Leute ausmachte — man wollte zeigen, was man hatte und in welches Haus die zukünftige Bäuerin einheiratete oder aus welchem Haus der Bräutigam stammte. Da lohnte sich für den „Vorspanner" das Vorspannen, wenn der Hochzeitszug aus der Kirche kam und nicht eher passieren durfte, als bis jeder seinen Obolus in das an einem Strick hängende Körberl entrichtet hatte, nachdem der Vorspanner dem Braut paar Glück und Segen gewünscht hatte. Vor an ging die Blasmusik, die Bauernmusi, lau ter Blech- und Holzbläser — bei uns war das die „Koanzn-Musi" —, die dann auch von einem Gasthaus zum anderen spielte und natürlich auch am Abend beim Hochzeits tanz. Alles hatte seine Ordnung, jeder hatte seinen „Stand", der auch seinem Stand im Sozialgefüge entsprach. Wichtig waren auch die Begräbnisse, wo un ter großer Teilnahme von Verwandten, Freun den, Nachbarn und Bekannten und oft mit Abordnungen von Jagdkameraden, Feuer wehr, Bürgergarde und Musik, der oder die Verstorbene — die früher ja noch im eigenen Haus und zur Totenwache aufgebahrt wurden — in einem großen Trauerzug auf dem letzten Weg begleitet wurde. Der große Ernst und die tiefe Trauer, die die Menschen dort oben oft noch mehr in sich selber einschloß, als sie es ohnedies immer schon waren, dieses große Abschiednehmen, haben mich stets —schon als kleinen Ministranten, der an vielen sol chen Begräbnissen beteiligt war — auf das tiefste beeindruckt und erschüttert. Umso mehr habe ich mich immer auf die schönen Feste gefreut. Und meine Eltern ha ben uns Kindern dadurch ein kostbares Ge schenk für das ganze Leben gegeben, indem sie mit besonderer Liebe und Sorgfalt, aber auch mit der dazu passenden und erforder lichen Großzügigkeit diese Feste gestaltet und mit uns gefeiert haben. Es war sicher auch damit der Wille zur sichtbaren Zeichen setzung dafür verbunden, welchen Stellen wert Kirche und Religion im Leben einnah men und einnehmen sollen. Schon lange vor Weihnachten begann die vier Wochen dauernde Zeit des Advent. Es war noch dunkel und kalt, wenn wir in die Kir che zur Rorate gingen; aber drinnen umfing uns mit den ersten Strophen des Liedes „Tau et Himmel dem Gerechten ..." eine tiefe, letz ten Endes eine aus einer unbekannten Mystik heraus geborene innere Wärme. Wie leben dig sind noch diese Erlebnisse als Bilder aus einer längst vergangenen Zeit in mir: Wenn nach der letzten Adventandacht, die im Kreis der Familie täglich mit Rosenkranzbe ten und einer kurzen Betrachtung stattfand, der Vater ganz feierlich das Weihnachts evangelium vorlas, alle vier Kerzen hell am Adventkranz brannten, und mitten in unser Singen — „St. Joseph geht von Tür zu Tür" oder „Ihr Kinderlein kommet" — plötzlich und ganz zart das Glöcklein läutete und wir in das andere Zimmer hinaufgingen, wo uns ein hell erleuchteter Christbaum wie ein Wunder empfing. Einen Augenblick solcher Freude habe ich nie mehr in meinem Leben erlebt. Es war auch das Erlebnis der Familienge meinschaft, die wiederum in der Gemein schaft mit Gott begründet war und von daher Sinn, Ausdruck und Erfüllung bezog. Und wenn dann das Turmblasen begann und wir zur Mette in die Kirche gingen. Überall hörte man die kleinen Glöckchen vom Pferdege schirr läuten. Die Bauern fuhren, bevor sie in den 50er- und 60er Jahren auf Kraftfahrzeu ge umgestiegen sind, im Winter noch mit ihren Pferdeschlitten und im Sommer mit den Kutschen zur Messe. Und dann die Mette! Die feierliche Liturgie, mit allen Priestern der Pfarre gemeinsam gefeiert. Da gab es noch lateinische Messen. Und nach der Wandlung erklang, von allen gesungen, das „Stille Nacht". Das alles war mehr als bloße liturgi sche Handlung, das war tiefstes Erleben der Frohbotschaft „Ein Kind ist uns geboren, in einem Stall zu Bethlehem". Dann kam das Osterfest mit der vorangehen den Karwoche und der Fastenzeit, die mit dem Aschermittwoch begann, an dem man vom Priester Asche auf das Haupt gestreut bekam, mit den Worten: „Gedenke Mensch, du bist aus Staub und wirst zu Staube wer den!" In der Kirche wurden die Bilder und Statuen an den Altären mit einem großen, violetten Fastentuch verhängt. Lange vor der Karwoche schon suchte man die schönsten Haselnußstauden mit den längsten und gera desten Trieben, schnitt sie ab und stellte sie in Wasser in der Nähe des Ofens, damit sie austrieben. Am Abend vor dem Palmsonntag banden dann die Eltern für uns Kinder die Palmbuschen oder Weihpalm. Im unteren 31
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