durch bedingten Inflation nach dem Ersten Weltkrieg das Studium abbrechen. Vorher hatte er aber bereits meine Mutter kennenge lernt, die in Haslach im Lindorfer-Kaufhaus als Verkäuferin angestellt war. Viele Jahre sind sie „miteinander gegangen", bevor sie heiraten konnten. Dann sind sie ein ganzes, langes Leben miteinander gegangen; und hatten zehn Kinder. Meine Mutter war nicht aus dem Mühlviertel — sie stammte von drüben aus der Grieskirchner- und Eferdinger-Gegend — und sie war, man könnte fast sagen: in allem das Gegenteil zu meinem Vater und auch zu dem, was man als Mühlviertler-Mentalität be zeichnen mag. Aus ihrem zeitlebens nicht ab gelegten Widerspruch zu allem im Mühlvier tel Vorgefundenen, den sie manchmal sogar heftig artikulieren konnte, bezog ich die beste und treffendste Beschreibung dessen, was das Mühlviertel und der Mühlviertler — wenn man das so verallgemeinernd überhaupt sa gen darf — ist. Sie sprach immer davon, wie verschieden voneinander der „Menschen schlag" hüben und drüben sei. Aber je länger sie im Mühlviertel lebte, umso mehr und inni ger liebte sie beides: das Land und die Leute. War der Vater ruhig, verhalten, still, an spruchslos, bescheiden und gefügig, ja gera dezu in sein Leben und Schicksal und in die Gegebenheiten des Alltags ergeben, eher weich, aber doch von einer gewissen Be stimmtheit, Beständigkeit und Beharrlichkeit und liebte er die Zurückgezogenheit, auch die in sich selber und in das Schweigen, also — bei aller wesensmäßigen und charakterli chen Individualität doch Eigenschaften, ja Ei genheiten des Mühlviertler Menschenschla ges, so war meine Mutter im Gegensatz dazu lebendig, dynamisch, ständig in einer gewis sen Unruhe, die alle möglichen — mein Vater sagte: unmöglichen — Pläne reifen ließ. Sie war anspruchsvoll, fordernd, voll Wider spruchsgeist, der sie nichts ungefragt und wi derspruchslos und manches nur in schwer auferlegter Disziplin hinnehmen ließ; sie war sprunghaft, manchmal sogar unberechen bar, in ihrem Wesen eigentlich immer. Für sie mußte alles leben, lebendig sein, stete Verän derungen liebte sie, genauso wie das Infragestellen und das Hinterfragen des Selbstver ständlichen, den regen Umgang, auch in langen Gesprächen und Diskussionen, mit den Leuten. Sie konnte begeistert sein und sich für etwas begeistern. Sie mochte keine Disziplin. Ihr Ich war immer in Aufruhr und Auflehnung. Sie wollte über etwas hinaus, über jene Barrieren, die man in der Gegend und tjei den Menschen hier als — der Vater hätte es so genannt — gottgewollte und gott gegebene Ordnung ansah und so selbstver ständlich hinnahm und akzeptierte. Sie war oft voll Euphorie über die Schönheit und die mehr als nur sinnlich erlebbare und stimulierende Wirkung der Landschaft, wenn wir an einem jener wunderbar klaren Herbst tage irgendwo „oben auf der Höh" — bei der Winkler-Wirtin „auf der Hoad" bei St. Stefan am Walde, beim Berger-Wirt in Afiesl, am Hansberg oder am Ameisberg — saßen und hinunterschauten in die traumhaft schöne, wie ein Bilderbuch Gottes vor uns ausgebrei tete Landschaft mit dem Toten Gebirge der Alpen am Horizont. Sie sagte dann voll Über schwang: „Mein Gott, Vater, Ist das schön, fast nicht zum Aushalten!" Und der Vater sag te darauf: „Ja, is eh schön." Der Vater war, wie ein Kind, eingebettet in diese Schönheit, er
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