In jedem Fall waren diese Eingriffe oder Anregungen für die Ausbildung eines eige nen Lebensstils von Bauern, Handwerkern, Taglöhnern etc. nicht eng begrenzt, auf die Bedürfnisse eines Dorfes oder einer Landschaft zugeschnitten, sondern immer übergreifend. Bis ins 16. Jahrhundert war der Rahmen aufgrund der Internahonalität der katholischen Kirchen mindestens europaweit gesteckt; und auch nach der Durchsetzung der Reformation in verschiedenen Ländern riß der Kontakt unter den evangelischen Kirchen nie ab. Allenfalls separatistische Gemeinden wie die mähri schen oder böhmischen Brüder suchten ihr Heil in engem räumlichen Abschluß. Doch der Einfluß dieser Gemeinden blieb immer sehr begrenzt; sie wurden fast überall blutig verfolgt und ausgerottet. Durch die länderumspannende Organisation von katholischer und evange lischer Kirche und deren dominierenden Einfluß auf die Gestaltung des Alltags blieb also immer ein weiteres Element der Grenzüberschreitung am Leben. Neue Seelsor georden wir die Dominikaner und Franziskaner im hohen Mittelalter oder die Jesui ten, Karmeliter und Kapuziner des 16. und 17. Jahrhunderts sind jeweils schnell län derübergreifend tätig geworden und haben ihren spezifischen Frömmigkeitsstil nicht nur an einem Ort, sondern allenthalben verwirklicht. So ist etwa die MariahilfVerehrung von ihrem Ausgangspunkt Passau aus nach 1622 vor allem durch die Kapuziner innerhalb von zwei bis drei Generationen im gesamten katholischen Österreich und Süddeutschland bekanntgemacht worden. Mehr als 500 Wallfahrts kirchen zu dieser Kopie des Lukas-Cranach-Gemäldes schössen aus dem Boden; und eine entsprechende Abbildung fand sich nahezu in jeder Kirche bzw. auf dem Weg der Verbreitung als Hinterglasbild oder KupfersHch in nahezu jedem katholi schen Haushalt. Unter dem weiten Mantel der Kirche konnte sich eine Abkapselung in kleinräumige Besonderheiten kaum entwickeln. Die Kirche bot durch ihre Zeremonien zu Geburt, Taufe, Erstkommunion, Firmung, Heirat und Begräbnis ganz entscheidende Marksteine einer kulturellen Durchformung des individuellen Lebens. Und manch einer wird es als Fremdbe stimmung empfunden haben, daß der Pfarrer alljährlich nach Ostern zum Einsam meln der Beichtzettel vorbeikam und daß der Gerichtsbüttel während der Fastenzeit urplötzlich im Krauthaufen auf dem Herde herumstocherte, ob er tief unten nicht doch eine Wurst oder ein Stück Fleisch aufspüren würde. Da konnte man sich not falls nur mit dem Gedanken trösten, daß man das nämliche Schicksal nicht allein erlitt, sondern daß es im Nachbarort, ja im ganzen Land und überall in der katholi schen Ghristenheit ähnlich zuging. Die religiösen Komponenten der Volkskultur waren also von Haus aus alles andere als kleinteilig und engräumig - und sie waren keineswegs die unbedeutendsten innerhalb des gesamten Bestandes! Neben den Instanzen Staat und Kirche verdient noch eine weitere Institution als grenzüberschreitend besonders herausgestellt zu werden, nämlich die Drucker presse. Die mechanische Vervielfältigung in der Art des Holzschnittes kennt man seit dem 14. Jahrhundert, den Kupferstich und das Druckverfahren mit Hilfe von gegos senen Bleilettern seit dem 15. Jahrhundert. Man hat den Einfluß dieser neuen Kom munikationstechnik auf die Kultur der einfachen Bevölkerung lange Zeit unter-
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