Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Das Mühlviertel — Land und Leute Auf den Spuren der Erinnerung Peter Paul Wiplinger Illustrationen; Holzschnitte von Horst Bernhard Jedes Mal, wenn ich — und dies seit bald 40 Jahren — von Linz-Urfahr aus, an Puchenau und Ottensheim entlang der Donau vorbei ins Mühlviertel komme und beim Bahnhof Rot tenegg die Große RodI überquere, muß ich daran denken, was mir — meist an der glei chen Stelle und bei der gleichen Gelegenheit — mein Vater von meinem Großvater erzählt hat: Daß nämlich der Großvater, der Frächter, d. h. Bote war, und der mit seinen Pferden — noch bevor die Mühlkreisbahn gebaut war (1888) — die Fracht aus Linz-Urfahr nach Haslach ins Mühlviertel und von dort in die nähere Umgebung gebracht hat, jedes Mal beim Gasthaus „Saurüssel", das es auch schon längst nicht mehr gibt, abgestiegen ist. Dort hat er seine Rösser versorgt und ist dann ins Gasthaus eingekehrt, hat sich ein Viertel Weißwein und eine Knackwurst ge kauft und sich so vor der langen, steilen und gewundenen Wegstrecke des „Saurüssels" gestärkt. Und daß er dann nicht wieder auf den Wagen aufgesessen, sondern den gan zen langen Weg neben den Pferden herge gangen ist und sie geführt hat, damit es die Pferde nicht so schwer haben. Erst nach dem „Saurüssel", bei der heutigen Bahnstation Lacken, Ist er wieder aufgestiegen. Wenn er über Neufelden gefahren ist, hat er in Altenfelden, und wenn er über St. Peter am Wim berg gefahren ist, hat er dort noch einmal Rast gemacht und ist eingekehrt. Oft ist er erst spät in der Nacht nach Hause gekom men, manchmal ist er auf dem Kutschbock eingenickt, aber die Pferde haben ihren Weg gewußt, weil „die Rösser sind ja gescheit, oft mehr als die Leut", das war sein Spruch. Und er hat seine Rösser über alles geliebt. Mit ihnen hat er sogar geredet — mit den Kin dern, die noch „Sie" oder „Herr Vater" haben sagen müssen, sowieso nichts, mit der Frau nur selten, das Allernötigste. Er war ein schweigsamer Mensch, nicht sehr umgäng lich, wortkarg, verschlossen, streng. Ein ech ter Roanbauer, ein Mühlviertler. Beim Roanbauer — das war ein schöner, gro ßer Hof, den es heute auch nicht mehr gibt, weil man ihn abgerissen hat und statt dessen ein „Lego-Häusl" mit großen Fenstern und Gästebetten für die Fremden im Sommer, die „Urlaub auf dem Bauernhof" machen, hinge setzt hat — gab es immer viele Kinder. Beim Urgroßvater, Jakob Wiplinger (geb. 1811), wa ren es 16 oder 17; viele sind schon früh, manche noch vor Erreichung des Schulalters gestorben. „Was Lediges" hat er auch ge habt, darüber aber hat man sich nicht viel aufgeregt, das war halt so. Alle Kinder haben mit 14 Jahren vom Hof weg müssen, damit es von vorneherein keinen Streit gibt. Nur der Älteste oder der Jüngste, je nachdem, wer für die Hofübernahme aus ersehen war, ist am Hof geblieben. Der hat dann am eigenen Hof als „Knechtl" anfangen müssen und er hat dann nicht mehr gegolten als die anderen Dienstleute, eher ist er noch härter angefaßt worden. Die anderen Kinder sind alle der Reihe nach „in Dienst" gekom men. Von Maria Lichtmeß (2. Februar) bis zur nächsten Maria Lichtmeß ist der Vertrag ge gangen. Der war zwischen dem Dienstherrn und dem Vater des Dienstboten ausgemacht und wurde mit einem Handschlag — „es gilt" — besiegelt. Geld hat es meist keines gege ben, nur Kost und was ausgemacht war an Gewand. Dafür harte Arbeit von früh bis spät in die Nacht — von 5 Uhr früh im Sommer, in der Erntezeit sogar von 3 Uhr früh, bis es dun kel war. Am Sonntag nachmittag war frei. Da war auch um 2 Uhr „der Segen" in der Kirche. Ins Wirtshaus gehen, das war nur etwas für die Bauern. Heimgekommen auf den elterli chen Hof ist unterm Jahr kaum jemand, und später hat man sich irgendwie aus den Augen verloren. Auf meine Frage, was denn mit den vielen Geschwistern vom Großvater war, wo sie hin gekommen sind, was sie beruflich gemacht und ob sie Familien gehabt haben, hat mir mein Vater immer nur zur Antwort gegeben: „Mein Gott, das weiß ich nicht, dein Großvater hat darüber nie gesprochen." Ich habe nie Geschwister von meinem Vater zu Gesicht bekommen. Auf die Frage, ob er sich das nicht gewünscht hätte, ob er nicht irgendwie unglücklich gewesen sei in dieser — heute würde man sagen — familiären Isolation, hat mein Vater immer nur gesagt: „Na warum, so war's halt. — Und die Mutter war eh lieb zu uns Kindern und ein guter Mensch." Mein Vater wuchs zwar nicht in ärmlichen, aber doch in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Großmutter, 1877 geboren, hatte das Geschäftliche in der Hand — sie war die letz te „Linzer Botin" — und neben der Aufgabe der Kindererziehung betrieb sie auch eine winzig kleine Landwirtschaft, d. h. es gab ein, zwei Kühe, ein paar Schweine und Hühner. Selbstverständlich stand auch bei ihr da heim, so wie in vielen anderen Haslacher Haushalten, ein Handwebstuhl, auf dem sie in Heimarbeit webte — ein kleiner Zuerwerb in Lohnarbeit. Die Leinwand wurde im Stück erzeugt, gehandelt und abgerechnet. Auch für den Eigenbedarf wurde gewebt: Lein tücher, Hand- und Geschirrtücher,Gradl u. a. Noch heute hüte ich ein Stück solcher Groß mutterleinwand, die ich von meiner Mutter bekommen habe, wie einen Familienschatz, der er ja auch ist. Zur Hausweberei kam in vielen Familien als weiterer Nebenerwerb auch noch das sogenannte „Knopferlnähen". Da saßen die weiblichen Familienangehöri gen — und das bedeutete natürlich auch Mädchen mit 10 Jahren schon — rund um einen Tisch, auf dem ein Berg Eisenringerl lag, die alle mit Zwirn eingefaßt und ausge näht wurden. Bezahlt wurde nach Stückzahl; das war also die erste Akkordarbeit in der Hausindustrie. Das Leben war bescheiden und einfach, so auch die Kost. An Wochentagen gab es Kraut und Erdäpfel, das hatte man ja selbst vom Acker. Am Samstag aber gab es auch manch mal Rindfleisch mit Semmelkren und am Sonntag ein „BratI" mit Mühlviertler Mehlknö deln. Das Fleisch teilte bei Tisch immer die Mutter aus; als erster bekam der Vater und dann nach dem Alter zuerst die Söhne und dann die Töchter. Eine besondere, heute von der Speisekarte fast schon ganz verschwun dene Spezialität waren die gebackenen Speckknödel: Schwarzer Speck in Erdäpfel teig, mit einem Gemisch aus abgesprudelten Eiern und Milch überschüttet und dann im Rohr gebacken; dazu natürlich Kraut. Dann auch die Leinölerdäpfel: mit der Schale ge kocht und dann geschält, zerdrückte man sie im Teller mit der Gabel und machte in der Mit te eine kleine Vertiefung, in die man das hei ße Leinöl hineingoß. Dazu trank man heiße Milch. Das Leinöl hatte man von den Kapseln des Leinenhanfes, es wurde in Mühlen ge schlagen. Überall, vor allem im oberen Mühl viertel, wurde ja der Hanf, der das Grundma terial für die Leinenerzeugung war, ange pflanzt. Zur Blütezeit waren die Hügel überall blau vom blühenden Hanf. Mit dem Aufkom men der Baumwolle als Grundstoff für die Textilindustrie und mit den ersten Baumwoll spinnereien ist das dann alles verschwun den. — Abends gab es Milch-, Rahm- oder" Mehlsuppe, saure Suppe oder ein „Koch". Dieses war warm oder kalt, entweder ein Grieß-, Beeren- oder Apfelkoch. Dazu gewutzelte Erdäpfelnudeln oder Grieß- bzw. Brösel nudeln. Auch das Hollerkoch, mit Äpfeln oder Zwetschken drinnen, gab es oft, meistens am Freitag. Dann noch die sogenannten „Wes pennester": ausgewalgter Erdäpfelteig, mit Schwarzbeeren gefüllt und zu kleinen Ta schen geformt, die man aufgeschichtet in einer Rein überbackte. Auch an die „Sähbean-Nudeln erinnere ich mich noch. Es waren Erdäpfelnudeln mit saurer Milch und Apfel stückchen; wie sie schmeckten, weiß ich noch heute — wie man diese schreibt, konnte ich jedoch nie in Erfahrung bringen. Beliebt war auch das Geselchte, auch als Ripperl fleisch, sowohl warm als Hauptspeise als auch kalt zur Jause. Der Großvater hat es am liebsten gehabt, wenn das Fleisch schon „einen Stich" gehabt hat und „geblattelt" hat; heute würde man solches Fleisch als verdor ben bezeichnen und wegwerfen. 27

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