Oberösterreich, 38. Jahrgang, Heft 1, 1988

Zwischen Verfall und Veränderung — Burgen des Mühlvlertels Günther Kleinhanns Luftaufnahmen: Gerhard Aigner Mein hauß hat keinen gibel es ist mir worden alt czerbrochen sin mir dye rigel mein stüblein ist mir kalt 1467 Unsere Zeit scheint tatsächlich eine Zeit der extremen Rekorde zu sein! Höchster Wohl stand in der Alten Welt und schlechteste Um weltbeschaffenheit; größter Fahrzeugbe stand und anfälligste Verkehrssysteme; gesetzlicher Denkmalschutz und höchste Verlustratenl Noch in keinem Jahrhundert vor unserem ging soviel an gebautem Kulturgut zugrunde wie in diesem. Obwohl seit der Renaissance mehr und mehr In- und Aufschriften Gegenstände und Bau werke in diesem Lande zu Denkmalen prä gen, obwohl Denkmal-Schaffung wie auch Denkmal-Erhaltung große Tradition besitzen — eine der ältesten gesellschaftlichen Ein richtungen Oberösterreichs ist ein „MusealVerein", gegründet 1836, — eines der frühesten Gesetze der jungen Republik Österreich war ein Denkmalschutzgesetz von 1923 —, obwohl schon seit 1852 eine kaiserlich-könig liche Central-Commission zur Erforschung und Erhaltung der Baudenkmale bestand, scheint der Untergang der gebauten Sach zeugen unserer Kulturgeschichte noch nie mals — den Dreißigjährigen Krieg vielleicht ausgenommen — so rasend schnell erfolgt zu sein. Die mitteleuropäischen Burgen waren das Rückgrat eines gewagt ausgebauten, aber empfindlich auf ökonomische Veränderun gen reagierenden Kultivierungssystems, dem wir unsere vielgestaltige Kulturlandschaft, vieles unserer hochentwickelten Zivilisation und auch endlich unsere Staatswesen ver danken. Stadt und städtische Zivilisation prägen heute unsere Welt. Aber noch vor den Städ ten waren die Burgen, noch vor den Stadtver waltungen bestand die einzelne Herrschaft, vor den Communen agierte der bewaffnete Siedler. Das erste Auftreten von Burgen in unserem Raum fällt mit der Ausgestaltung der mittelal terlichen Landesverwaltung zusammen. Das letzte Aufblühen der Burgenbaukunst wurde hervorgerufen durch einen revolutionären Umbruch in der Kriegstechnik: die Ent deckung, Herstellung und Anwendung des Schießpulvers. Nach dem Schock der ungarischen Invasion von 955 scheint ein massives, auch aus vie len Urkunden ablesbares Bestreben nach einem geordneten Landesausbau in Ostbaiern ausgelöst worden zu sein. Nach der Inbesitznahme und Verteilung der ertragreichen, wichtigen und schönen Plätze im Alpenvorland, an den Flüssen, an den Seen, auf den guten Ackerböden, an den Südhängen, bei besonderen Quellen und nahe den wildreichen Forsten bot sich den nachdrängenden Enkeln und den weichen den Erblassern nur mehr das Vordringen in das Unerschlossene, Unbekannte, Fremde und zugleich auch Gefahrvolle an. Das Aben teuer der Kolonisation des Granitberglandes jenseits der Donau lockte die Enkel und Ur enkel der Kämpen des Augsburger Lechfelds. Als die niederbairischen und Traungauer Herrschaften begannen die Donau zu über setzen, begann gerade die Erinnerung an die ferne Zentralgewalt der zwischne Rhein und Rom pendelnden Könige langsam zu ver blassen. Der Glaube an das Gottesgnadentum der Herrscher wurde angekratzt im ste ten Hickhack der großen Fürstenfamilien. Landesherren wurden eingesetzt, verbannt, wieder rehabilitiert. Geistliche und weltliche Macht stellten bald Gegensätze, bald wieder eine Einheit dar. Was blieb, war der persön lich behauptete Besitz, das eigene gesicher te Leben und Erleben und das der „familia", das Wohlergehen der überschaubaren, zu sammenhängenden Landschaften und Gaue. Burgen bedeuteten Freiheit in Ord nung, auch Sicherheit, Besitzerweiterungund behauptung, Unabhängigkeit. Die Befestigung etwa der llzmündung durch Burg Oberhaus, der Rannaschlucht mit Rannariedl, der Mühlmündungmit Neuhaus,der Brückenköpfe von Freudenstein, Ottens heim, Steyregg und Luftenberg, des Hasel grabens mit Wildberg, der vorgeschobenen Geländestufen mit Clam, Perg, Baumgarten berg, Arbing, Säbnich und Kreuzen, sowie der verkehrsgünstigen Beckenlandschaften von Riedegg-Gallneukirchen und Freistadt entspricht etwa noch der ersten Phase des Brückenschlages zum linken Stromufer im Rahmen eines ruhig ablaufenden Landes ausbaues. Eine überraschend hohe Zahl von kleinen Burgen entlang sämtlicher Kämme und Grä ben des auslaufenden Böhmerwaldes deutet auf eine Zeit hastiger und rundherum unsi cherer Aufschließung des waldigen Berglan des hin. Hier spiegelt sich die politische Ent wicklung Mitteleuropas im 12. und 13. Jahrhundert im Kleinen wider, mit der zuneh menden Rechtsunsicherheit, den Übergrif fen, Intrigen und auch einer geistig-ideologi schen Krisensituation. In diese Zeit fällt die Besiedlung der Waldge birge von der Oberpfalz über Böhmer- und Nordwald bis zum Waldviertel in Niederöster reich, darin eingebettet das Mühlviertel: Rodelland, Riedmark und Machland. Hand in Hand mit der Aussicht auf Lehens und Afterlehensbesitz nahe der Geburtshei mat oder auch unter der angestammten Oberherrschaft war neben dem Anwachsen der Bevölkerung auch — wie immer in der Geschichte — eine starke wirtschaftliche Motivation vorhanden: der Reichtum an rela tiv leicht nutzbaren, wasser- und gefällsreichen Bergbächen. Die Entwicklung und ra sche Verbreitung der oberschlächtigen Wasserräder gab diesen klimatisch wie land wirtschaftlich nicht allzu üppigen Berg- und Waldlandschaften an den verkehrsgünstigen Abschnitten die Aussicht auf reiche, kleinge werbliche Möglichkeiten. Nicht zuletzt erscheint die Bezeichnung Mühlviertel (urkundl. erst 1478) für das Gebiet zwischen Hz und Haselbach ein Hinweis auf die Besonderheit in diesem Landstrich an den gleichnamigen Flüssen zu sein. Unter diesen politischen und wirtschaftlichen Aspekten, unter gewissem bevölkerungspoli tischem Druck und unter für den Wehrbau günstigeren Voraussetzungen — Kleinteiligkeit der Oberflächenformen und Holz und Stein ausreichend vorhanden — entstanden links der Donau etwa fünfmal soviele Burgen als im Altsiedelgebiet des Alpenvorlandes. Im Mittelalter dürfte es rechts der Donau etwa 80, links aber rund 400 Ansitze mit Wehranla gen gegeben haben. Für Oberösterreich bedeutet das heute etwa sechzig größere Burgen und Burgruinen im Mühlviertel, und je ein Dutzend im Traun-, Hausruck- und Innviertel. Die besondere politische Lage im ehemali gen Nordwaldgebiet jenseits der Donau er gab sich aus den Gebietsansprüchen der ein zelnen reichsunmittelbaren Amtswalter, die ihre Gefolgschaften langsam in Gebietsherr schaften und sodann ip abgerundeten, ge schlossenen Landbesitz umzuwandeln trachteten. Das heutige Mühlviertel geriet in das Spannungsfeld zwischen dem Herzog tum Bayern und dem Königreich Böhmen, später noch zwischen die weltliche Herr schaft der Bistümer Passau und Regensburg und die abgetrennten, neuen Herzogtümer Österreich und Steier. Jede Veränderungder Machtbereiche wurde an befestigten Plätzen, meist Burgen, gemessen. Während der Nordwaldkamm als rauhe, un wirtliche und abseits gelegene Zone bis zu den Hussiteneinfällen Anfang des 15. Jahr hunderts eine ruhige Pufferzone zu Böhmen bildete bzw. die Rosenberger das Gebiet un bestritten beherrschten, war die österreichisch-passauische Interessensgrenze viel fach verzahnt und oft in Bewegung. Die 11

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