OÖ. Heimatblätter 1992, 46. Jahrgang, Heft 4

OBEROSTERREICHISCHE MKUiVgWHMf 46. Jahrgang Heft 4

OBEROSTERREICHISCHE 46. Jahrgang Heft 4 Herausgegeben vom Instihit für Volkskultur Hermann Kohl Der Meteoritenfall von Prambachkirchen vor 60 Jahren Claudia Peschel-Wacha Die Brauerei als Arbeits- und Lebensraum Eine Kulturstudie aus dem Innviertel (III) Barbara Ritterbusch-Nauwerck Fischer und Fischerei am Mondsee - ein Bericht aus Erfahrungen Karl Pilz Zur Geschichte der frühen Fotografie im Salzkammergut Kriemhild Pangerl Josef Lugstein als Administrator der Dotationsgüter des Bischofs von Linz Der erste Christbaum zu Reichenau im Mühlkreis - Rudolf Ardelt Anton Lutz (1894-1992) - Peter Assmann Eine originelle „Haus-Chronik" aus Zwettl a. d. Rodl - Josef Mittermayer Volkskultur aktuell Buchbesprechungen

Medieninhaber; Land Oberösterreich Herausgeber: Institut für Volkskultur Leiter: .W Hofrat Dr. Dietmar Assmann Zuschriften (Manuskripte, Besprechungsexem plare) und Bestellungen sind zu richten an den Schriftleiter der OÖ. Heimatblätter: Dr. Alexander Jalkotzy, Institut für Volkskultur, Spittelwiese 4, 4020 Linz, Tel. 0 73 2/2720-5643 Jahresabonnement (4 Hefte) S 190,- (inkl. 10% MwSt.) Hersteller: Druckerei Rudolf Trauner Ges.m.b.H., Köglstraße 14, 4020 Linz Grafische Gestaltung: Mag. art. Herwig Berger, Rosenstraße 14, 4040 Linz Für den Inhalt der einzelnen Beiträge zeichnet der jeweilige Verfasser verantwortlich Mitarbeiter: Rudolf Ardelt, Kaplanhofstraße 29, 4020 Linz Dr. Peter Assmann, Gstöttnerhofstraße 17, 4020 Linz Dr. Hermann Kohl, Hirschgasse 19, 4020 Linz Kons. Josef Mittermayer, Schaffetschlag 2, 4181 Oberneukirchen Dr. Kriemhild Pangerl, Katholisch-Theologische Hochschule Linz, Bethlehemstraße 20, 4020 Linz Dr. Claudia Peschel-Wacha, Kanalstraße 6/5,1220 Wien Karl Pilz, 4822 Bad Goisern 24 Dr. Barbara Ritterbusch-Nauwerck, Scharfling 8, 5310 Mondsee Alle Rechte vorbehalten Für unverlangt eingesandte Manuskripte über nimmt die Schriftleitung keine Haftung ISBN 3-85393-062-X 00 KULTUR UNDESKUUURHEFIRAT Titelblatt: Meteorstein von Prambachkirchen. Foto: F. Gangl, OÖ. Landesmuseum

Der Meteoritenfall von Prambachkirchen vor 60 Jahren Von Hermann Kohl D er beobachtete Aufprall eines Meteoriten, das heißt eines außerirdischen Körpers, auf die Erdoberfläche ist ein seltenes Naturereignis, obwohl wir heute wis sen, daß die Masse der täglich die Erdatmosphäre erreichenden außerirdischen Materie groß ist. Aber größtenteils handelt es sich um kleine und kleinste Gebilde, die schon beim Eintritt in die Atmosphäre oder beim Durchgang durch diese ver dampfen und verglühen oder bestenfalls als unscheinbarer Staub auf die Erdoberflä che gelangen. Nur größere Objekte haben bei richtigem Einfallswinkel in die Atmo sphäre eine Chance, die Erdoberfläche zu erreichen, wobei auch sie durch Verdamp fen und Abschmelzen viel an Gewicht und Volumen verlieren. Diese Vorgänge sind mit Leuchterscheinungen verbunden - man spricht von „Feuer- und Leuchtkugeln" -, die im besiedelten Gebiet immer wieder beobachtet werden und die Auffindung einfallender Meteoriten begünstigen. nsicnt, ooen aie angescnmoizene tromsi bhruchsidk eines bisher nicht gefunden Foto: .F Ga

Dieser Glücksfall traf auch für den vor 60 Jahren am 5. November in Ober gallsbach, Gemeinde Prambachkirchen, gefallenen Meteoriten zu; ja die sich über weite Gebiete Österreichs, Süddeutschlands und Südböhmens erstreckenden Beob achtungen haben zusammen mit der geradezu schulbeispielhaft gestalteten Oberflä che des Objektes die Rekonstruktion der Flugbahn ermöglicht. In vorbildlicher Weise hat der damalige Kustos für die erdwissenschaftlichen Sammlungen im OO. Landesmuseum, Dr. Josef Schadler, dieses Ereignis erforscht und zusammen mit entsprechenden Fachleuten dokumentiert (1933 und 1935). Sei ner Aktivität ist es auch zu danken, daß dieses einmalige Objekt für das OÖ. Lan desmuseum angekauft werden konnte und so dem Lande erhalten blieb. Nur wenige Meteoritenfälle konnten bisher auf der kleinen Fläche des heuti gen österreichischen Staatsgebietes durch den Fund der Objekte sicher nachgewie sen werden (A. Tollmann, 1986). Am ehesten ist der Fall von Lanzenkirchen bei Wiener Neustadt (NÖ.) vom 28. August 1925 um 19.25 Uhr mit Prambachkirchen vergleichbar, wo ein 5 kg schweres Objekt niederfiel und geborgen werden konnte, zu dem sich wenige Monate später noch ein abgesplittertes Stück von 2 kg fand. Die Funde gingen an das Naturhistorische Museum in Wien, das über eine umfangrei che Meteoritensammlung aus aller Welt verfügt. Der am 20. November 1768 um 16.00 Uhr in Mauerkirchen gefallene Meteo rit mit einem Gewicht von etwa 17 kg wurde, den damaligen Gepflogenheiten ent sprechend, aufgeteilt. Nachdem damals das Innviertel mit dem Fundort Mauerkir chen noch zu Bayern gehörte, ging der größte Teil davon nach München, einen wei teren erhielt u. a. das Naturhistorische Museum in Wien, und nur ein kleiner Splitter von 1,6 g befindet sich am OO. Landesmuseum. In Wien wird ferner ein kleines Stück von 5 g verwahrt, das 1877 in Mühlau bei Innsbruck gefunden wurde, ohne den Zeitpunkt seines Einfallens zu kennen. Schließlich gelang im September 1977 bei geologischen Kartierungen süd östlich von Ybbsitz ein weiterer Fund eines 14,6 kg schweren Meteoriten, der nach eingehenden Untersuchungen ebenfalls am Naturhistorischen Museum blieb. Tollmann erwähnt weitere wahrscheinliche Einfälle, so 1618 in der Oststeier mark, 1849 bei Klagenfurt, 1905 bei Minichhof im Burgenland und weist außerdem auf nicht weiter geklärte Lichterscheinungen hin, die auf Meteoriteneinfälle zurück geführt werden könnten. Ergänzend dazu sollen hier auch die beiden in diesem Jahr im Räume Linz beobachteten Lichtphänomene erwähnt werden, von denen aber bisher unbekannt blieb, ob dabei tatsächlich außerirdische Materie die Erdoberfläche erreicht hat. Der Erscheinung vom 17. Jänner 1992 um 22.12 Uhr liegen siebzig bis achtzig verwert bare Meldungen zugrunde, wonach es sich um einen Kometen gehandelt haben soll. Die Beobachtungen bedürfen noch einer weiteren Bearbeitung (mündliche Mittei lung Dr. Gruber, OÖ. Landesmuseum). Nur kurz wies eine Meldung des ORF vom 24. August 1992 auf ein ähnliches Ereignis hin. Eine Augenzeugin hatte am 22. August 1992 zwischen 21 und 22 Uhr nordöstlich von Linz eine „Leuchtkugel mit Schweif" beobachtet.

Schon diese wenigen Hinweise zeigen, daß das Ereignis von Prambachkirchen für Oberösterreich mehr war als bloß ein Meteoritenfund und daß es gerade im Zeitalter der Weltraumforschung gerechtfertigt ist, auch nach sechzig Jahren noch und wieder daran zu erinnern. Schon nach vierzig Jahren, 1972, und wieder nach fünfzig Jahren, 1982, hat das OÖ. Landesmuseum diesem Ereignis jeweils eine Sonderausstellung gewidmet. Zu letzterer, die auch im Naturmuseum Vorarlbergs, der Naturschau in Dornbirn, gezeigt wurde, ist ein ansprechender, von Dr. Gruber verfaßter Katalog erschienen (1982), der das Ereignis und das Fundstück von Frambachkirchen aus der Sicht der inzwischen weit fortgeschrittenen Meteoritenkunde im Zusammenhang mit unse rem Sonnensystem aufzeigt. Da ja alle erforschten Daten zum Meteorstein von Frambachkirchen gut dokumentiert sind und neuere Untersuchungen dazu nicht vorliegen, sollen hier nur einige der wichtigsten Einzelheiten und Merkmale in Erinnerung gerufen werden, die für unser Land und den Raum Frambachkirchen bedeutend sind. Weinberg toähavt Dax^org Oehöft Doppelbauer X/\PeHöftH -fZ^reiiwieser Obergallsbach fundsteue des Meteorstein» Standort der Beobachter 1 frant Piftrich 2 da/ Baurecket und frau 19 Josef Breltwi'eser 10 Jottann Sallaberger 11 Rudolf Lehner Fundstelle des Meteorsteins. Der Pfeil zeigt die von den Findern festgestellte Einfallsrichtung an. Aus: Schadkr und Rosenhagen 1935, 5. 103.

Ölbild von A. Lutz, 70 x 90 cm, mit dem einfallenden Meteorstein über Braunau, nach der Beobachtung von Martin Seitz, Bimbach. OÖ. Landesmuseum Da verdient zunächst die genaue Beobachtung und zuverlässige Aussage sowie das vollkommen richtige Verhalten der unmittelbaren Kronzeugen hervorge hoben zu werden. Das Ereignis vom 5. November 1932 wurde trotz des über dem breiten Tal des Daxbaches liegenden Nebels von drei verschiedenen Stellen der gut drei Kilometer östlich von Prambachkirchen liegenden Ortschaft Obergallsbach aus beobachtet: von dem der Einfallsstelle am nächsten gelegenen Gut Breitwieser vom Landarbeiter Franz Pittrich und dem Besitzer des Breitwiesergutes Josef Breitwieser - in seinem FJause befindet sich eine Kopie des Meteoriten ferner vom Südost rand der Ortschaft von dem auf dem fJeimweg befindlichen Besitzer der Fiintermühle Max Baurecker und dessen Frau und schließlich von einer Stelle östlich des alten Badhauses Daxberg vom Landwirt Johann Sallaberger und dem Landarbeiter Rudolf Lehner. Knapp vor 22 Uhr war es trotz des Nebels plötzlich für Sekunden taghell geworden, nach 25 bis 30 Sekunden war ein zuerst starker, dann noch ein zweiter, etwas schwächerer Knall zu hören, nach weiteren sechs bis acht Sekunden drang dann ein immer intensiver werdendes Geräusch immer näher, das mit einem dump fen Aufschlag endete. Waren schon unmittelbar nachher die beim Gehöft Breitwie-

ser zusammengetroffenen Männer der Auffassung, daß es sich nur um einen Meteo riteneinfall handeln könne, so erschien zunächst ein Suchen in der Dunkelheit hoff nungslos. Man hatte sich genau die Einfallsrichtung gemerkt und auch die Entfer nung abgeschätzt. Bei der gleich am nächsten Morgen begonnenen Suche konnte der Landwirt Anton Doppelbauer auf einem seiner frisch bestellten Felder eine kleine Vertiefung entdecken, aus der in nur 23 cm Tiefe der Meteorit geborgen wer den konnte. Der Einschlagkanal verwies auf eine Einfallsrichtung aus Nordnord west. Dabei wurde wieder alles sorgfältig bezeichnet und vermerkt, was für die spä teren Untersuchungen wichtig war. Breitwieser hat noch am gleichen Tag das genaue Gewicht festgestellt und sogar versucht, das spezifische Gewicht zu ermitteln, womit bereits feststand, daß es sich nicht um einen Eisen-, sondern um einen Steinmeteoriten handeln müsse. Der Fund gehörte dem Gesetze nach dem Finder und Grundbesitzer Anton Doppel bauer, der aber bereit war, das für Oberösterreich einmalige Stück dem OO. Lan desmuseum abzutreten, das für eine entsprechende Entschädigung sorgte. Seither zählt dieses Stück zu den kostbarsten Unikaten der geowissenschaftlichen Samm lungen des Museums. Dank der Bemühungen von Dr. Schadler, der ein umfangreiches Beobach tungsmaterial sammeln, kritisch prüfen und durch mündliche und schriftliche Rück fragen erweitern konnte, war in Zusammenarbeit mit Dr. J. Rosenhagen von der Universitätssternwarte in Wien die Berechnung und Rekonstruktion der Flugbahn dieses Himmelskörpers möglich geworden, was schon deshalb nicht einfach war, weil sie in einer sonst nicht üblichen Spirale endete (1935). Die Beobachtungen las sen darauf schließen, daß der Meteorit aus dem Raum Oberitalien kam, wo er ver mutlich in die Erdatmosphäre eindrang, zunächst ziemlich geradlinig in nordöstli cher Richtung bei einer Geschwindigkeit von etwa 45 km/Sek. in rund 50 km Höhe die Hohen Tauern, dann bei abnehmender Neigung das Salzkammergut und schließlich in etwa 14 km Höhe den Raum Wels überflog. Westlich von Linz ging die Bahn schließlich in eine Spirale über, so daß das Objekt, das ursprünglich aus Süd westen kam, bei stark abnehmender Geschwindigkeit nun von Nordwesten her die Erdoberfläche erreichte. Dieser nicht zu erwartende Übergang der Bahn in eine ver hältnismäßig stark gekrümmte Spirale fand seine Erklärung in der Absplitterung eines kleinen Stückes, das zwar bis heute nicht gefunden wurde, aber am Stein selbst deutlich erkennbar ist und außerdem auch von Augenzeugen beobachtet wer den konnte (1935, S. 128 ff., Beobachter Nr. 13 und 15). Der Knall wird mit dem sogenannten Hemmungspunkt in Verbindung gebracht, bei dem sich infolge der stark abnehmenden Geschwindigkeit die vor dem Körper angestaute Druckwelle löst und im nachfolgenden Vakuum explodiert, was etwa in 6 km Höhe erfolgt sein muß und womit auch das Erlöschen der Lichterschei nung in Verbindung gebracht wird (1935, S. 155 ff.). Nun noch kurz zum Objekt selbst. Der 2.125 g, nach Entnahme eines Bohr kerns für die chemische und mineralogische Untersuchung nur mehr 1.987 g schwere Stein hat die Form einer unregelmäßigen, auf der Vorderseite stark abge-

rundeten dicken Scheibe mit einem Durchmesser von 13,5 mal 12,5 cm und einer maximalen Dicke von 7 cm. Das Besondere daran ist die geradezu modellartige Ausbildung,die nur selten so gut entwickeltzu finden ist und die eine Reihe wert voller Aussagen über den Flug durch die Atmosphäre ermöglicht. So läßt die glatte, zum Teil glänzende und gut gerundete Oberfläche der einen Seite zusammen mit der Lage bei der Auffindung im Acker eindeutig darauf schließen, daß es sich dabei um die Vorder-, die Frontseite des Steins handelt und daß sich diese Lage während des Großteilsder Einfallsbahnnicht geändert hat. Formänderung und Stofjverlust des Meteorsteins während der Durchdringung der Luft. Der ur sprüngliche, schätzungsweise etwa 5.800 g schwere kosmische Körper ist als annähernd isometrisch an genommen. Der Pfeil zeigt die Flugrichtung an. (1) = Stoffoerlust im Bahnabschnitt vor dem Tei lungspunkt. (2) = Am Teilungspunkt abgesprengte Ecke. (3) = Stoffverlust im Bahnabschnitt nach dem Tei lungspunkt. (4) = Restkörper = Meteorstein im Gewicht von 2.125 g. Verkleinerung = 1:3. Aus: Schadler und Rosenha gen, S. 115. Bei der großen Geschwindigkeit muß auch damit gerechnet werden, daß ein größerer Teil, angenommen wird mehr als die fLälfte des Steines, zunächst ver dampft und bei abnehmender Temperatur gegen Ende der Flugbahn dann auch noch abgeschmolzen sein muß. Die dabei abströmenden Gase haben entsprechende Rillen an den Seiten des Flugkörpers hinterlassen. Die Überschneidung dieser Rillen in einem Winkel von 50 Grad spricht dafür, daß die Absprengung eines kleinen Teils nicht nur zur Änderung der Flugbahnrichtung, sondern auch zu einer Kippung des Steins geführt hat. Die Unter- bzw. Rückseite ist dagegen rauh und uneben geblie ben. Die abströmenden Gase haben auch die gewaltige Lichterscheinung hervorge rufen, die sich von größerer Entfernung wie eine Leuchtkugel mit einem kometenar tigen Schweif ausnahm (1935, S. 153). Der chemischen und mineralogischen Zusammensetzung nach gehört der Meteorit in die große Gruppe der Steinmeteoriten oder Chondriten. Als Hypersthen-Olivin-Chondrit stellt er keine Besonderheit dar. Er reiht sich somit bei sei nem spezifischen Gewicht von 3,58 in das von Gesteinen der Erdoberfläche abwei chende Gesamtbild der bisher bekannten außerirdischen Materie ein.

Literaturverzeichnis ScHADLER, ],, u. Dittler, E., 1933: Der Meteorstein von Prambachkirchen (Oberösterreich). - Sitzber. Öst. Akad. Wiss., math.-naturw. Kl., Abt. I/I42, S. 213-232, u. Anz., math.-naturw. Kl. 70, S. 249-251. ScHADLER, J., u. Rosenhagen, J., 1935: Der Meteorsteinfall von Prambachkirchen (Oberösterreich) am 5. November 1932. - Jb. OÖ. Mus.-Ver. 86, S. 100-164. Gruber, B., 1982: Meteoriten, Materie aus dem Weltraum. - Katalog Nr, 113 zur Sonderausstellung des OÖ. Landesmuseums anläßlich des 50. Jahrestages des Meteoritenfalles von Prambachkirchen, S. 30. Tollmann, A., 1986: Meteoritenfälle in Österreich. - In: Geologie von Österreich, Bd. III, S. 263-268. - Deuticke, Wien.

Die Brauerei als Arbeits- imd Lebensraum Eine Kulhirstudie aus dem Innviertel (III) Von Claudia Peschel-Wacha Der Brauherr Das bürgerliche Brauhandwerk Unter vielen angebotenen Worten habe ich die Bezeichnung „Brauherr" für den Besitzer einer Brauerei gewählt, um dem umstrittenen „Broi" (oberes Innviertel) oder „Preu" (unteres Innviertel)^ auszuweichen und gleichzeitig die noch heute über lieferte Anredeform „fierr" inkludiert zu wissen. Letztere wird schon in der Rieder Handwerksordnung von 1623 gemeinsam mit der weiblichen Anredeform der Gat tin des Brauereibesitzers „Frau" angeführt und ist auch literarisch im „Teufelsbe schwörer" von Franz Stelzhamer für das Innviertel belegt; .. sprach ... der Bräu herr, er schien heute gegen seine sonstige Art herablassend, fast treuherzig und biem 3 1 Holzdaubenkrug eines Bierbrauers aus Schärding I am Inn mit Zinnmontierung. Inschrift auf dem I Zinndeckel: IViG, zwischen den Buchstaben Darstel- ^ ^ .1 lung eines Maischbottichs mit den Brauerinsignien, 18. Jahrhundert, Heimathaus Schärding am Inn. Foto; frfl HZ Michalek, Stadtmuseum Linz ' Im Wörterbuch der bairischen Mundarten in Österreich, Bd. 3, Wien 1983, Spalte 929ff., ist unter „preu" angegeben: Preu I: Brauereibesitzer, im oö. Innviertel auch Broi oder pierpreu. Preu II: Brau menge, in Oberösterreich, im oberen Innviertel auch das Bräu. Preu III: Ort, wo Bier erzeugt wird.

der." Sie ist im mittleren bis oberen Innviertel noch bis heute in Kleinbrauereien in Verwendung. Doch in den größeren Brauereien ist die Anredeform, die Aussage über das jeweilige Handwerk gab, heute verschwunden und dem positionsspezifi schen Wort „Chef" wie in anderen Produktionsbetrieben angeglichen worden. In Innviertier Mittelbrauereien schon früher, in kleineren Brauereien hielten sich ein hergehend mit einem späteren Zerfall des autarken Hauses auch die altertümlichen Anredeformen der Generationen vor dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Ganz unbedenklich habe ich den Innviertier „Broi", bis vor zwei Jahrhunder ten noch bayerischer „prew", als Brauereibesitzer angesehen. Bis mir ein Aufsatz aus München aus dem Jahre 1982 die neuesten Erkenntnisse von Helmut Stahleder über die Eintragungen in das dortige Handwerksbuch der Brauerei in die Hände fiel. Darin wird unterschieden zwischen den Brauberechtigten, den Brauenden und den Bier Schenkenden. Erstere waren durchwegs Angehörige des gehobenen Standes, deren Abstammungsnachweis nötig war zur Lehensverleihung im Münchner Brau erhandwerk. Sie ließen nur brauen, tatsächlich ausgeführt haben das Handwerk vorerst die Gruppe der „prewknecht" oder „prewmaister'V Ja, oft betrieb man die einträgli che Brautätigkeit sogar neben einem anderen Gewerbe. Im Jahre 1493 bestimmte der bayerische Herzog, daß jeder Braurechtsinhaber in München eine dreijährige Lehr zeit aufzuweisen hatte, weiters, daß sie nirgendwo berechtigt waren, ihre Brautätig keit neben einem anderen Gewerbe auszuüben. Welche vorrangige Bedeutung die Organisation des Brauwesens seit frühester Zeit in Bayern hatte, erkennt man an einem Vergleich mit der Handwerkszunft der Bierbrauer in Leoben. Erst 1720, also über hundert Jahre später als die bayerischen bzw. heute Innviertier Ordnungen, gefertigt, wird dort erwähnt, daß der Brauherr kein gelernter Brauer sein muß und darin der Unterschied zum Braumeister bzw. zum ausgelernten Brauknecht bestehe.' Die Gruppe der Brauberechtigten ohne Handwerksbildung war in Bayern zu der Zeit bereits nicht mehr gestattet. In den Münchner Zunftbüchern waren sie laut Helmut Stahleder jedoch niemals als „prew" bezeichnet worden. Der Name „prew" taucht im 14. Jahrhundert auf und kennzeichnet einen Bürger, der als Brauereibesit zer und/oder als Bierschenker im Handwerk eingetragen war. Zumeist waren Bier brauer und Bierschenker eine Person, ob jedoch ein „prew" zur Zeit der Eintragung nur Wirt war oder eine Brauerei angeschlossen hatte, diese in Betrieb war oder nicht, ist lediglich an der Höhe der Steuereintragungen unterscheidbar. Wer in Obernberg am Inn eine Bierschenke eröffnen wollte, mußte sich ebenfalls zuvor beim Brauhandwerk einkaufen und scheint sodann als „Bierzapfler" auf." Der Name „Bräu" oder „Broi" wurde nur dort angewendet, wo der Wirt gleich- ^ Helmuth Stahleder, Bierbrauer und ihre Braustätten. Ein Beitrag zur Topographie Münchens im Mit telalter. In: Oberbayrisches Archiv, Bd. 107, München 1982. ^ Franz Pichler, Das Bierbrauerhandwerk in der Steiermark. In: Katalog zur fünften Landesausstellung: Das Steirische Handwerk, I. Teil, Graz 1970, S. 522. " Heinrich Ferihumer, Die Brauereien Schärdings. In: Festschrift zum 25jährigen Bestand des Bundes gymnasiums Schärding. Ried 1970, S. 36-72.

zeitig eine eigene Braustätte betrieb: „O mein liabä Kelläbroi! Soid do a Pfandl voi vo dän guatn Bier ..schreibt Hans Schatzdorferd Der Name hielt sich am Wirts haus, obwohl vielfach schon kein Braubetrieb mehr angeschlossen war. Auch die Bezeichnung „Bierbrauer" oder „Bierbräuer", die in Schriften des 19. und 20. Jahrhunderts oft den Besitzer benennt, ist insofern irreführend, da sie gleichzeitig den Berufsstand jedes ausgelernten Brauers kennzeichnet. Für die ein zige unverfängliche Bezeichnung auch mit historischer Gültigkeit halte ich den Namen „Brauherr", mit dem ich den Unternehmer auch weiterhin benennen werde. Es ist anzunehmen, daß der Brauherrnstand im heutigen Innviertel zwischen 1300 und 1350 entstand, damals, als das Recht des Bierbrauens ausschließlich in die Hände der Bürger in den Städten und Märkten und auf die Herrschaften überging. Aus Braunau ist das älteste geschriebene Recht, das „Bierprivilegium", über liefert, das schon für das Jahr 1309 die Existenz hauseigener Brauereien belegt und alle Bierbrauer reich gemacht hat. Es besagte, daß „alle Tafernen im Gey abzuschaf fen" seien, d. h. die Einkehrwirtshäuser in einem bestimmten Umkreis der Stadt geschlossen werden mußten, sofern sie nicht Braunauer Bier ausschenkten.^ Solche „Bannmeilen" sind aus dem oberösterreichischen Raum seit früher Zeit bekannt. In Enns führte man sie 1244 ein, in Linz sprach man den Bierbann 1362, in Freistadt 1359 aus. Aus Neumarkt ist er erst aus dem Jahre 1558 überliefert. „Die Bedeutung, die dem Braurecht in den Bannmeilenprivilegien zukam, läßt vermuten, daß die Braustätten und -schenken zu den ersten außerstädtischen Gewerbezweigen zählten, die den Stadtbürgern Konkurrenz machten."' Diese bürgerlichen Bestimmungen waren an das Brauhaus gebunden, das demnach innerhalb der Mauern und Bastionen liegen mußte. In Innviertier Märkten und Städten kann dies noch heute beobachtet werden, das Brauhaus im Hinterhaus eines bürgerlichen Gewerbetreibenden am Stadtplatz, im Vorderhaus ist meist der Braugasthof situiert, und hinter beiden Komplexen einige dazugehörige Landwirt schaftsgebäude (s. Braunau, ehemalige Brauerei Stechl; Schärding, ehemaliger Komplex der Baumgartner-Brauerei; im Neumarkter Mitterbräu noch heute am Stadtplatz zu verfolgen, auch im Altheimer Wurmhöringer-Bräu sowie in Ried, Uttendorf, Obernberg und Raab). Zu Beginn des 17. Jahrhunderts tauchen die ersten Handwerksregelungen in schriftlicher Form für die Brauer auf. Die bedeutendste Innviertier Handwerksverei nigung war die der Rieder Brauer von 1623. Auch aus Obernberg und Schärding sind Handwerksbücher bekannt, in welchen man unter anderem, ähnlich dem Bier kartell des 20. Jahrhunderts, „durch gezielte Preispolitik und Quantitätsregelungen möglichen Konzentrationserscheinungen"® entgegentreten wollte. ® Hans Schatzdorfer, „Da Kelläbräu-Bierleufö". In: Spatzeng'sang, o. O. 1949. ' Max Eitzlmayr, Braunau einst. Braunau 1983, S. 27 f. ' Elisabeth Hirsch, Das Kommunbraurecht Oberösterreichs - historische, rechtliche und wirtschaftli che Aspekte unter besonderer Berücksichtigung der Braucommune Freistadt. Dissertation. Wien X978, S, 18. ® Christoph Wagner, Das große Buch vom Bier, Wien 1984, S. 77 f.

Jede Braugerechtigkeit war an das Haus gebunden, d. h., jeder, der zum Bei spiel im Markte Obernberg ein Haus mit radizierter Brauereigerechtigkeit kaufte, erwarb damit zugleich das Recht, ohne ein weiteres Ansuchen stellen zu müssen, auf dem Hause eine Brauerei zu führen.' Die Produktion wurde nach den lokalen Absatzbedingungen geregelt. Wollte ein Brauherr eine neue Braulokalität eröffnen, so waren viele Bedingungen daran geknüpft: 1. Das Braurecht galt nur für Bürger. Seit 1675 war es sogar generaliter ver boten, daß Angehörige des Adels oder des geistlichen Standes Braustätten besitzen. Die bürgerliche Brauerzunft war so stark, daß ein Graf ein Jahr nach Kauf einer Brauerei in Schärding diese nach letztlichem Entschluß der bayerischen Regierung 1716 wieder abtreten mußte. Mehrere Edikte im 17. und 18. Jahrhundert schlössen auch immer wieder'Bauern und Müller vom Brauer aus. Daß trotzdem in diesen Hausgemeinschaften für den eigenen Hausbedarf gesotten wurde, zeigen die oftma ligen Wiederholungen der Edikte, gipfelnd im kaiserlichen Erlaß von 1794, durch welchen allgemein endgültig verboten wurde, aus selbstgewonnener Gerste für den eigenen Bedarf Bier zu sieden, da „das Bierbrauen ... ein eigenes Gewerbe für den Unterthan, für die Herren und Landstände und mithin ein mit Steuer belegtes Dominikalgefälle ist'D° Roman Sandgruber nennt als Hauptcharakteristikum der Wirtschaftsherr schaft über die Bauern das System von landwirtschaftlichen Industrien, vor allem Brauereien, die durch ihren Monopol- und Zwangscharakter florierten. Aktionen dagegen sind aus den Bauernkriegen und dem Dreißigjährigen Krieg überliefert, wo angeblich auch viele Braustätten niedergebrannt worden waren. Den Schlußstrich unter all diese Bannrechte setzte die Grundentlastung von 1848. 2. Der zukünftige Brauer mußte die Bürgersrechte erwerben, und das erfolgte, war er nicht von Geburt an von der besitzenden Klasse dieses Berufsstan des, mittels Erkaufen der Bürgerrechte für sich und seine Familienmitglieder, z. B. durch die Einheirat in einen Meisterbetrieb. Seine Fachkenntnisse waren Vorausset zung für eine Heirat mit einer Bürgerstochter oder -witwe, was die vielen Eintragun gen von ehemaligen Bräuknechten, die dann im Handwerksbuch der Rieder Bräuer auftauchten, beweisen. Für eine Witwe oder Tochter war es notwendig, jemanden vom Fach zu heiraten, da alle Brauereien so klein waren, daß der Brauherr selbst von der Produktion Kenntnisse besitzen und zumeist selbst mitarbeiten mußte (1791/92 wurden z. B. in Ried in einer Brauerei 58 Sud, 1803 75 Sud ä 20 Eimer Bier erzeugt!). 3. Eine neue Produktionsstätte wurde nach dem Kriterium des lokalen Bedarfes zugelassen und errichtet. Das Braugewerbe war der landesherrlichen Oberhoheit unterworfen. An jene mußte ein Ansuchen gestellt werden, und jene ' Hans Brandstetter, Der Markt Obernberg am Inn. Ried 1975, S. 100. Heinrich Ludwig Werneck, Brauwesen und Hopfenbau in Oberösterreich von 1100-1930. Berlin 1939/40, S. 123.

wlKSeMt] Stammbaum einer Innviertkr Brauherrnäynastie. Foto: Franz Michalek, Stadtmuseum Linz

entschied bis zur Aufhebung der Gewerbeordnung von 1859, ob die jeweilige Region ausreichend mit Bier versorgt war oder nicht. Bei Beschwerden umliegender Brauherren gegen die Errichtung einer neuen Braustätte war dies bis ins 19. Jahrhun dert ein oft angeführtes Argument. Als Brauherr einer der Innviertier Bürgerstädte hatte man gewisse Rechte, die einen materiellen und sozialen Aufstieg besonders begünstigten, jedoch anderer seits auch von der Standesherrlichkeit geforderte Pflichten. „Gastgeber und Bräuer hatten das alleinige märktische Vorrecht, Gastungen und Hochzeiten zu halten, die Leute zu ,setzen' und zu beherbergen, Vieh zu schlachten, d. h. auszuschenken", berichtet Josef Kränzl aus Ried. Dieses Gastungs recht wurde von vielen anderen märktischen Gewerben unterwandert. Die Brauher ren können als die frühesten ländlichen Hoteliers bezeichnet werden, was bis ins 20. Jahrhundert im oberen Innviertel bezeugt ist. Die Braugasthäuser am Marktplatz hatten, wie überall, einige Fremdenzimmer. Dabei kam ihnen auch das bürgerliche Marktrecht zugute, die darin verhaftete ausschließliche Handelsbefugnis, weshalb ihnen die Bevölkerung der Umgebung als Kundschaft gewiß war. Alle diese jahr hundertealten Vorrechte und Vorteile festigten die Stellung der bürgerlichen Brau herren und ließen Märkte und Städte über das Ende der Zwangsrechte und auch die Aufhebung der Zünfte hinaus als Zentren des Innviertier Brauwesens bestehen. Noch heute befinden sich sechs der intakten neun Braubetriebe in den bedeutenden Märkten bzw. Städten Ried, Schärding und Altheim. Eine bürgerliche Pflicht eines Brauherrn im zünftischen Handwerksverband lag in der Hochhaltung der vorgegebenen Moral. Man ging beispielhaft voran, indem die gesamte Innviertier Bräuschaft zusammenhielt, sobald sogenannte „Schörgen-Buben" das erhabene Handwerk der Bierbrauerei erlernen wollten, d. h. sich „unter ehrliche Professionen vermischen und hierin zu verheiraten" beabsich tigten. Da wurde gemeinsam prozessiert, bis die „gute Ordnung wieder herge stellt, viele Unruhen gestillt und schädliche Einführungen beseitigt und abgeschlos sen waren. Um die Insignien der Braukunst mit Würde tragen zu können, den bis heute gepflegten Maischbottich mit Schaufel, Schapfen und Gerstenähren bis zu kunsthi storisch anerkanntem Alter und Ästhetik wachsen zu lassen, mußte man die religiö sen Vorschriften des Zunftbuches befolgen. Aus Ried, Obernberg und Braunau sind Bruderschaften überliefert und die Handwerksbücher erhalten. Eine erhaltene Zunfttruhe der Schärdinger Brauherren läßt auch dort auf eine Bruderschaft schließen, jedoch sind keine Originalquellen mehr dazu erhalten. Im Jahre 1550 erfolgte die Anlegung des berühmt gewordenen und wegen vieler bildlicher Darstellungen als wertvolles Kunstwerk verwahrten Rieder Bruder schaftsbuches. Es enthält Eintragungen bis in das Jahr 1831. Bis 1628 wurden nur Josef Kränzl, Das Bräuerei-Gewerbe in Ried. Ried 1895, S. 53.

manimm fmzlm- \>«i '* "-^ (1^ ftiiT'VMfr' HuCii i'.il;.,, .«' "" 0.. I „y; (u« < , ,^iCC VmitS .uv'^_ . t 'j, ^ . rt ., • -. ,A '' > ■.yiii£j>u^ yA ,.)•/: Ausschnitt aus dem Rieder Bruderschaftsbuch: Darstellung der Maria mit dem Kinde und den Heiligen Drei Königen. Am ersten Oktober 1631 hat das Handwerk der Bierbrauer den Caspari Drauner, Bürger allhie „für einen Mithandtberchsgnossen" und Bierbräu aufgenommen. Original im Oberösterreichischen Landesarchiv, Linz. Foto: Franz Michalek, Stadtmuseum Linz

Rieder Bräuer dem Handwerk und der Bruderschaft einverleibt, dann auch die aus den Orten Pramet, Weissendorf, Gunzing, Höhnhart, St. Veit, Altheim, Zell an der Pram, Raab und Vöcklamarkt. Sie wurden alle 1628 der Rieder Zunft angeschlossen. Das prachtvolle Buch teilt sich in zwei Teile. Im ersten Abschnitt sind nur Bräuer dargestellt, im zweiten auch andere Berufsangehörige, deren Einverleibung ein Bierbrauer veranlassen mußte. In erster Linie handelt es sich um Vertreter der dem Bierbrauen nahestehenden Gewerbe wie Gastwirte, Binder und Bäcker. Grundsätzlich wurde auf den insgesamt 251 Blättern die aufgenommene Per son mit oder ohne Gattin(nen) bildlich dargestellt, auf der Rückseite des Blattes wurden die Jahreszahlen der Aufnahme und des Ablebens vermerkt. Als Illustrato ren können u. a. die Rieder Maler Gaman/Gamon und Franz Xaver Fux bestimmt werden. Am Ende des 18. Jahrhunderts wird die Handschrift immer nachlässiger geführt. Zu den Eintragungen des 19. Jahrhunderts wurden keine Illustrationen mehr angefertigt.^^ Die „Handwerksordnung der Bierbräuer zu Obernberg vom 9. März 1648" ähnelt der Rieder, ebenso die einzigen Hinweise für Schärding aus der „Goncession deren Handwerckhs Articln für die Bier Preu zu Schardting" von Kurfürst Maximi lian Josef von Bayern vom 2. Jänner 1755. Strafen gab es, wenn ein Brauherr unter anderem dem Gottesdienst fern blieb, wie es im damals bayerischen Altheim geschah: „1665 oblag ein Bierbräu schon längere Zeit dem Vollsaufen, versäumte die häusliche Nachschau und die heilige Messe, war oft schon um 1 Uhr früh voll und jagte dann sein braves Weib fort. Strafe: 5 Tage Arrest im Rathaus bei Wasser und Brot, 3 Tage Sitzen auf der Schandbank."^^ An hohen Festtagen, wie zum Beispiel zu Pfingsten, wurden Kerzen gestiftet und Hochämter gelesen. Man gedachte der verstorbenen Mitglieder, wobei alle Brauereibeschäftigten versammelt sein mußten, die Meister über die Anwesenheit der Lehrbuben wachend. Der höchste Festtag war der des heiligen Florian. Nicht um symbolhaft den Durst in der Kehle mit Bier zu löschen, wurde er zum Patron der Bierbrauer erkoren, wie mancherorts behauptet wird. Sein Märtyrertod im Wasser machte ihn zum Beschützer vor Feuergefahr, der die Brauereien mit den dazugehörigen Wirtschafts gebäuden durch die vielen Feuerstätten ausgesetzt waren. Der heilige Florian gilt im süddeutschen Raum und in Osterreich als der am weitesten verbreitete Patron der Bierbrauer." Georg Wacha, Bier, die (geheimen) Künste und die Kunst. Das Rieder Bruderschaftsbuch der Bier brauer aus dem 16. Jahrhundert. In: Blickpunkte, Kulturzeitschrift Oberösterreich. 42. Jahrgang, Heft 2/1992, S. 1-9. Lothar Bodingbauer und Ingeborg Staufer, Altheim - Ein Heimatbuch der Marktgemeinde. Ried 1975, S. 31. Hermann Jung, Bier - Kunst und Brauchtum. Dortmund o. S. 119, sowie Dietrich Heinrich Kerler, Die Patronate der Heiligen. Ulm 1905, S. 38.

Der heilige Florian zierte die Handwerksfahne, die seit Beginn der Hand werkszunft an Festtagen, vor allem immer zu Fronleichnam bei Prozessionen mitge führt wurde. Dies ist aus Ried und Schärding überliefert; in letzterem Ort wurde nach dem Zweiten Weltkrieg der Brauch wieder aufgenommen und bis in die sechzi ger Jahre fortgesetzt. In Ried und Braunau sind Brauerkapellen erhalten, in denen am Florianitag jedes Jahres der Hauptjahrtag des Handwerks in Form eines Hochamtes gefeiert wurde. Die ältere davon ist jene in der Rieder Pfarrkirche, deren Altar im Jahre 1669 vom Barockbildhauer Thomas Schwanthaler restauriert worden war." Das genaue Entstehungsdatum des Altars ist nach durchgreifender Restaurierung nicht mehr zu eruieren. Dargestellt ist eine Szene, in der der heilige Florian den brennenden Markt Ried mit Wasser begießt. Dies blieb in der Realität meist nur ein Wunschtraum, denn unzählige Innviertier Ortschaften waren durch Feuer, ausgebrochen in einem Brau haus, eingeäschert worden. Der Altar der Brauerkapelle in Braunau wurde vom Barockbildhauer Zürn im Jahre 1664 neu gefertigt. Das Altargemälde von Tobias Schinagl zeigt die Ent hauptung der heiligen Katharina, darüber finden wir eine Darstellung des heiligen Florian, darunter die Brauerzeichen. Mächtig schließt ein Schmiedeeisengitter mit bekrönenden Zunftzeichen die Kapelle ab. Leider wurde das Ensemble mit der Transferierung des Altares in die Nebenkapelle auseinandergerissen. Daß die einzigen bedeutenden Barockaltäre Innviertier Brauerzünfte zwei Daten überliefern, die so knapp beieinander liegen, ermöglicht folgende Hypothese. Im 17. Jahrhundert ist, wie bereits erwähnt, ein Höhepunkt in der zahlenmäßigen Errichtung von Braustätten im Innviertel zu verzeichnen. Daß beide Altäre im 17. Jahrhundert, in der Konjunktur des Braugewerbes, entstanden sind und die bedeu tendsten jeweils ortsansässigen Künstler für die Herstellung engagiert worden waren, verwundert also nicht, wohl aber, daß nur fünf Jahre zwischen den überliefer ten Entstehungsdaten liegen. Den künstlerischen Kontakt zwischen den beiden Zen tren des Braugewerbes bildeten einige Arbeiten Zürns - in Ried in den fünfziger Jah ren desselben Jahrhunderts. Als jener dann für die Braunauer Brauer einen „moder nen" Altar gefertigt hatte, wollte dem vermutlich die Rieder Zunft nicht nachstehen und engagierte den bekannten Künstler Thomas Schwanthaler, um auch ihren alten Altar im damals modernen Barockstil vollständig restaurieren zu lassen. Eine Verehrungsform des heiligen Florian fand ich nur in einem einzigen Bei spiel direkt an der Produktionsstätte in Form eines Freskos am ehemaligen Brauhaus in Ach an der Salzach. Es stammt aus dem Jahre 1721 und zeigt eine überlebens große Männerfigur, um welche sich noch kleine Szenenbilder mit unkenntlich gewordenem Inhalt gruppieren. " Franz Berger, Der Bräuer-Altar. In: Ried im Innkreis (I. Teil der Geschichte des Marktes und der Stadt Ried). Ried 1948, S. 225. " Franz Martin, Österreichische Kunsttopographie, Bd. 30, polit. Bezirk Braunau. Wien 1947, S. 195.

Zu jener Figur existiert eine Sage mit dem Namen: Der Bräuer von Ach. „Wenn man rechts von der Brücke bei Ach den Berg hinansteigt, kommt man zu einem Brauhause. Der Bräuer war ein gar wüster Mann, und wer ihm in der Däm merung begegnete, schlug erschrocken ein Kreuz, denn es hieß, der Bräuer wisse ein Mittel, um reich zu werden. Auch habe er sonst allerhand sonderbare Ansichten ff^ i 6eGR.i5ja « -V 1 Bierdeckel der ehemaligen Brauerei Friedl/Weinherger aus Ach an der Salzach. über den Wert des Menschenlebens, kurz, er war reich geworden, und niemand wußte, wie. Am großen Brauhause war er später aufgemalt, ein Kerl wie ein Eber, ein Nachkomme des Heinz von Stein, welcher Fangzähne trug. Das war zur Zeit der Franzosenkriege."^^ Hier finden wir einen Hinweis auf den Reichtum der Brauherren, wie für das Innviertel auch andernorts immer wieder bestätigt wird. Die finanziellen Mittel ermöglichten diesen Unternehmern eine Distanz zu den meisten Bewohnern der Umgebung, sie hielten eine höhere soziale Stellung über Jahrhunderte hinweg. Die soziale Position der Brauherren und ihr dynastisches Verhalten boten sich einer historischen Forschung an, die im nationalsozialistischen Sinn in einen biologischen Rassismus abglitt. Eine wahrhaft einzigartige Untersuchung in diesem negativen Sinne ist uns von L. Gschwendtner aus dem Jahre 1931 überliefert. Darin werden Körperteile vermessen, Rassenmerkmale daraus geformt und Unterschiede zwischen „dinarischem Merkmalsgepräge" im Gegensatz zur „ostischen Ausbil dung" abgeleitet. Die soziale Position wird mit den Erbanlagen erklärt.^® Die Position des Brauherrn ist in der Forschung - abgesehen von den eben erwähnten erschreckenden Irrungen - wie in der Realität charakterisiert durch ein Hervorheben der Familie. Das Anlegen von Ahnentafeln und Stammbäumen, die Rieder Heimatkunde. Heft 18, Ried 1932, S. 122. ' Leopold Gschwendtner, Ein Beitrag zur Rassenbiologie einer oberösterreichischen Familie, In: Hei matgaue. Hrsg. V. Adalbert Depiny. 12, Jg., Linz 1931, S. 186-194.

SOOjdKriges derjrauerei f^öni^ 3ubildiLiTi e u.Gutsbesitzunof Rllmanujsbacli - 1^/5 ßrauerei u.Guls'beiLlzLmg Seor^X^^T-ig 1598-'!6^5 I Wappen der Familie t^oniq ■H|||H^||||| 598-1675 Apollonialynigis^-I^^ FTaniDc.S5fI.Kön!a |3«oa-«7^ -i8^o-'iS83 " ,1930, neb, (83i Kallii König Franz3iibäf]]I.Könij i i, Oberndorf ^cb. 1477 i OsUrmk-Ui'n-..-, Ansichtskarte zur Jubiläums feier anläßlich des 500jährigen Bestehens der Brauerei König in Fillmannsbach aus dem Jahre 1930. Fertigung von Ansichtskarten zur Besitz- und Personendokumentation, das Nume rieren der Generationen und das bewußte Fortführen männlicher Vornamen für den erstgeborenen Sohn drücken ein Streben nach Familientradition im Braugewerbe aus. Man schmückt sich damit für ein Publikum über die kleinräumliche Umgebung hinaus, vielleicht, da man erkannt hat, daß vielen neuindustriellen Unternehmen eine vergleichbare Familiengeschichte fehlt. Gleichzeihg muß man zum weiteren Beweis der Qualität des Produktes technische Daten wie Automatisation, Rationali sierung usw. angeben. Hinter diesen schwingen Stolz und Erleichterung jedes Brau herrn einer bestehenden Brauerei mit, einen traditionsreichen Handwerksbetrieb über die erst so spät im Innviertel erfolgte Industrialisierungswelle gerettet zu haben.

Zl-aBKjmMEEllMlJ E. «Joi- MBcptau§r,®)Mffl.' Ansichtskarte mit dem Immobilienbesitz einer Innviertier Brauherrnfamilie im ]ahre 1932. So wird heute in allen Betriebsdarstellungen das Hauptaugenmerk auf eine Präsen tation der Familiengeschichte, gepaart mit technischen Daten zur Modernität der Froduktionsstätte gelegt. Der Brauherr als Kulturvermittler zwischen Stadt und Land Oftmals war der Braugasthof Zentrum ländlich-kultureller Veranstaltungen. Neben Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten im Leben eines Ortsbewohners wurde zum Beispiel beim Müller in „Henhart" alljährlich eine „Abendunterhaltung mit Concert, Theater und Tanzkränzchen" wie im Jahre 1886 abgehalten." Das um die Jahrhundertwende bedeutendste künstlerische Zentrum am Rande des Innviertels war Zipf. Als Initiatoren fungierten die am Geschmack des Wiener Künstlerniveaus orientierten Familienangehörigen des Gründers Dr. Wil helm Schaup. Österreichweit bekannte Künstler wurden eingeladen, zum Beispiel Rieder Volksblatt 1866, Nr. 6.

am 16. Juli 1914 das „Original Wiener Kabarett Fledermaus", welches eine Posse mit Gesang von Karl Parkas und Julius Schröder „Zu Befehl, Herr Leutnant!" im Saal der Brauerei-Restauration aufführte. Auch Silvesterfeiern wurden veranstaltet und am 2. August 1912 ein Feuerwerk anläßlich des zweijährigen Bestandes des ruhmwürdi gen Observatoriums Zipf, dessen Lichterspiel „die prächtigen Parkanlagen vor der Villa Buen Retiro im Zauberglanz erstrahlen lassen werde". Buen Retiro war die 1904 erbaute Sommervilla einer Tochter des Gründers der Brauerei. Die Verbindung zum Wiener Künstlerkreis hat in einem Auftragswerk des Barons von Lilienau an Theodor Gharlemont 1912 seinen plastischen Ausdruck gefunden. Bezeichnend für die Familienverehrung in Brauherrnfamilien wurde eine Büste des Gründers der Brauerei und gleichzeitigem Familienoberhaupt hergestellt und in die Wand des Eintrittsraumes der noch heute vor der Brauhauseinfahrt als Verwaltungsgebäude bestehenden Kanzlei eingelassen. Die runde marmorne Ein rahmung entspricht einem historischen Renaissancestil, den gleichfalls das Kranzge flecht unter dem Sockel sowie die kassettierte Deckengestaltung des Raumes beto nen. Heute ist die Büste aus dem Verwaltungsgebäude entfernt. Heute, da die Fami lie die Brauerei Zipf mit der Brau AG teilen muß, ist eine Tafel anstelle der Büste angebracht, auf der nicht mehr die Taten einer Person gewürdigt werden, sondern der wirtschaftliche Aufschwung der Brauerei anhand wachsender Hektoliteraus stoßzahlen dokumentiert ist. vVS i: MA - ■fT JugendsHl-Braugasthof in Aspach, erbaut vom Linzer Architekten Hans Wolfgruher im Jahre 1924.

ü-fcl! BRAU SIND GA-;-' !0F HAN? HOFnANM| Fries zum Thema Innviertier Bauernhochzeit am Braugasthof in Aspach. Foto: Fotostudio Ertl, Ried/Innkreis Auch im Innviertel finden sich Beispiele zwischen engen Kontakten des ländlichen Brauherrn mit städtischem Künstlertum. Der Jugendstil taucht gemäß dem Gesetz der zeitlichen Verzögerungen von Innovationen zwischen Stadt und Land spät in dem untersuchten Landschaftsstreifen auf. An einem Beispiel aus dem Jahre 1924 dokumentiert er sich in Aspach, dem Braugasthof und Wohnhaus der Brauherrnfamilie. Erbaut von dem Linzer Architekten Hans Wolfgruber zeigt es eine eher plumpe ländliche Form mit Jugendstilelementen, die die gedrungen-massige, ganz traditionell mit dem Walmdach ausgeführte Bauweise Innviertier Braugasthöfe mittels einer unregelmäßigen Fenstergliederung spielerischer aufzulösen versucht. Mehrteilige, oben abgerundete Fensteröffnungen spenden den Räumen im Erdge schoß viel Licht, die „Beletage" wird durch hohe, schmale Fenster und zwei abge schrägte Erker linienhaft in der Verükalen gegliedert. Den ersten Stock betont in die Breite ein mächtiger, von Engelbert Daringer gemalter Fries, der Szenen einer Innviertier Bauernhochzeit darstellt. Figurengruppen ziehen an der Längsseite des Hauses entlang, die Frauen in Tracht und Goldhaube, in schwarzen, langen Kopf tüchern tanzen sie an den Breitseiten. In den Jahren 1924/25 wurde vom Bildhauer Furtner ein den Stilprinzipien des Jugendstils angelehnter Ofen, ganz dem geforderten Gesamtkunstwerk dieser Epoche entsprechend, für obiges Haus geschaffen. Er ziert heute im neu erbauten Einfamilienhaus der Aspacher Brauereibesitzer das Wohnzimmer. An ihm ranken sich pflanzliche Symbole des Berufsstandes des Auftraggebers, Gerste und Hopfen, in Form traubenartiger Früchte empor. Der in Brauherrnfamilien gern gesehene Umgang mit der städtischen Intel lektuellenschicht ließ jene in Krisenzeiten als ländliche Mäzene fungieren. Der Brauherr als Innovationsvermittler Landwirtschaft Das Innviertel war weder reich an eigenen Innovationen im Brauwesen noch leicht empfänglich in der Übernahme solcher von außen. Der Brauherr tritt uns in seiner Funktion als Gewerbetreibender ideenarm entgegen, da er meist kein Meister seines Faches war, es in regionaler Abgeschiedenheit traditionsgebunden fortführte. Als Innovationsvermittler der städtischen Lebensweise jedoch hat er bis in die Mitte

des 20. Jahrhunderts und auch als Ökonom seit Beginn der volkskundlichen Neu zeit, vor allem im 19. Jahrhundert, eine im Innviertel hervorragende Bedeutung. Letzteres hing vermutlich mit der ehemaligen Berufsausbildung für Brauer zusammen, die aus landwirtschaftlichen Fächern hervorging. Die berühmte erste Brauerschule in Weihenstephan war als Landwirtschaftsschule gegründet worden, und auch die Wurzel der österreichischen Hochschule für Gärungstechnik liegt in der landwirtschaftlichen Mittelschule Francisco Josefinum in Mödling bei Wien. In „Claudis Tagebuch" fand sich folgende Eintragung: „Braun Leopold Bräuereibesitzer in Buchheim (heute Puchheim, Anm. d. Verf.) hat am 30. Ocktob 1894 den FranzJosef-Orden wegen landwirtschaftlicher Verdienste Bekommen."^" Das berühmteste Beispiel eines Innviertier Ökonomen und Brauherrn ist uns in der Figur Georg Wieningers überliefert. Er gilt als „Pionier der Landwirtschaft im Innviertel'T^ konzentrierte sich auf seine naturwissenschaftlichen Forschungen auf seinem Mustergut Otterbach bei Schärding und auf das Wirken als Bürger im Gemeinwesen der Stadt Schärding. Nachdem er seine Besitzungen, d. h. die Braue rei, als Einkommensquelle zu Beginn des 20. Jahrhunderts verloren hatte, verließ er Schärding und ging nach Wien (gest. 1925). Auch die Brauerei Gundertshausen betrieb in einem Gut in Ibm eine „öko nomische Musterwirtschaft'^^ und eine ebensolche dreihundert Joch große gehört zur Brauerei Stöhr in Vorchdorf, zu der jährliche Exkursionen der Hochschule für Bodenkultur in Wien und anderer Lehranstalten führen. Die nahrhaften Abfälle aus einem Braubetrieb (Malzkeime und Trebern) begünstigten vor allem die Stier- und Ochsenzucht, in der Vergangenheit spricht man auch von einem „Marstall" eines Brauherrn, also von einer herrschaftlichen Stallung. Ebenso verbreitet unter Innviertier Brauherren ist die Beschäftigung mit Pfer den. Jene waren primär notwendig, um das Bier auszuführen, was in zweiter Linie zum Aufbau einer Zucht sowie zum Einkommenszweig der Lohnkutscherei ausge baut werden konnte. Die Landwirtschaft der Brauherren befand sich direkt angeschlossen an Braugasthof und Brauerei. In Braunau stehen heute hinter dem Haus am Marktplatz und der Braustätte im Hinterhaus in einer kleinen Gasse noch die Räumlichkeiten für die Stallungen. Heute leer und dem Verfall preisgegeben, bedeuteten sie jedoch ehemals Zeichen des „Ackerbürgers" am Marktplatz. In den vierziger Jahren besaßen von 36 oberösterreichischen Klein- und Mit telbrauereien noch 25 einen landwirtschaftlichen Grundbesitz,^^ im Jahre 1986 nur noch zwei: die Brauerei Baumgartner in Schärding und Mayr in Kirchdorf. Dieses Tagebuch wurde von einem Verwandten des Brauereibesitzers August Claudi in Ried geführt und befindet sich heute unter der Nummer B-05 im Rieder Volkskundehaus. Es berichtet über Ereig nisse aller Art in Ried, chronologisch geordnet und in alphabetischer Reihenfolge. Innviertier Heimathefte. Hrsg. v. josef Schönecker. Folge 4. Taufkirchen an der Pram 1970. " Max Schlickinger, Die Brauerei Gundertshausen. Braunau am Inn 1910. " Wilhelm Fein, Die Klein- und Mittelbrauereien Oberösterreichs. Dissertation. Wien 1947, S. 48.

Verkehrsmitlei Als lokaler Innovator tritt uns der Innviertier Brauherr noch in mehreren Bereichen entgegen, zum Beispiel als Initiator bei der Einführung der Eisenbahn durch das Innviertel. Die erste elektrische Werkbahn Österreichs wurde 1894 im Betriebsgelände der Brauerei Redl-Zipf eingerichtet. Der Brauereibesitzer Vinzenz Niederhauser erwirkte ein Jahr später den Fortschritt im Bau der Weilhartbahn im oberen Innvier tel, indem er eine bedeutende Summe zu den Trassierungskosten beisteuerte. Das Innviertel war bereits 1870/71 durch die erste Linie Neumarkt-BraunauSimbach erschlossen worden. Der Frachtverkehr mit Bier (übrigens waren das erste Frachtgut, das auf einer deutschen Eisenbahn befördert wurde, zwei Fässer Bier gewesen) stieg in den siebziger Jahren leicht an, auch auf der zweiten Linie Stein dorf-Braunau, kam jedoch in den achtziger Jahren bereits in eine Krise. Die anfäng liche Begeisterung über die Vorstellung einer Entlastung des Transportwesens durch die Eisenbahn verflog, die Kühlung wird als unzureichend bemängelt. Beim Retour transport des leeren Gebindes gab es keine Begünstigung. Wurde die Bahnfracht erhöht, mußte auch der Bierpreis nachziehen. Schließlich reduzierten die Brauherren die Frachtmöglichkeit der Bahn auf die Zulieferung der für den Braubetrieb notwen digen Kohle. „Das Jahr 1912 ist auch dadurch denkwürdig", wird aus Fillmannsbach im oberen Innviertel berichtet, „daß es ein neues Verkehrsmittel der modernen Zeit brachte, nämlich das Telephon. Herr König ließ sich auf eigene Kosten die Leitung nach Eggeisberg bauen. Obwohl in erster Linie eine Privatsprechzelle für die Familie König, ist diese Einrichtung doch eine wahre Wohltat für die ganze Gemeinde und Umgebung geworden ... Die umliegenden Gemeinden bekamen das Telephon erst viele Jahre später."^^ Die Einführung des Telephons in einer Innviertier Ortschaft erfolgte nur 27 Jahre nach der ersten Errichtung eines Telephons in der Landeshaupt stadt Linz!^' Auch unter den ersten Fkw-Besitzern einer Ortschaft finden sich die Brau herren, zum Beispiel in Aspach, wo der Gemeindearzt und der Brauereibesitzer im Jahre 1929 als Autobesitzer aufscheinen. Um eine Straße verkehrsgünstiger zu gestalten, sicherlich auch zur Trans porterleichterung des eigenen Produktes, ließ der Brauherr Franz Schnaitl aus Gun dertshausen im Jahr 1874 die Straße nach Eggeisberg tiefer legen. Sein Sohn brachte eine Erinnerungstafel in der Höhe von Wernberg dafür an. Michael Wilflingseder, Familie König in Filmannsbach. Sonderdruck aus; Braunauer Heimatkunde. Heft 24, 1931, S. 49 ff. " Franz Pisecky, Wirtschaft, Land und Kammer in Oberösterreich. 1851-1976, Bd. 1, Linz 1976, S. 235.

Elektriziiäi Eine wichtige innovatorische Leistung bei der Einführung des elektrischen Stromes im Innviertel vollbrachten die dortigen Brauherren. Die Brauerei Zipf war die einzige, in der technische Verbesserungen im Braubetrieb relativ früh für die Region, jedoch immer noch mit großen zeitlichen Verzögerungen zum Stadtgebiet, übernommen wurden. Pionierhaft nennt man heute den Bau der ersten elektrischen Industriebahn 1894 in Zipf, und sensationell die damit einsetzende frühzeitige Aus stattung des gesamten Betriebes mit elektrischem Strom. In den neunziger Jahren begann man in den Innviertier Städten mit der privaten Stromproduktion. 1898 in Braunau, damals bezog der Bräuer und Hotelier Strom für 14 Lampen, betrieb aber daneben bis etwa zur Jahrhundertwende am Stadtbach eine eigene Dynamoma schine, die eine Stromstärke von 25 Ampere lieferte.^'' Solch ein eigenes Wasser kraftwerk bestand in Höhnhart noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der maßgebliche Initiator für die Elektrifizierung kleiner Ortschaften war der jeweilige dort ansässige Brauherr. So heißt es aus dem oberen Innviertel aus Gundertshausen, wo der geschäftsgewandteste und kontaktreichste Bürger, eben der Brauherr, die Einleitung durch die Firma Stern & Hafferl veranlaßt hatte. 1923 gelang dem Brauherrn König aus Fillmannsbach der Anschluß an die Leitung in Gundertshausen. Es wurde eine „offene Handelsgesellschaft König und Gomp. mit Herrn König als Obmann gegründet, das Transformatorhaus neu gebaut.... Elektri sches Licht und Kraft wurden im ganzen Betriebe, Brauerei und Landwirtschaft, in Fillmannsbach eingebaut. Eine Anzahl von Besitzern schlössen sich an, Kirche, Pfarr hof und Schule wurden elektrisch beleuchtet, eine großartige Lichtfeier bildete am 20. Oktober 1923 den Höhepunkt des ganzen Werkes."^^ Oft ging die Einführung des elektrischen Stromes Hand in Hand mit ande ren Neuerungen, zum Beispiel der Errichtung einer Dampfzentrale in Linz für die Brauerei 1897. Dadurch konnte ein verbessertes Sieden mit Dampf erfolgen und man durfte stolz den Titel „Dampfbierbrauerei" tragen. Mittels Stroms konnte auch eine Kälteerzeugungsanlage in einer Brauerei betrieben werden, was 1904 aus dem Brauhaus der Freifrau von Handel, am Inn gelegen, gemeldet wurde. In den zwanziger Jahren war die Elektrifizierung der Braubetriebe des Innviertels bis in die kleineren Ortschaften abgeschlossen. Soziale Position und Funktion Der Brauherr hatte mit Hilfe obiger Innovationsvermittlung seine hohe gesellschaftliche Position in der jeweiligen Ortschaft, dem Markt, der Stadt sowie einer ganzen Region festigen können. Elisabeth Hirsch bestätigt in einem kulturge schichtlichen Hinweis ihrer Dissertation, daß Brauherren und Brauhausbesitzer Max Eitzimayr, Braunau einst. Braunau 1983, S. 109. S. Anm. 24, S. 13.

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