OÖ. Heimatblätter 1994, 48. Jahrgang, Heft 2

Unverstand und Roheit, unbedingt das Wallfahrten verbieten zu wollen. Der arme Bauer, das ganze Jahr oft geplagt und geärgert, verläßt da seine schmutzige Stube und das Kindergeschrei und das Weibergebell und die Gasse, wo sein Gläubiger wohnt, und die Kirche, wo der Anblick des Nachbarn, der mit ihm Prozeß führt, oder des unbeliebten Pfarrers ihm die Andacht verdirbt. Und wenn er aus dem Orts bann heraus ist, kommt er erst wieder zur rechten Besinnung über sich selbst und sein Leben, und Gott ist ihm gegenwärtiger, und sein müdes Herz atmet wieder auf, und ihm ist wie dem Vogel, der halb erstickt im Garn, losgelöst nun wieder in freien Himmelsraum hinausfliegt; er ist jetzt nicht mehr der Seppentoni oder der Fischernaz, sondern nach langer Zeit ist er jetzt wieder zum ersten Mal nichts als ein Mensch." Einer der besten Kenner des Wallfahrtswesens, der Schweizer Volkskundler Iso Baumer, beschreibt die Wallfahrt geradezu als Handlungsspiel (Bern 1977), des sen entscheidende Komponente im Abschied von Daheim und in der Erfahrung des Neuen auf dem Weg und am Zielort besteht. Politische, sprachliche und kulturelle Grenzen haben dabei kaum eine Rolle gespielt; im Gegenteil, ein wichhges Motiv für das staatliche Einschreiten gegen das Wallfahrtswesen war gerade die Überle gung, daß auf diesem Weg zu viel Geld ins Ausland vertragen werde. Von den Wall fahrten und Pilgerreisen hat man selbstverständlich nicht nur Gegenstände einer religiösen Volkskultur mit nach Hause gebracht: Kupferstiche vom Gnadenbild, Rosenkränze, Einhänger, Gebetbücher und -zettel, Hinterglas- und andere Bilder, sondern auch Objekte des alltäglichen Gebrauchs. In jedem Fall brachte man Beob achtungen mit nach Haus, Beobachtungen vom Kleiden und Essen anderswo, vom Hausbau auf dem Weg, von landwirtschaftlichen Geräten und Werkzeugen, Geschichten, die man am Wirtshaustisch aufgeschnappt hatte, von Liedern, die man zu Gehör bekommen hatte, und manchen sprachlichen Besonderheiten. Vielfach war dies Grund genug, sich selber ein klein wenig umzustellen in seinen bisherigen Gewohnheiten. Ein Kapitel für sich ist das Handwerkslehen, das nach anfänglichem Zögern mittlerweile selbstverständlich eingeschlossen erscheint in der sogenannten Volks kultur und damit im Forschungsfeld des Volkskundlers. Seit dem 12. Jahrhundert wurde es mehr und mehr üblich, daß sich die Handwerker der nämlichen oder nah verwandter Richtungen zusammenschlössen zu sogenannten Zünften. Deren Orga nisation nahm nur selten Rücksicht auf enge kommunale und territoriale Grenzen. Ja, es gehörte gerade zu den besonderen Kennzeichen der Handwerkszünfte, daß sie sich überregional absprachen. Es gab für bestimmte Gebiete sogenannte Hauptla den, nach deren Gepflogenheiten man sich richtete bzw. bei denen man um Rat und Auskunft nachfragte, wenn man eine bestimmte Frage im eigenen Zuständigkeitsbe reich nicht lösen konnte. Den Landesherren war dieser Tatbestand selbstverständ lich ein beständiger Dorn im Auge, und sie haben darum seit dem 18. Jahrhundert alles unternommen, um die Selbständigkeit und die überregionale Orientierung der Zünfte zu zerschlagen. Die Hauptlade der süddeutschen Steinmetzen etwa stand in Straßburg, die der Hutmacher in München, die der Kaminkehrer in Coburg, der

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