OÖ. Heimatblätter 1992, 46. Jahrgang, Heft 4

Der Kampf um den Wirt, ehemals einzige Abnahmestelle des Brauproduk tes, ist schon aus dem 19. Jahrhundert überliefert. Das Bierkartell des 20. Jahrhun derts versuchte, den Absatzkreis in Art der zünftischen Bannmeile für jeden Betrieb in einer gewissen Region einzufrieren, was jegliche Expansion hemmte. Verzweifelt versuchten die Innviertier Brauherren die Grenzen vorerst mittels eines Heimdien stes zu umgehen; so bezeichnet man die direkte Belieferung von privaten Haushal ten mit Flaschenbier. Für jeden expandierfreudigen Brauherrn waren die Grenzen des Kartells ein Hindernis, und es ist meines Erachtens kein Zufall, daß es der Besitzer einer Innviert1er Kleinbrauerei war, der als erster die Grenzen des Kartells (bestehend seit 1907) im Jahre 1970 sprengte.''^ Einem anfänglichen Skandal folgte der Austritt mehrerer Brauherren und schließlich die Auflösung des Kartells. Der Einstieg in Handelsket ten bedeutete in der Folgezeit auch für andere Innviertier Kleinbrauereien die Ret tung vor dem Untergang. Jürgen Sewering sieht darin jedoch eine neue Gefahr für die Zukunft, denn der Großabnehmer bestimmt sowohl den Preis als auch die Kapa zität, und kann die Brauerei die Forderungen nicht erfüllen, so geht letzterer zur Konkurrenz über.^^ Auffallend für einen Beobachter sind immer noch existierende, auf lokale Absatzgebiete aufgebaute Vertriebsformen Innviertier Klein- und Mittelbrauereien. Seien es die Nachwirkungen des Bierkartells oder wahrhaftig eine gewisse Fairneß, die in der Innviertier Brauherrntradition wurzelt und das Absatzgebiet des einen für den anderen unantastbar macht. Es sind Großbrauereien, die sich nicht an jene Regeln halten, die die Klein brauereien zum gegenseitigen Überleben in langjähriger Nachbarschaft entwickelt haben; Geschäftsunternehmen ohne Verbindung zu einer noch in Relikten bestehen den Brauherrntradition, ja rein von wirtschaftlichen Interessen geleitet. Die Großbrauereien kaufen auf, legen still, verwenden die Brauerei als Bier depot für die Belieferung der umliegenden miterworbenen Absatzrechte und reißen sie letztendlich ganz ab. Symbolischer Schlußakt einer langjährigen Brautradition ist meist das Abtragen des hohen Schlotes, wie es in Mattighofen und Raab erst vor kurzem geschah. Die Folgen solcher Stillegungen für die unmittelbare Umgebung sind beachtlich. Nicht nur, daß viele Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren, auch wird bzw. wurde bereits ein regionaler Kulturbereich zerstört, dessen Spuren ich in mei ner Arbeit nachgegangen bin. Keinesfalls möchte ich vergangener Handwerkstradi tion aus volkskundlicher Sicht nachtrauern, nur bedaure ich selbst, im Fall der Innviertier Brauereien ein sterbendes Kulturgut aufgezeichnet zu haben, da es dort in keiner anderen, neuen Form zutage treten kann und wird. Trend, Wien 1970. Nr. 4, S. 17-23. ''' Jürgen Sewering, Die Konkurrenzsituation der bayrischen Mittel- und Kleinbrauerei. Dissertation. Graz 1961, S. 120.

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