Rudolf Hittmair - Der josefinische Klostersturm

402 wenn die Volkslehrer mit einem ihrer erhabenen Bestimmung würdigen Enthusiasmus ihr Streben hauptsächlich dahin richteten den durch den Kult rege gemachten Empfindungen ihre Richtung zu geben und sie immer nur durch alles, was auf das Herz wirken kann, anzu- fachen. Das werden solche Leute, die nur eine Stimmung zur kritischen Untersuchung bloßer Verstandeswahrheiten und gar keine Anhänglichkeit für ihren Stand erhalten haben, nie tun. Wenn nun vollends junge Leute in den Erziehungsjahren, wo sie den ihnen vorgelegten Studienplan und die von der Staatsverwaltung angenommenen Meinungen sich zu eigen zu machen haben, gewöhnt werden damals schon, wo sie noch kein eigenes zusammenhän- gendes System haben, mit dem der Jugend eigenen Leichtsinn über die ihnen vorgelegte Lehre zu kritisieren und sich aus zusammengesetzten fremden Meinungen eine besondere Theorie zu bilden, so sind sie schon für ihren Beruf verstimmt, haschen nach Witz und nach Ruhm (in außerordentlichen Fragen), setzen sich über allen Zwang, den von ihnen dieWohl- anständigkeit und selbst die Klugheit, umdas ehrwürdige Ansehen ihres Amtes nicht zu kom- promittieren, fordert, als über veraltete Vorurteile hinweg, raisonnieren nach ihremMangel an gründlicher Kenntnis und Erfahrung über Dogma und Kirchenzucht, wie die unbesonne- nen jungenWitzlinge imMilitärstande schon über die Taktik der Römer, Griechen und Preu- ßen urteilen und hienach ihre Generals tadeln, ehe sie noch ihr eigenes Regulament studiert habenund einen Zug zu führenwissen. Unddurch diese allzu gemein gewordeneNeuerungs- sucht geht die Simplizität, die dieHauptamtstugenddes Geistlichen ausmacht, ganz verloren, wenn sie nicht gar Freidenker unter dem Priesterrock werden. Auf diesemWege findet man viele Geistliche in der Provinz, die man schon von fern an ihren Dragonerhüten und freiem Gang, im Diskurs hingegen an der Leichtsinnigkeit erkennt, mit welcher sie allerlei neue ge- wagte Meinungen über Religions- und Philosophiegegenstände auskramen und damit Auf- merksamkeit zu erregen suchen. Die Priesterhäuser kann Rottenhahn nicht, wie Referent es getan, als überflüssig be- trachten, in diesen Instituten muss die letzte Hand angelegt werden, der Bischof muss mit den Fähigkeiten und dem Charakter der jungen Priester vertraut werden; auch die jungen Ärzte werden nach den Studien praktisch in den Spitälern unterwiesen. Eybel hatte dabei auch den Gedanken entwickelt, den Kanzelvortrag in eine Art von Kol- legienlesen umzugestalten, so dass über ein moralisches oder dogmatisches Handbuch Er- klärung zu geben wäre; Rottenhahn findet den Gedanken so übel nicht, wenn die Erklärung nicht professorenmäßig, sondern in der Art einer Meditation und Selbstprüfung vorgetragen wird. Dagegen findet Rottenhahn sonderbar die Idee des Referenten Eybel, dass die Koope- ratoren aus den minder tüchtigen Subjekten gewühlt und bloß zur mechanischen Ausspen- dung der Sakramente verwendet werden sollen, so dass also der Seelsorger zu diesen Ver- richtungen einen bloßen Amtsknecht halte. Über denWunsch, dass denGeistlichen die Ehe erlaubt werdenmöge, müsste Präsidium sehr vieles einzuwenden haben, wenn zu besorgen wäre, dass diese Einrichtung, die man den jungen Geistlichen nun zu sehr schon in den Kopf gesetzt hat, imErnst zu Frage kommen könnte. Doch hat Seine Majestät sich bereits ausdrücklich wider die Priesterehe erklärt . 59 59 Kaiser Josef soll von seiner Lieblingsidee, den Zölibat aufzuheben, abgebracht worden sein durch die Erzählung seines Oberstkämmerers und Konferenzministers Franz Wolf Fürst Rosenberg-Orsini,

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