6. Jahresbericht HAK Steyr 1992/93

Von Tatsachen, Körperpflege und Visionen Ich griff nach der Seife. Sie lag am Waschbeckenrand, und beim Anfassen er kannte ich ihre tiefen Furchen und Rillen. Sie ist bestimmt lange nicht mehr be nutzt worden, denn mit etwas Fantasie sieht man, wie auf einer Landkarte, ein ausgetrocknetes Flußbett, Erosionen am Rande der Flüsse, unzählige, kleine, unbefahrbare Landstraßen und mächtige, bewaldete Gebirge. Doch vorerst war mir das gleich. Mein T-Shirt verschwand vom Oberkörper und machte dem Seifenschaum Platz. Wie so viele Morgen zuvor, gaben sich meine sämtlichen Zellen und Sinne dem angenehmen Frischegefühl hin. Es war nicht irgendeine Frische, es war die Frische nach 8 Stunden Schlaf, nach 8 Stunden des Abschaltens, des Ruhens. 8 Stunden lang sehnten sich die Blut plasmen, Gehirnzellen und die quirligen Hustenviren nach dem befreienden Gefühl des Erwachens. Bald hatten sie etwas zu tun. Mir glitt die Seife aus der Hand, dann ein verlegener Schritt rückwärts, um sie zu suchen. Ich stieg genau darauf, die Seife suchte das Weite, ich fiel zu Bo den, prellte mir den Hinterkopf und hatte eine Vision. Stuard, liebevoll von seiner Mutter Stu genannt, hastete den langen, mit Tep pichen vollgestopften Gang entlang. Die Zeit begann zu verrinnen, das Flug taxi würde bestimmt nicht warten, das wußte er. Sein Elternhaus war groß und geräumig, in jedem Raum befand sich eine eigene antike Kostbarkeit - wie z.B. alte Schulbücher. Die neuen Schulbücher waren die Gebrauchsanwei sungen und Beipackzettel der heiß umstrittenen Logopillen. Einfach schlucken - nicht zerkauen - schon befand sich das Englischvokabel in seinem Kopf. Idiotensicher. Stus Schritte hallten im leeren Gang. Nur noch wenige Schritte ins Badezimmer, er versuchte die Tür aufzustoßen, doch es klappte nicht. Hatte seine Mutter die Tür abgeschlossen? Ohne Pillen fiel das Denken schwer. Es dauerte sehr lange, bis er es zum zweiten Mal versuchte und dies mal an der Tür zog, nicht drückte - und voilä - sie stand offen. Sein Spiegelbild glotzte ihm entgegen. Wie Vaters tägliches Rührei am Morgen - fleischig, aber es waren keine klaren Konturen zu erkennen. Er schluckte; Englisch-, Mathe matik-, Morgen-, Zahnpasta-, Schönheits-, Kraft- und Ausdauerpillen,... und versäumte das Flugtaxi. Ich wachte auf und erkannte: Die Zukunft ist gesichert, doch wie sieht das Heute aus? Oder das Vergangene? Dem herausgeputzten, fein gekämmten, streng erzogenen Knaben von da mals, steht der coole, lässige, nikotinsüchtige, aufsässige und schlampig ge kleidete Halbstarke von heute gegenüber. Sie gleichen sich wie Tag und Nacht. Nehmen wir aber einmal das ganze „Drumherum" weg, die Kleider, den Sargnagel, die Sonnenbrille, den feinen Rock, Vaters gutes Hemd, die Bluejeans und die Krawatte. Was bleibt über? - kein Häufchen Elend auf beiden Sei ten, jedoch ganz tief im Kern versteckt - Trommelwirbel - zwei durchschnitt lich nette, den Kinderschuhen entwachsene Lausbuben.

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