Oberösterreich, 34. Jahrgang, Heft 1, 1984

I n ha Itsverzeich n is Schwerpunktthema Bayern und Oberösterreich — Nachbarn am Inn Dr. Benno Hubensteiner München und Passau Die Passauer Domkirche und der Donau-Osten Dr. Herbert Schindler, Passau Inn-Salzach-Städte 15 Dr. Karl Rehberger, St. Florian Die Augustiner-Chorherrenstifte am Inn 21 Hans Heyn, Rosenheim Der Inn — Geschichte einer Flußschiffahrt 35 DDr. Dietmar Stutzer, Grafrath in Oberbayern Die bayerischen Inn-Klöster zur Zeit der Säkularisation 45 Max Eitzimayr, Braunau am Inn Die historische und wirtschaftliche Bedeutung der Innstädte Braunau und Schärding 55 Dr. Wilhelm Bortenschlager, Wels Die Innlandschaft in der Dichtung Richard Billingers 69 Walter Hornsteiner, Generalmusikdirektor, Passau 32 Jahre Festspiele Europäische Wochen in Passau 1984. Geschichte — Gegenwart — Ausblick 75 Oberösterreich aktuell Schloß Zell an der Pram — Bayerisches Kunstdenkmal und oberösterreichisches Bildungszentrum Landeshauptmann Dr. Josef Ratzenböck Grußwort 81 Dr. Katharina Dobler, Linz Landes-Bildungszentrum Schloß Zell an der Pram 82 Franz Engl, Gymnasialdirektor i. R., Schärding Schloß Zell an der Pram in Vergangenheit und Gegenwart 85 Oberösterreichische Landesausstellung 1984 91 Bücherecke 95 Schwerpunktthema Heft 2/1984 Bergbau in Oberösterreich Umschlag: Sogenannter Ranshofener Festzug. Biiderserie von 15 einseitigen und 38 dop pelseitigen großformatigen Aquarellen mit der Darstellung des Festzuges zur Feier des 800jährigen Bestehens des Augustiner-Ghorherrenstiftes Ranshofen am 24. August 1699 mit der feierlichen Einholung der Reliquien der römischen Märtyrer Coelestinus und Marius. Die Bilderhandschrift stellt alle Gruppen, Festwagen, Triumphpforten und Schau gerüste dieses Festzuges dar. Die gezeigte Triumphpforte (fol. 42r) wurde zu Ehren des kurfürstlich-bayerischen Hauses und aller Wohltäter aufgestellt. OÖ. Landesmuseum, Inv. Nr. Ha 6751. Text dieser Bildbeschreibung: Dr. Alfred Marks. Foto: Franz Gangl Gestaltung; Herbert Friedl Die Anregung zum Schwerpunktthema die ses Heftes ergab sich aus der Thematik der heurigen oberösterreichischen Landes ausstellung in Reichersberg am Inn „900 Jahre Stift Reichersberg — Augustiner-Chorherren zwischen Passau und Salzburg". Die Schriftleitung stellt sich gerne in den Dienst dieses kulturellen Brückenschlages zwischen „Hüben und Drüben". Herzlich danken wir den Autoren und Fotografen für ihr Interesse und ihre hervorragende Mitarbeit. Es war eine Freude, alte Kontakte wieder aufleben und neue, wertvolle Verbindungen knüpfen zu können. Beilagenhinweis: Dieser Ausgabe liegt der Vorprospekt der „Europäischen Wochen — Passau 1984" bei. Der ausführliche Prospekt ist über den Fremdenverkehrsverein Passau, Neuburger Straße (Tel. 0 851/51 4 08) und das Büro der Festspiele Europäische Wochen Passau, Heilig-Geist-Gasse 14 (Tel. 0 851/33 0 38), D-8390 Passau, erhältlich. Telefonische oder schriftliche Kartenbestellungen werden ab sofort über das Festspielbüro entgegengenommen. Abb. Seite 1: Stadtmuseum Schärding, Passauisch-bayerisch-österreichische Salzkarte von 1515/16, Federzeichnung. Nach häufig auftretenden Streitigkeiten wegen des Salzhandels im fürstbischöflichpassauischen Raum auf den Straßen nach Böhmen kam es zu einem Vergleich zwischen den beteiligten Parteien. Die Karte zeigt mit Hilfe der Hoheitswappen an, wer auf welchen Wegen Salz verfrachten durfte (Text: Franz Engl. - Foto: Max HImsl) Kulturzeitschrift Oberösterreich 34. Jahrgang, Heft 1/1984 Vierteijahresschrift: Kunst, Geschichte, Landschaft, Wirtschaft, Fremdenverkehr Erscheinungstermine: März, Juni, September, Dezember. Medieninhaber (Verleger), Herausgeber und Hersteller: Oberösterreichischer Landesveriag Gesellschaft m.b.H., A-4020 Linz, Landstraße 41. ISSN 0253-7435 Redaktion: Dr. Otto Wutzei, Dr. Eifriede Wutzei, A-4020 Linz, Landstraße 41 Jahresabonnement (4 Hefte): S 380.-; Einzelverkaufspreis: S 98.-. (Alle Preise inkl. 10% MWSt.) Offenlegung gemäß § 25 Mediengesetz: Medieninhaber: Oberösterreichischer Landesverlag Gesell schaft mit beschränkter Haftung. Unternehmensgegenstand: Druckerei, Zeitungs-, Zeitschriften- und Buchverlag, Buch end Papierhandel. Sitz: 4020 Linz, Landstraße 41. Geschäftsführer: Mag. Ing. Wilhelm Pohn, August Hattinger, Dkfm. Günther Gogl. Aufsichtsrat: Helmut Bergthaler, Dr. Josef Gugerbauer, Dr. Winfried Kern, Ludwig Kneidinger, Dr. Josef Kolmhofer, Mag. Hei mut Kukacka, Mag. Friedrich Mayrhofer, Dipl.-Volkswirt Heimut Ornezeder, Eduard Ploier, Mag. Hans Schiicher, Josef Wiener, Dr. Josef Wöckinger, Alexander Baratsits, Theodor Greilinger, Walter Gruber, Günter Halbmayr, Gerhard Hennerbichler, Josef Schlosser, Peter Stögmülier. Gesellschafter, deren Anteil 25 Prozent übersteigt: Diözese Linz, Oberösterreichi sche Raiffeisen-Zentraikasse reg. Gen. m.b.H. Die OÖ. Landesveriag Ges.m.b.H. ist mit 90% Gesellschaftsanteil an der VERITAS Gesellschaft m.b.H., Linz, Harrachstraße 5, Geschäftsführer: Dkfm. Werner Höffinger, Unternehmensgegenstand: Verlag, Handel und Werkstätten, beteiligt. Grundlegende Richtung: Kulturzeitschrift.

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Die Passauer Domkirche und der Donau-Osten Benno Hubensteiner Passau: Wir alle haben die unvergleichliche Lage vor Augen. Die drei Flüsse, wie sie hier zusammenkommen, schon für die Menschen der Vorzelt den festen Punkt abgegeben ha ben und die Verlockung zum Bleiben. Und dazu noch die ,,schwimmende Stadt" selber auf ihrer gedrängten Halbinsel: Häuser, Palä ste, Kirchen, Kapellen - alles überragt vom hohen Dom mit seinen barocken Kuppeln, seinem stellen gotischen Chorhaupt, das nach Osten weist wie ein stoßbereites Schiff. Nach Osten, dem schweren, ziehenden Lauf der Donau nach. Oder wenn wir den Dichter Kon rad Weiß zitieren dürfen, den ,,Wanderer in den Zeiten": ,,Passau - es Ist fast etwas Mythologisches schon rein im Naturgefühl, das sich hier mit dem geschichtlichen Sinne und mit der christlichen Welle trifft und In einer Form verbindet, die uns das Barocke als not wendige Sinneskraft erleben läßt." Freilich, aus dem Schleier der Geschichte taucht zunächst die Keltenstadt Passau auf. Sie heißt ,,Boioduro", nach dem keltischen Volk der ,,Boler", das vielleicht sogar noch unserm Baiernstamm den Namen gegeben hat. Und unter Kaiser Augustus kommen dann schon die Römer, und well der Inn die Grenze macht zwischen den Reichsprovinzen Rätlen und Norlkum, Hegen die Kastelle einander ge genüber: ,,Bolodurum" auf der einen Flußsel te, ,,Castra Batava" auf der andern. Wir sagen einfach ,,Römerzeit", aber es sind doch mehr als vierhundert Jahre eigener Ge schichte, und sie bringen unserem Land das frühe Christentum. Und als dann das Reich bereits wankt unter den Stößen der germani schen Völkerwanderung, steht gerade In unserm Raum eine Persönlichkeit da, voll Tat kraft und selbstverständlicher Würde - der hellige Severin, einst hoher römischer Beam ter, jetzt nur noch schlichter Mönch. Wieder bietet Passau eine einmalige historische Si tuation: well nämlich hier die Lebensbeschrei bung des heiligen Severin aus der späten An tike, das Latein von 511, zusammengeht mit den allerneuesten Ausgrabungen, drüben in der Innstadt um den Beiderbach, herüben Im alten Klosterbereich von Niedernburg. Wir se hen es förmlich, wie die letzten Römer sich hier einmauern und verbarrikadieren und wie die Kontinuität des Lebens und des Glaubens zufließt auf uns Heutige. Nur, die schriftlichen Quellen schwelgen sich mit dem Tod des heiligen Severin völlig aus. Als der Vorhang wieder aufgeht, sitzt bereits überall das germanische Volk der Baiern im Land, hat hier in Passau eine seiner Herzogs pfalzen. Und 739 erscheint der heilige Bonifa tius als römischer Legat im Land, um die kirch lichen Verhältnisse neu zu ordnen. Über die bayerische Kirche, über Regensburg, Salz burg, Freising, geht ein großes Donnerwetter nieder. Einzig der Bischof, der in Passau resi diert, Vivllo heißt er, kann seine apostolische Sendung nachweisen, und Bonifatius muß sich damit begnügen, ihm den Sprengel fest zuschreiben. Bischof VIvilo und seine Kathe drale: das ist sicher bereits der Platz, an dem unser Stephansdom steht, und die West grenze des Bistums, sie läuft von der Isar mündung zum Arberstock wie heute noch. Nur im Osten geht die Urdiözese der Donau nach bis hin zur baierischen Stammesgrenze an der Enns. Das Land Oberösterreich gibt es näm lich noch gar nicht. Und schon früh springen auch zwei ganz große Benediktinerabteien ein: Niederaltaich an der Donau als das erste Kloster des flachen Landes überhaupt, dann das fürstliche Kremsmünster mit der Aufgabe der Slawenmission. Ganz am Rande des Bis tums, in Lorch an der Enns, dämmert auch noch das alte Lauriacum dahin: ein verfallener Bischofssitz der Römerzeit, vielleicht sogar die erste Hauptstadt der Baiern, jedenfalls ehrwürdig durch die Erinnerung an das Marty rium des heiligen Florian und seiner Gefährten in der letzten großen Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian. Man sieht, wir müssen immer wieder von der Enns sprechen, wie sie grün und kraftvoll aus dem Gebirge herausbricht. Für die Diözese Passau war sie eine nicht ungefährliche Gren ze, denn gleich hinter dem Fluß saßen heidni sche Slawenstämme, Untertan dem wilden mongolischen Awarenreich mit seinem Kaghan irgendwo in der großen Ebene zwischen Donau und Theiß. Den Awaren, die den Baiern schon manche Niederlage beigebracht hatten; die erst ums Jahr 700 das alte Lorch in Trüm mer gelegt hatten. Nach dem Sturz Herzog Tassilos ML, 788, wird das alte Stammesherzogtum endgültig dem Frankenreich eingefügt, und auch die Baiern müssen es hinnehmen, daß Karl der Große im fernen Aachen ihr oberster Herr ist. Gewiß, Kaiser Karl hat in der bayerischen Geschichte keine gute Zensur. Dem steht allein schon die schnöde Art entgegen, in der er mit Herzog Tassilo umgesprungen ist. Aber für unseren Donau-Osten ist Karls Regierung trotzdem von epochaler Bedeutung. Er erst kann mit der zusammengefaßten Kraft seines Imperiums zum Stoß gegen die Awaren ausholen und bis zur Theiß hin jeden Widerstand brechen. Die einzelnen Feldzüge, die neuen Marken und slawischen Satellitenstaaten, uns interessie ren sie heute nicht mehr: wir wollen nur fest halten, daß sich der bayerischen Kirche mit ei nem Schlag ein ungeheures Missionsfeld auf tut. Zwar wird zunächst Salzburg, wo Karls Freund und Vertrauter Arn regiert, über Frei sing, Regensburg und Passau hinweg zum Erzbistum erhoben, erhält die neue Erzdiö zese sozusagen den Löwenanteil, aber für Passau öffnet sich wenigstens das Donautal von der Ennsmündung bis über den Wiener wald hinaus. Noch steht, wehrhaftig und trutzig selbst heute noch, St. Michael in der Wachau als die Pas sauer Haupt- und Taufkirche dieser Zeit am großen Strom. Noch ahnen wir den Weg der Passauer Glaubensboten nach Mähren hin ein. Passauer Chorbischöfe aber, eigens für die Mission aufgestellt, sind uns urkundlich bezeugt, und zwar in Haslau und In Prellenkirchen, in Nußbach und in ödenburg - also weit hinter der späteren Stadt Wien. Bis zuletzt in diesem verfließenden Ostraum, zur Zeit der Slawenapostel Kyrill und Method, die bayeri sche und die byzantinische Mission hart aufPassau — die „schwimmende Stadt", Bischofs stadt an drei Flüssen, Im Vordergrund die Donau, im Hintergrund der Inn, „alles überragt vom hohen Dom mit seinen barocken Kuppeln, seinem steilen gotischen Chorhaupt" ... — Foto: Molodovsky, Prien am Chiemsee

einanderstoßen, Bischof Ermenrich von Pas sau temperamentvoll für seine älteren Rechte eintritt. . . Freilich, diese kirchenpolitische Auseinander setzung verblaßte zur Chimäre, als Im Raum z\wlschen Donau und Theiß ein neues Reiter volk aus dem Osten erschien, grausam und großartig zugleich, kleine Männer auf wind schnellen Pferden, die Meister waren mit der Lanze und dem krummen Säbel, noch mehr mit Bogen und Pfeil. Es waren die Ungarn. Oder, wie sie sich heute noch In Ihrer eigenen Sprache nennen: die Magyaren - die ,,Söhne der Erde" also. Im Jahre 900 fielen sie zum erstenmal über den bayerischen Donau-Osten her, und der Markgraf Luitpold und der Bischof von Passau konnten nur mit Mühe den Nachtrupp bei Linz abfangen und In die Donau jagen. Seither ris sen die Kämpfe nicht mehr ab, und als 907 der Ungarnfürst Arpäd starb, versuchte es der bayerische Heerbann mit einem Gewaltstoß In den Osten hinein. Das Unternehmen endete mit der schwersten Niederlage, die die bayeri sche Geschichte kennt. Am 5. Juli 907. Und bei ,,Brezalauspurc", sagen die alten Annalen. Bei Preßburg also. Die ganze Markgrafschaft kam unter die Botmäßigkeit der Ungarn, und die Enns war wieder dieselbe fließende Grenze wie einst zur Awarenzelt. Nichts Ist bezeichnender, als daß nun In Passau für ein halbes Jahrhundert alle Quellen schwelgen, ja daß selbst das Im Herzen des Landes gele gene Frelsirfg kaum mehr bringt als dann und wann eine dürre Notiz über den neuen Einfall der ungarischen Reiter. Das Blatt wendet sich erst wieder mit dem großen Sieg des Reichs heeres auf dem Lechfeld vor Augsburg am Laurenzitag 955. Zug um Zug wird jetzt Im Do nau-Osten das Land zurückgewonnen, zu nächst bis zur Traisen, dann bis hin zum Wie nerwald. Und 996 fällt für diese alte karollnglsche Ostmark erstmals der neue Name ,,Ostarrlchl"-eben ,,Österreich". Merkwürdi gerwelse In einer kaiserlichen Schenkungsur kunde für den Bischof von Frelsing. Die Un garn aber, deren Volkskraft keineswegs ge brochen Ist, suchen nach der anderen Seite Man m U 8

1^ H II am ■■ ■ ■■ V Passau, Residenzplatz — „einer der schönsten deutschen Stadtplätze" (G. Schaffet, Passau, 6. Auflage, Verlag Schnell & Stelner 1982) — mit „Wittelsbacher Brunnen", der 1903 anläßlich der lOOjährlgen Zugehörigkeit von Passau zum bayerischen Königshaus errichtet worden ist. Großartig der Blick auf den spätgotischen Dom chor. — Foto: Gregor Peda, Passau auszugreifen und werfen sich noch 970 In ei nem wilden Raid auf Byzanz. Erst als auch das scheitert, bequemen sie sich zu einer ersten Seßhaftigkeit, gehen sie zögernd zu auf das Christentum der Nachbarvölker ringsum. Die entscheidende Figur dabei ist der Großfürst Geza: in Person, Auftritt und Gehaben noch ganz ein Reiter-Horka der alten Magyaren, und doch zugleich der Bewunderer der lateini schen Kirche und ihrer Kultur. Es ist nun eine merkwürdige Fügung, daß im selben Jahr 971 auch in Passau ein Mann das Bischofsamt antritt, den der Donau-Osten fas ziniert wie sonst keinen mehr. Wir meinen Bi schof Piligrim, wie er für uns alle dem Nibelun genlied entsteigt oder dem großen Wandge mälde im Passauer Rathaussaai. Piligrim: er ließ sich überall die alten Passauer Zehent rechte wieder aufweisen, baute Kirchen und Klöster neu, trieb auf breiter Front das Siedel werk voran: kurz, er machte seine Domkirche zur unbestrittenen Herrin des österreichischen Donautais. Aber sein Blick flog noch weit über die alte Grenzmark hinaus, und er träumte von einem Passauer Patriarchat über Ungarn und Mäh ren wie etwa noch hundert Jahre später Erzbischof Adalbert von einem Bremer Patriarchat des hohen Nordens träumen sollte. War nicht das römische Lauriacum einst die Metropole des pannonischen Ostens gewesen? Und war nicht erst Bischof Vivilo vor den Awaren aus ebendiesem Lorch nach Passau geflohen? Freilich, man hatte für dies alles keine Be weise in den Urkundeniaden. Aber mit der ru higen Selbstverständlichkeit, die das Mittelal ter in allen Dingen zeigte, an die man glaubte, fertigte man in Passau die einschlägigen Papstbuiien und Kaiserdipiome selber an. Na türlich ganz im nachhinein. Doch vielleicht geht es bei Bischof Piligrim gar nicht so sehr um diese sogenannten ,,Lorcher Fälschun gen", sondern darum, daß er seine Priester zu den Ungarn geschickt hat; daß er vielleicht auch selber die beschwerliche Missionsreise gewagt hat; daß jedenfalls der Großfürst Geza seinen Sohn Vajk auf den Passauer Stephanusnamen taufen ließ ... Um den Ungarn dies alles schmackhafter zu machen, hat Bischof Piligrim, wie es scheint, als erster das Nibe lungenlied aufzeichnen lassen, und zwar in la teinischer Sprache. Der treue Markgraf Rüdi ger von Becheiaren, der Hunnenkönig Etzel und sein weites Reich, der Bischof von Pas sau, der ihm die stolze Kriemhiid als Braut zu führt - vielleicht sind es Anspielungen, die damals noch jeder verstanden hat. Aber wie auch immer, diese ,,Nibelungias" und ihr Zug nach dem Osten ist der Passauer Domkirche als Vermächtnis geblieben. Und zweihundert Jahre später, als in Passau der große Woifker von der Eria regiert, bringt ein unbekannter

Unten: Passau, Pfarrkirche St. Gertraud, Inn stadt. Madonna mit Kind (Severinsmadonna), spätgotisch, um 1450, Holz, Höhe 203 cm (s. Ausstellungskatalog „Passavia sacra" 1975, Kat. Nr. 11). — Foto: Gregor Peda, Passau Dichter am Bisohofshof das Nibelungenlied in seine letzte Fassung - die mittelhochdeut sche, wie sie in allen Lesebüchern steht. Der Nibeiungendichter: er sitzt und denkt und schaut, und er spürt es fast körperlich, wie hier in Passau ,,noch ein kioster stät" und wie ,,daz in mit viuzze in die Tuonouwe gät". Die letzte Fassung des Nibelungenliedes also, um 1200, am Hof des Bischofs Woifker von Passau. Aber jetzt sind wir der Zeit weit vor ausgeeilt, und wir müssen noch einmal auf Ungarn schauen. Natürlich gehen hier Piiigrims hochfiiegende Pläne nicht in Erfüllung. Gezas Sohn Stephan wird zwar von Papst und Kaiser zum ersten christlichen König von Un garn erhoben, aber man muß ihm auch eine national-ungarische Kirche zugestehen. Mit Gran an der Donau als Erzbischofssitz - dem heutigen Esztergom. Aber immerhin, dieser König Stephan i., der Heilige, ist mit einer bayerischen Herzogstochter verheiratet, mit Gisela der Seiigen, der Schwester des späte ren Kaisers Heinrichs II., und vielleicht ist es noch Bischof Piiigrim gewesen, der diese Vermählung angebahnt hatte. Aber nach Kö nig Stephans Tod, 1038, konnte sich auch Gi sela in Ungarn nicht mehr halten, und sie mußte in Passau Zuflucht suchen. In Passau, wo dem Bischofshof und der Kathedrale ge genüber, an der Ortsspitze, ein machtvolles Eigenkioster des bayerisch-sächsischen Her zogs- und Kaiserhauses lag - eben das Reichsstift Niedernburg. Erst 1010 hatte ja Kaiser Heinrich Ii., der Heilige, diesem Kioster den unermeßlichen Königsforst zwischen iiz und Rodel, Donau und Böhmerwaid zum Ge schenk gemacht, und es ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit, daß seine Schwester ■a Gisela jetzt hier als Äbtissin hinzog. Noch ha ben wir, in der Parzkapeiie von Niedernburg, den Grabstein der ehemaligen Ungarnkönigin aus der Zeit um 1060: das Vortragskreuz mit gewundenem Schaft, darüber die beiden kö niglichen Adler, seitlich die schlichte Inschrift ,,Gisyia Abbatissa". Um dieses Niedernburg dreht sich aber dann in den nächsten Jahrhunderten auch die Ge schichte der Passauer Domkirche selber. Bi schof Konrad nämlich, nicht zufällig ein Ba benberger aus der Ostmark und damit der On kel Kaiser Friedrich Barbarossas, konnte 1161 die Herrschaftsrechte über die alte Reichsab tei erwerben. Damit wuchsen die Bischofs stadt um den Dom und die Kiosterstadt an der Ortsspitze ganz von selber zu einem Platz zu sammen. Das ,,Land der Abtei" aber hinten im Waid wurde zur Grundlage des geistlichen Fürstentums der Bischöfe von Passau - des ,,Hochstiftes", wie man sagte. Natürlich lag man dabei wegen der Besitzrechte im oberen Mühiviertei zunächst mit den Babenbergern, dann mit den Habsburgern über die Jahrhun derte hin im heißen Streit. Natürlich konnte man, wegen der besonderen Privilegien des neuen Herzogtums Österreich, die Landesho heit im Donautai nur bis zum Jochenstein hin durchdrücken. Aber abgesprengte Passauer Herrschaften in Österreich gab es bis hin zum Jahr 1803. Die letzte um Schwadorf, weit un terhalb Wien. Und noch gibt es einen ,,Pas sauer Hof" in Krems oder steht in Zeiseimauer an der Donau der machtvolle Passauer An schüttkasten mit der Jahrzahi 1581. Aber die weltliche Herrlichkeit des Hochstiftes Passau verblaßt gegen die geistliche der wei ten Diözese, die, als die größte im Heiligen Rechts: Passau, Kloster Niedernburg, gotisches Hochgrab der hl. Gisela, Gemahlin des Ungarn königs Stephan des Heiilgen (997—1038), nach seinem Tod Helmkehr, Äbtissin des Nonnen klosters Niedernburg, gestorben um 1060. — Foto: Gregor Peda, Passau

Rechts; Für oberösterreichische Kunstfreunde ist der Besuch der ehemaligen AugustinerChorherren-Stiftskirche St. Nikola in Passau besonders interessant durch die Fresken des Welser Barockmalers Wolfgang Andreas Heindl. Im Bild das 1717 entstandene Fresko „Maria Himmelfahrt" in der Vierungskuppel. — Foto: Gregor Peda, Passau Oben: Passau, Kloster Niedernburg, heilige Hedwig, Sandsteinfigur, um 1420 (s. Ausstellungskatalog „Passavia sacra" 1975, Kat. Nr. 79). — Foto: Gregor Peda, Passau Römischen Reich deutscher Nation, Immer noch bis zur Ungarngrenze reichte. Hier war Passau über die Jahrhunderte hin bemüht, das Seelsorgenetz auszubauen und Klöster zu stiften - von Engeiszell bis Göttweig oder Herzogenburg. Und vor allem ging es um die geistliche Oberhoheit über die mächtig auf strebende neue Babenberger-Stadt Wien. Der weitberühmte ,,Stefi" trug immer noch das Patronat seiner Passauer Mutterkirche weiter, und bei St. Maria am Gestade hatte der Pas sauer Generaivikar für das ,.Land unter der Enns" seinen Amtssitz. Passau war sozusa gen der zentrale Ort einer im wesentlichen österreichischen Diözese und wuchs damit ganz von selber aus dem alten bayerischen Herzogtum hinaus. Man merkt es im Domkapi tel, wo die Österreicher, Böhmen und Tiroler den bayerischen Landadel stark zurückdrän gen; man merkt es an den Bischofsiisten, wo nach Urban von Trennbach kein Aitbayer mehr zum Zug kommt. Den Gipfel markieren wohl die drei Erzherzöge Leopold, Leopold Wilhelm und Karl Josef, die von 1598 bis 1664 Bistum und Hochstift fest in Händen halten. Aber über diesem ganzen Donauland lag schon seit 1453 und über die Jahrhunderte hin eine fast tödliche Bedrohung. Diesmal durch die Türken. Sultan Mehmed der Eroberer hatte nicht nur Konstantinopei weggenommen, sondern auch Serbien und Bosnien. 1521 pochte dann Sultan Sulejman der Prächtige mit aller Macht an die Tore Ungarns. Sulej man: er schien ganz erfüllt vom kalten und un erbittlichen Fanatismus der Lehre Moham meds, und aliein schon seine große Titulatur verrät, welch ein Mann er war: ,,Sulejman, Kaiser der Kaiser, Fürst der Fürsten, Verteiler der Kronen der Weit, Schatten Gottes über beide Erdteile, Beherrscher des Schwarzen und des Weißen Meeres, von Asien und Euro pa". 1526 fiel König Ludwig von Ungarn in der Schiacht von Mohäcz an der Donau, und 1529, im späten Herbst, standen die Türken erstmals vor Wien. Zwischen zerbröckelnden Mauern und auffliegenden Minen hielt Graf Ni kolaus von Salm mit lächerlichen 12.000 Mann die Stadt, bis ein früher Wintereinbruch den Großherrn zum Abzug zwang. Aber es gab immer neue Türkeneinfäiie, wilde Streifzüge in die offenen Täler hinein - bis Amstetten und bis Waidhofen an der Ybbs. Und man hatte es mit einem unsagbar grausamen Feind zu tun, der jedes gegebene Wort sofort wieder brach, der keinen Pardon gab, auch Frauen und Kin dern nicht. Wir lesen immer wieder von schrecklichen Massakern; lassen uns in Hain burg an der Donau die sogenannte ,,Biutgasse" zeigen; finden in den Mirakeibüchern un serer Wallfahrten den rührenden Dank der wenigen, die aus der Sklaverei entkamen. An der Donauiinie begann der Janitscharenschreck zu wandern, stieg den feinnervigen Flußlauf herauf, erreichte sogar noch die ent legenen Bauernkirchen des bayerischen Oberlandes. Passau aber war, wenn immer die Türken drohten, der Hauptnachschubplatz für die Reichsarmee; die Nachrichtenzentrale, wo die Gerüchte einschwirrten; der letzte Sperriegel Rechts: Passau, St. Nikola, Außenansicht der ehemaligen AugustinerChorherren-Stiftskirche in der Architekturgestalt aus 1349, mit Ostflügel des gegenwärtigen Deutschordensklosters. — Foto: Gregor Peda, Passau

1 V vor der bayerischen Grenze. U nd man soll hier nicht nur die Donau sehen, sondern auch den Inn als eine der großen Wasserstraßen der al ten Zelt. Hier fuhren die päpstlichen Hllfstruppen heran, das spanische Fußvolk aus Mal land, ja noch die Bayern Max Emanuels. In der Stadt selber regierte von 1540 bis 1555, mild und gelehrt, Fürstbischof Wolfgang von Salm, der Sohn des Türkenslegers von 1529, und mit Fürstbischof Urban von Trennbach begann dann ohnedies schon der Ausbau des Ober hauses zur schweren, artlllerlebestückten Festung. Es war ein Glück für das Reich und ganz Euro pa, daß die Türken während des Dreißigjähri gen Krieges stillsaßen, beschäftigt mit Palastwirren, Perser- und Polenkriegen. Doch seit 1656 warfen die drei großen Wesire aus dem Hause Köprülü das Steuer plötzlich herum und stürmten noch einmal mit Ihren Janitscharen und SIpahls gegen den Westen, hinter sich Immer noch ein Weltreich, das bis zum Persi schen Golf reichte. In dieser Notzelt suchte das ganze Donauland seine Zuflucht beim Passauer Gnadenbild auf dem Berg von Marlahllf. Der Domdekan Marquard Freiherr von Schwendl, selber der ferne Neffe eines kaiser lichen Feldhauptmanns aus den ersten Tür kenkriegen, hatte das Bild 1622 aufgestellt, und die ,,Auxlllatrlx Chrlstlanorum", sie hatte, wie es schien, während des ganzen Dreißig jährigen Krieges Passau und seinen Hochstlftswlnkel vor den Schweden und Franzosen bewahrt. Warum sollte sie nicht auch jetzt hel fen In der großen Verzweiflung? ,,Maria hilf", schrien die bayerischen Kreistruppen, als 1664 In der Türkenschlacht bei Mogersdorf die Frontlinie am Zerbrechen war. Und 1680, als Pater Markus von Aviano, der Kapuzinerdip lomat, Türkenprediger und Wundertäter, nach Passau kam, zog mit Ihm eine so gewaltige Menschenmenge nach Mariahilf hinauf, daß darüber sogar die Innbrücke bedenklich Ins Schwanken kam. 1683 aber, als die Türken mit 200.000 Mann ganz Wien einschlössen, erschien vielen ein Marlahllfblld, das man aus der Vorstadt hinter die Wälle geflüchtet hatte, als letzter Trost. Überhaupt das große Türkenjahr 1683: Kaiser Leopold und sein Hof hatten es gar nicht dar auf ankommen lassen, sondern sie waren be reits Im Juli zu Schiff über Linz nach Passau geflohen. Die Stadt hier war ein einziges Bangen, voll Irrsinniger Gerüchte, überstaut mit Menschen von überall her. Noch haben wir die Einweisungslisten des Flüchtlingskom missars Pranner, der selber bei dem berühm ten Bildhauer Högenwald In der Reitgasse einquartiert war. In der heutigen Thereslenstraße also. Das Haus war natürlich überfüllt bis unters Dach, und selbst Im Holzgewölbe Im Parterre drängten sich zwanzig Landkutscher und Heiducken zusammen. Und noch lebt In den alten Berichten der ganze barocke Schauder von damals mit seinen Fastengebo ten, Bußandachten, nächtlichen Bittprozes sionen, dem Dröhnen der Sturmglocken über die drei Flüsse hin. Hier In Passau war es aber auch, daß ein kleiner französischer Abbe, der von Paris her all die Tage durchgeritten war, den Kaiser In der alten Residenz aufsuchte und Ihn um ein Regiment Dragoner bat: es war Prinz Eugen von Savoyen, der dann dem Reich Paladln und Konnetabel werden sollte wie sonst keiner mehr. Wir alle wissen, daß Wien noch rechtzeitig entsetzt werden konnte und daß In der Schlacht am Kahlenberg die Kaiserlichen und

% Links: Westfassade des Passauer Domes St. Stephan Rechts: Blick in den Innenraum des Passauer Domes St. Stephan. — Beide Fotos: Gregor Beda, Passau die Reichstruppen, die Bayern und die Polen einen giänzenden Sieg erfochten haben. Mit dem breiten Ausfall in die ungarische Ebene, den Türkenfeldzügen des Herzogs Karl von Lothringen und des Kurfürsten Max Emanuel von Bayern, des Markgrafen Ludwig von Ba den und des Prinzen Eugen von Savoyen stieg dann der Habsburger Donaustaat als neue eu ropäische Großmacht empor. Man atmete auf, beglückt und befreit zugleich, ging hinein in den großen Triumph des donauiändischen Barocks - hinein in seinen dreifaltigkeitsdurchwirkten Sommertag. Noch stehen ja die Votiv- und Danksäulen mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist auf allen Stadt plätzen von Stockerau bei Wien bis herauf nach Straubing. Doch wenn schon das Stichwort fälit: für die sen barocken Reichs- und Kaiserstil ist unser Passau einer der ersten Ansatzpunkte über haupt. Schon unter den Erzherzögen Leopold und Leopold Wilhelm war der kraftvolle Vier flügelblock des Jesuitenkollegs und Jesuiten gymnasiums eingebrochen ins spätgotisch spitze Gewirr der Häuser am Inn - sozusagen Machtbastion und Seelenburg zugleich. Nach dem Stadtbrand von 1662 aber setzten Fürst bischof Wenzeslaus Graf Thun und sein Bau meister Lurago den Neubau des Domes durch - in der Art, wie sie den steilen gotischen Chor mit dem eher massigen Langhaus zur Einheit zusammenzwangen, einer der ganz großen Auftritte des Barocks in Süddeutschland. Die Fassade aber mit ihrer klaren Ordnung und ih ren schwer schattenden Gesimsen, ihrem un vergleichlichen plastischen Kaliber, erscheint als die Erfüllung dessen, was der Salzburger Dom ein halbes Jahrhundert früher verspro chen hatte. Im Türkenjahr 1683 dann malte bereits Carpöforo Tencalla an seinen Fresken und arbeitete bereits Giovanni Battista Carione an seinen prachtvollen Stukkaturen. Un ter Fürstbischof Johann Philipp Graf Lamberg, dem ersten Kardinal von Passau, kamen die Seitenaltäre dazu, die aus Marmor und Stuckmarmor sein mußten und nicht aus dem billigen Holz. Die Prunkportale des Andrea Solari aber mit ihren Giebelstücken, Inschriftta feln, Posaunenengeln und Wappen verkün den heute noch jedem den Ruhm des Hauses Lamberg und der Kirche von Passau. Natürlich, der neue Dom und seine italieni schen Meister, die Lurago, Garlone, Allio, Solari, Tencalla, sie haben die ganze Stadt mit gerissen und die weite Diözese bis hin zur March und zur Leitha. Dabei muß man sehen, wie dieser donau ländische Barock zwar auch stromaufwärts treibt bis Straubing, ja bis Re gensburg, wie er aber doch deutlich geschie den ist vom breiten, bäuerlichen Altbayern. Der Donaubarock, der Kaiserbarock, bleibt ein südlich-ausblühender Barock voll strahlender

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Schönheit und geheimer Schwermut zugleich. Das ist in Passau nicht anders als in Linz und Prag, in Graz oder Wien. Wir alle spüren das im Passauer Winter, wenn der Himmei bleiern über der Stadt liegt, die Gastronomie langsam einschläft, die Gassen auf einmal leer sind. Wenn selbst die weiten Plätze vor der Resi denz oder vor dem Dom etwas Moroses be kommen und etwas Morbides. Gewiß, der Ba rock ist Triumph und Freude, er ist aber auch das große Zwiegespräch mit dem Tod. in Passau hat es dafür bis 1872 ein von aiien so empfundenes Gleichnis gegeben: nämiich die Lambergkapelle, die, von außen gesehen, die Domfassade so glänzend fortsetzt. Sie war aber eigentlich Grabkapeiie und Gruft wie die Schönbornkapelle in Würzburg. Der Altar ein barockes Trauergerüst aus schwarzgebeiz tem Birnbaumhoiz und alie Ornamente aus blindem Silber. An den Wänden schaudervolle Fresken, die den Tod meinten und die Verwe sung. Die Glocke aber, oben in der offenen Gaierie, durfte nur geiäutet werden, wenn ein Fürstbischof starb. Beim Tod des dritten Gra fen Thun, des letzten Fürstbischofs, der in der Passauer Domgruft iiegt, ist dann auch sie herabgefaiien und zersprungen .. Aber Thomas Graf Thun: das war 1796 und bereits mitten in der Franzosenzeit, inzwi schen hatte die Aufklärung gesiegt und in die dunklen Schatten des Barocks die ersten Strahlen der rationalen Helle geworfen. Die Aufklärung: für sie steht hier im Donauiand zu vörderst Kaiser Josef Ii. in Wien. Josef Ii., wie wir ihn alle kennen von seinem großen klassi zistischen Reiterdenkmal vor der alten Hofund Nationalbibliothek-hochherzig und kühn, aber auch vernunftmäßig und kühl. Schon seine Vorgänger hatten in Wien ein kleines Hof- und Stadtbistum durchgedrückt; Kaiser Karl VI., der Vater der Maria Theresia, hatte dann Passau das ganze Viertel unter dem Wienerwald abgetauscht - immerhin sieben Städte und 69 Pfarreien. Passau, das dafür vom Erzbischof von Salzburg unabhängig wurde, das Pailium bekam, auf einmal direkt unter Rom stand. Kaiser Josef Ii. nun wollte, daß überhaupt kein auswärtiger Bischof mehr etwas in seinen Landen zu sagen hätte, auch der Passauer nicht. Er wartete nur noch auf den Tod des alten, weitangesehenen Kardi nals Firmian, dann trennte er 1783 mit einem Federstrich ganz Donauösterreich samt dem innviertel von Passau ab, wies das Land dem Erzbistum Wien zu und den beiden neuge gründeten Diözesen St. Pölten und Linz. Und diesmal waren es über 800 Pfarreien und da mit fast sechs Siebtel des Bistumsgebietes. Zurückgeworfen auf das kleine Hochstift und das Stück Niederbayern vom unteren Rottal bis hinein in den Waid, war dem alten Passau eigentlich die Lebensader abgeschnitten. Ais Aus der Reihe der vielen „österreichischen" Passauer Fürstbischöfe das Porträt von Fürst bischof Wenzel Graf Thun-Hohenstein (1664—1673). — Foto: Gregor Peda, Fassau 1803 der Reichsdeputationshauptschluß kam, zunächst die Stadt bayerisch wurde, dann drei Jahre später auch die sogenannten ,,Bistüm ler" hinten Im Wald, schien überhaupt das Ende dazusein. Der letzte Fürstbischof, Leo pold Graf von Thun, zog sich grollend auf seine böhmischen Güter zurück, und die Ver waltung der Restdiözese blieb für volle 24 Jahre eine reine Generalvikars- und Kanziistensache. Dazu begann auch in Passau das Kirchenzusperren und Gebäudeniederreißen, das Ausplündern, Versteigern und Verganten. Noch haben wir die alten Auktionslisten: ,,1 Pectorai mitCoulantvon Brillanten an einer goldenen Kette... 1 Ring mit Amethyst. .. 1 Ornat von rothem Damast. .. 1 alter rothsamtener Baldachin mit goldenen Borten . . ." Und so fort, und so fort - gleich 195 Mai.. . Erst der Sturz des alimächtigen Ministers Montgelas gab den Weg frei zum Bayerischen Konkordat von 1817 und zur Wiedererrichtung der bayerischen Kirche mit der päpstlichen Zirkumskriptionsbulie von 1821. Passau kam jetzt zum neuen Erzbistum München und Frei sing. Und die kleine Diözese selber wurde mit dem sogenannten ,,Oberland" abgefunden - den beiden Dekanaten Burghausen und Neuötting, die früher zu Salzburg gehört hat ten. Es waren zwar nur 18 Pfarreien, aber sie genügten, um alle Gewichte umzulagern, weg vom Donau-Osten und dafür ganz hin auf Ost bayern. Die Stadt Passau selber war seit 1803 königiichbayerische Grenzstadt und Grenzstation. Mit Zöllnern unterm Raupenhelm, mit der Mili tär-Strafanstalt auf Oberhaus, mit dem 16. In fanterie-Regiment im ehemaligen Nikoia-Kloster. Das Leben schnurrte ein zur weißblauen Idylle unseres 19. Jahrhunderts. Es gab die Maiduit und ein unvergleichliches Bier; die Liedertafel von 1843 und das große Sänger fest von 1851; im Dezember den Hoizmarkt vorne auf dem Platz, wo die Leute aus dem Wald selbstgemachte Rechen und Reutern anboten, Böhmschuhe, Bockschlitten und Spielzeug-Heißen. Der Gerichtsarzt Alexan der Erhard schrieb an seiner Stadtgeschichte; Bischof Michael von Rampf ließ die beiden Domtürme ausbauen, und auf dem Steinweg lernten die Kinder das Radfahren. Freilich, Franz Xaver Eggersdorfer, uns Älte ren unvergeßlich als Domdekan und Summus Gustos der Passauer Kathedrale, erzählt auch, wie noch zu seiner Studentenzeit überall die Grenze dagewesen sei als eine Art von un sichtbarer Planke. Es dauerte lang, bis er. Eg gersdorfer, zum erstenmal nach Stift Reichersberg kam, und das österreichische Donautal, sein Atem, seine Weite, seine eng mit Passau verbundene Kunst - das ging ihm erst auf im reifen Mannesalter... Wir wollen hier nicht streiten, wie lang das Passauer 19. Jahrhundert eigentlich gedauert hat: ob bis 1918, bis 1933 oder gar bis 1945. Fest steht nur, daß bereits mit der machtvollen Heimatbewegung der 1920er Jahre die geisti gen Blickschranken gefallen sind und die Stadt an den drei Flüssen wieder eine Ahnung bekommen hat von ihrer alten Stellung im Be reich der ,,Ostbairischen Grenzmarken". Man sieht Historiker wie Max Heuwieser oder Ru10

dolf Guby am Vortragspult, man hat Immer noch das dichterisch durchgriffene Wort eines Hans Karlinger oder Konrad Weiß, eines Ri chard Blllinger oder Hans Carossa Im Ohr. Und als dann die große Lähmung wegfiel. In die uns die Katastrophe von 1945 alle gesto ßen hatte, schritt gerade Passau entschlossen zu auf das neue Europa der Vaterländer. Die ,,Europäischen Wochen" setzten In fast drei ßig erfüllten Jahren ein erstes Zeichen. Dann sprang die alte Philosophisch-Theologische Hochschule über In den weiten Rahmen der neuen Universität - einer Universität, der gePassau, Wallfahrtskirche Marlahllf, Kaiserampel, Silber, gestiftet von Kaiser Leopold I. anläßlich seiner Hochzeit 1676 in Passau als Votivgabe. Foto; Gregor Peda, Passau rade In Ihren geisteswissenschaftlichen Fä chern der ganze Donauraum das Forschungs feld abgeben muß. Und 1980 hat die erste große Innenrenovierung seit dem Barock auch dem Passauer Dom seinen alten Glanz wie dergeschenkt. Und Immer noch schauen die Doppelkreuze auf den spangrünen Kuppeln weit In den Do nau-Osten hinein, und Immer noch tasten sich die Kümmernisse und die Nöte des alten Mlsslonsraumes den feinnervigen Strom herauf bis zur Passauer Stephanuskathedrale. Neh men wir nur das Jahr 1956, den späten OktoLlnks: Mittelpunkt des bürgerlichen Passaus Ist das am Donauufer gelegene Räthaus. Im Rathaussal erinnern historisierende Bilder an wich tige Ereignisse der Passauer Geschichte, als Beispiel eine Darstellung der Hochzeit Kaiser Leopolds I. mit Pfalzgräfin Eleonora Magdalena von Pfalz-Neuburg 1676 In Passau. Gemälde im Großen Rathaussaal aus dem Jahr 1893. — Foto: Gregor Peda, Passau ber, als der ungarische Volksaufstand Im Aus zucken war: wer damals hier In der Stadt ge lebt hat, dem bleibt alles unvergeßlich. Wie die ,,Sturmerln" und die ,,Pummerln" über die nächtliche Stadt hindröhnten, wie die Men schen aus allen Gassen kamen, wie Im Dom der große Bittgottesdienst begann. Natürlich Ist Passau heute nicht mehr die Her rin des Donautals wie einst unter Bischof Plllgrlm; natürlich Ist Passau längst keine öster reichische Diözese mehr wie unter den drei Erzherzögen oder dem Kardinal Lamberg und dem Kardinal FIrmlan: aber die Erinnerung Ist 11

QRATIA- ET MIRA^^V'LA CELEBERRIM/c, CAPELLE, S. MARIA. AVXILIATRICIS SVPER PASSAVIVM .•.■olluA-n.cTürm3f : E^«~AM»RV,rä«p,j,.,gJv,aEÄy ^ i 'Jf.rHi'J iw-jp.-r!;;!i/ aoMvy AViTRiA JcJrj- 1 Wn ) ... -r-«r - L . _ vn-,v... ^'iiufragifci, porruni ■X- - - -• •■:>. Prüfer lumcn cari^ J^ülamenq) afflic'>i5 m ; /Utjauditum furdis) 31, - .. fL ^pcmqde^crantjbus Daloquciammuh hkiberarioncra cnet' umcnis. Rrffbe-trefeum claudir. mcdeiam rfiTii' g. . Mala Nostra Pf , EGO CiVlTAS REFVGtToMNlBVS AD ME CONFVGIENTIBV^i'i SummoTrino cfVnt.A-fernoque Deo.Suma'ciurdctn Mdf-ri Virgtni Diua-Xareri^ciarlinbiis.hi fcrris. ^ ^«'ucrcndifÄimo ac5crenirsiniOPrincipiLeop(}ldoWi!Mmö1n X iA irliiduci Au'.^rr DMC! ßurjun5{i|r Carinrfi Carir.wirttenb; &.{ jJ 1Comiriflabrpurs^Tyroi;crQoric:ito:.Sac.C8»:Mffis:EX(!rdfuuit^ , igcncralir^imoRcini Bohcmirgubernafori-Supremi Magts^erii Aci 'jminiiTraforiMasnOrOrdTeufün.ingerm'.cMfÄlaMagis^raDm ' |n rrt'wdenfh &:c.EulcnbrEpilcopocafhedr:Ecde5:Argcnh'i ;Halber5r Pafeau, cfolumuc principalium Ecclcs; Murb ik-ri:hP cfLutiercsitf;AdniHii.!-trafori efcbnonnoTuoClcmeriftl^ml /Mhi!>iJ^'!«irüi>(dicf!ri4r cnjd dfiiicat fitwiiRirn«!' cftt*'w ?ONA CVNCTAPi").«CE- • 'G» Fidem dubifanhbus) 'Q ■^lum I. iii.il ...11, luiim'*; (EfVcniampcccandb,' ; i.%! 12

geblieben und die Quersumme aus zwöifhundert Jahren eigener Geschichte. Wann immer die Domgiocken eines der großen Feste ein läuten, dann schwingen zwar dunkle Ahnun gen mit und alte Sorgen, aber schon auch Freude, Beglückung und Stolz. Gerade in Passau, wo die Geschichte keine Anekdotensammiung ist, sondern Auftrag und Sendung, immer noch. Bibliographische Anmerkung Nachdruck eines Vortrages zur Eröffnung des Dom festes zu Passau am 16. Mai 1980. Um den essayistischen Charakter dieser Festrede zu wahren, ist auf Einzeinachweise bewußt verzich tet worden. Alle wichtige und weiterführende Litera tur findet man verzeichnet bei August Leidl, Die Bi schöfe von Passau, 739-1968, in Kurzbiographien. 2. Aufl., Passau 1978 (=Neue Veröffentlichungen des Instituts für Ostbairische Heimatforschung Nr. 38). Zur Ergänzung von der Kunstgeschichte her: August Le/d/ (Hsg.), Der Passauer Dom. Fest schrift zur Vollendung der ersten Gesamtinnen renovierung seit dem barocken Wiederaufbau. 2. Aufl., Passau 1980. - Die Fülle der Details brin gen die Bände des Passauer Jahrbuches, 1912 un ter dem Titel,,Niederbayerische Monatsschrift" be gründet, 1921 in ,,Die ostbairischen Grenzmarken" umbenannt, 1930 von der großen Wirtschaftskrise stranguliert. Die Wiedererweckung in der heutigen Form und in der neuen Folge von 25 Bänden (1983) erfolgte 1957 durch Josef Oswald. - Ais schönstes Buch über den heiligen Severin und seine Zeit er scheint mir immer noch: FritzKapöan, Zwischen An tike und Mittelalter. Das Donau-Aipeniand im Zeital ter St. Severins. 2. Aufl., München 1947. - Für eine neue und gerechtere Sicht der Ungarn: Thomas von Bogyay, Grundzüge der Geschichte Ungarns. 3. Aufl., Darmstadt 1977. - Grundlegend für alles Türkische bleibt das Lebenswerk des aus Weiden in der Oberpfaiz stammenden Orientalisten Franz ßabinger, etwa Suiejman, in: E. Mareks u. K. A. v. Müiier (Hsg.), Meister der Politik, Bd. 1, Stuttgart 1922, 443-466. -Oers., Mehmed der Eroberer und seine Zeit. München 1953. - Eine erste Orientierung über den Passauer Besitz und die Passauer Positionen in Österreich gibt das Handbuch der historischen Stät ten, Österreich, Bd. 1, Donauiänder und Burgeniand, hsg. von Karl Lechner (= Kröners Taschen ausgabe, Bd. 278), Stuttgart 1970. - Die große Zu sammenschau des Dichters Konrad Weiss (1880-1940) steht in: Wanderer in den Zeiten. Süddeutsche Reisebiider. München 1958, 138-145. Links: Dieser Kupferstich im öberhausmuseum Passau aus der Mitte des 17. Jahrhunderts zeigt in barocker Prunkhaftigkeit die auch allen innviertiern wohl vertraute Wallfahrte- und Kloster kirche Mariahiif in Passau-innstadt. in der Bild mitte das Mariahilfer Gnadenbiid, Barockkopie eines Marienbildes von Lucas Cranach. Zum ersten Mai wurde dieser reizvolle Kupferstich, ein typisches Beispiel barocker Volksfrömmigkeit, in dem Ausstellungskatalog „Passavia sacra" 1975 (Kat. Nr. 347) veröffent licht. — Foto: Gregor Peda, Passau öben: Westportai des Passauer Rathauses mit der wappentragenden „Passaviä-Figur, entstanden zweite Hälfte 15. Jahrhundert. Das Passauer Rathaus, am Donauufer gelegen, ist das stolze Wahrzeichen der Bürgerschaft, im Kern ein spätgotisches Bauwerk mit Erweiterun gen aus dem 19. Jahrhundert. — Foto: Gregor Peda, Passau 13

U\LERIE S0DLER w w Alfred Kubin (1877-1959) ,,Das Wirtshaus in Zwickledt" T Uschfederzeichnung (12 X 25 cm) signiert QUAinÄTVOLLE ALTER&NEUER MEISTER (6-2DJHDC) ERLESBxiE ANTKUnÄTEN 4020 Linz, Klosterstraße 14 - Telefon 0 73 2/27 00 86 - Geschäftszelten: Montag-Freitag 10-12 und 15-18 Uhr, Samstag 10-12 Uhr ... weil naheliegend in zentraler Lage Oberösterreichs gelegen Flughafen Linz für Ihre tägl. Geschäftsflüge nach FRA + ZRH + VIE — mit Anschlüssen in alle Welt mit kurzen Transferzeiten in Ihren Urlaubsort ganzjährig wöchentlich Urlaubscharter nach vielen Zielen Tel. 07221/72700-0 Telex: 02/1440 V. 14 Restaurant seit 1630 Regionale und Internationale Küche 1. oö. Wildspezialitätenrestaurant Jeden Freitag und Samstag abend Pianomusik bei Kerzenlicht Das Restaurant mit gehobener Atmosphäre und jahrhundertelanger Tradition am Stadtrand von Tischreservierung: 0 72 42/50 59 oder 43 81 Montag Ruhetag „Taverne am Hagen" 1630-1881

Inn-Salzach-Städte Herbert Schindler Der Venezianer Enea Silvio Piccoiomini nennt in einem Reisebericht des Jahres 1492 Was serburg eine Stadt „voil von Menschen und sehr ansehnlichen Palästen mit Brunnen". Mag uns dieses Urteil heute auch übertrieben erscheinen, so spiegelt es doch, wie keine zweite zeitgenössische Schriftquelle, die Ver wunderung des Südländers über die hohe Baukuitur dieser Stadt nördlich der Alpen. Die reisenden Italiener des späten Mittelalters haben im allgemeinen die Stadtbaukunst des Nordens sehr sachlich und zurückhaltend beurteilt. Nur Regensburg hat ihnen einiger maßen Respekt abgewonnen, das mächtige Regensburg - urbs Germaniae populosissima - mit seinen zwei Dutzend turmbewehrten Geschlechterhäusern. Wasserburg lag direkt an der alten Handelsstraße, die Regensburg mit Venedig und dem Orient verband und es lag auch am Inn, derein breites Stück Welschiand mit hereintrug nach Bayern; und zwar nicht erst, wie man gemeinhin sagt, seit den Tagen der Renaissance und des Barock. Was für Wasserburg gilt, das gilt nicht weniger für die übrigen Städte zwischen Inn und Salzach. Man vergegenwärtige sich nur einmal das alte Wasserburg am Inn, Stadtplatz, mit Kernhaus im Vordergrund Wasserburg am Inn, Gesamtansicht. So blieb Wasserburg was es war, und so Ist es noch heute eine der besterhaltenen unter den so eigenartigen Innstädten." (Reclams Kunstführer Deutschland, Baudenkmäler Bd. I, Bayern) Mühldorf: es muß im Kranz seiner wehrhaften biockigen Türme einmal ein Bild abgegeben haben, von fern her ähnlich den Turmstädten in der Toskana. Oder Burghausen mit seinem mächtigen Burgkomplex, Tittmoning mit sei nem barocken Koloß von einem Stadtpiatz. Dabei ist es immer erstaunlich, daß der große Zug im Antlitz dieser Städte schon im Mittelal ter geformt war, geformt mit jenem sicheren Gefühl für Monumentalität, für die Kraft der Steinarchitektur, wie sie nur den Italienern so selbstverständlich im Blute lag. Lange Zeit hindurch war der monumentale mittelalterliche Kern dieser Städte nicht ei gentlich erkannt worden. Er war verhüllt von dem Kleid, das der Barock darübergezogen hatte. Mit der erwachenden Wertschätzung und regen Erforschung des Barock in den letz ten Jahrzehnten schlug auch für die Innstadt die Stunde ihrer Wiedergeburt. Die Entdeckung der Innstadt steht so gleich sam als Exkurs in der Entdeckungsgeschichte unseres süddeutschen Barock. Der Anstoß kam, wie so oft, von der literarischen Seite. Eduard Kriechbaum, Josef Hofmiller und Wil helm Hausenstein haben in einigen Abband15

i }S 01 f?i 5 2:*--."» •-:=^'.r ' a2M, Mühldorf am Inn, Pfarrhof. „Mühldorf ist die typische .Innstadt' und als solche fast makellos erhalten." (Reclams Kunstführer. . .) Neuötting, Troadstadel neben dem Rathaus jungen und Essays Wesentliches über Land schaft und Städte zwischen Inn und Salzach niedergelegt. Hans Karlinger hat das Gesicht der Innstadt in einer kaum zu übertreffenden Wesencharakteristik herausgeschält. Neben her ging eine nicht weniger fruchtbare wissen schaftliche Begründung von Seiten der Archi tekten und Hausforscher. Es ist hier vor allem Emil Schweighart mit seiner grundlegenden Arbeit über das,,Bayerische Innstadthaus" zu nennen. In Max Eberhard Schusters ,,Inn städte und Ihre alpenländische Bauweise" ha ben die Inn-Salzach-Städte die umfassende Monographie erhalten. Die Entwicklung erst mals klargelegt zu haben, ist das Verdienst Emil Schweigharts: ,,Der Typ Ist vor 1500 ent standen und gotisch, früher hatte das Haus gleich dem Achenseetyp des Bauernhauses (Mittenwalder Haus) ein weit auslandendes Vordach. Die Verwandtschaft beider erweist sich allenthalben. Das Innstadthaus Ist der städtische Brudertyp des Achenseehauses." Die Lauben sind bei weitem nicht auf die Inn städte beschränkt. Wir finden sie im Alpenland von Bozen bis nach Bern, auch in Prag und in Metz, ja sogar In Krakau lassen sie sich nach weisen. Sie sind in Wirklichkeit viel älter als wir annehmen. Eine neuere Untersuchung von Christine Peter zur Baugeschichte der Stadt Burghausen macht es durchaus glaubwürdig, daß dort die Lauben schon zur Zeit des Holz baues als primitive Holzkonstruktion vorhan den waren. Sie finden sich ausnahmslos an Plätzen, an denen Markt gehalten wurde. Im Grunde genommen, sind sie die verwandelte Form der Kolonnaden, die die Marktplätze an tiker Städte umstanden. Als ,,Ersatz für das vorspringende Dach" des alpenländischen Hauses wird man sie jedenfalls nur ganz bei läufig erklären können. Alter als gemeinhin angenommen, ist auch die sogenannte Vor schußmauer. Bei älteren Erklärungen entsteht der Eindruck, als ob diese Form des überhöh ten horizontalen Fassadenabschlusses nur aus Erwägungen der Feuersicherheit ent standen wäre. Dabei bleibt freilich eine Seite außer acht, wel che mir die wesentliche Voraussetzung für die Erscheinung der Inntaler Architektur über haupt zu sein scheint: das Formgefühl, das, was Karlinger den ,,Sinn für ganz einfache 16

Unten: Tittmoning, Stadt an der Salzach, Zeichnung vom Autor Laufen an der Salzach, Kreuzgang an der Pfarr- und Stiftskirche Mariä Himmelfahrt Großartigkeit" genannt hat (um nicht das et was abgedroschene Wort ,,Monumentalität" zu gebrauchen). Und dieses Formgefühl war hier schon immer vorhanden und es war schon immer dem Süden verwandter als dem des Nordens. Nicht von ungefähr deckt sich das Kerngebiet der inntaier Bauweise mit jenem Siedlungsstreifen Bayerns, der bauiich am stärksten von den ,,Magistri" der Lombardei bestimmt ist, und Lombardisches floß ja unab lässig durch das Inntal in das Land herein. Ein Strom, der bis ins 18. Jahrhundert nicht ver siegt ist. Man muß einmal die alten Hausbesit zerlisten lesen, in Wasserburg etwa oder in Rosenheim, wie viele rein italienische Namen oder solche südlichen Klanges befinden sich doch darin! In den großen, in künstlerischer Hinsicht tonangebenden Residenzstädten herrschten lange Zeit hindurch die welschen Muratori mit ihren Arbeitstrupps und selbst in den Landstädten sitzen die Abkömmlinge die ser Kolonien, mögen sie nun Loraghi oderZucalli, Ganta oder Riva heißen. Die äiteste Form der Vorschußmauer findet sich bereits im spätromanischen Hausbau Regensburgs (vergl. Hans Niedermeier ,,Die Bauweise der Inn- und Donaustädte"). Die Regensburger Patrizierpaläste erweisen au genscheinlich ihre Herkunft von norditalieni schen befestigten Steinhäusern. Die waag rechte, über das Dach hinausgezogene Zin nenmauer dient hier vor allem dem festen, re präsentativen Ansehen des Hauses. Während jedoch bei den italienischen Bauten hinter den Zinnen ein flaches Dach liegt, bieibt man hier bei der überiieferten Form des Satteldaches. Hier ist also genau das vorgebildet, was für die Entwicklung des Innstadthauses später be deutend wird. Auch das Innstadthaus ist kein völlig autonom gewordenes Gebilde, sondern die Umprägung des bodenständigen alpenländischen Haustypes nach dem Vorbiid der repräsentativen südländischen Erschei nungsform. Niedermeier geht sogar so weit, die von Schuster sehr betonten praktischen Vorzüge des Grabendaches überhaupt in Frage zu steiien. Man hätte demnach aus ei nem beharrlichen Konservativismus an der bäuerlichen Dachform festgehalten, selbst als sich diese in Verbindung mit dem Steinbau als unzweckmäßig erwiesen hatte. Wieviel ist doch an so einem inntaier Bürger haus, das nicht restlos mit konstruktiv logi schen Gründen zu erkiären ist, wie viel hand werklich künstlerische Gesinnung, wie viel Freude am schönen Raum: Die Blendfassa den, hinter denen sich oft zwei oder gar drei äl tere Häuserfronten verbergen, die barocken Biindfenster im Dachgeschoß, die feinen Fen sterumrahmungen. So ein Haus ist eben, wie Karlinger treffend sagte, der Rahmen ,,für die wählige Lebenshaltung des Innviertier Städ ters, der den Wein gern hat und eine gute Kochkunst, und dessen Trachtenwesen we gen seiner allzu herrisch aufwendigen Er scheinung im Zeitaiter der Kleiderordnungen viel zu tun und zu beschränken aufgab". Es sind Städte wie Laufen, Tittmoning und Burghausen, das in eine Flußschleife hinein gesenkte Wasserburg, die imponierenden Stadtgesichter und Straßenplätze von Mühl dorf und Neuötting am Inn, es sind Orte, denen schon Enea Silvio Piccolomini im 15. Jahr hundert das ,,Stattliche" im Bauwesen be17

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