OÖ. Heimatblätter 1991, 45. Jahrgang, Heft 2

Quellen mehrfach anzutreffen, teils hier auch uni kal überliefert. Den Inhalt dieser Musikhandschrift schließt die einleitende Abhandlung von Franz Schäfer mit einem vollständigen Incipitarium opti mal auf. Der musikhistorische Stellenwert dieser Liedersammlung liegt darin, daß sie die älteste und für das 15. Jahrhundert auch einzige Quelle ist, „ in der sich eine größere Zahl mehrstimmiger Ge sänge böhmischer Provenienz befindet", aber auch zahlreiche Gesänge, die in österreichischen Klö stern zum gängigen Gesangsrepertoire zählten. Dem Schwarzweiß-Faksimiledruck sind noch einige Seiten mit mehrstimmiger Notation in Farb druck beigegeben, um die Kolorierung der Mensu ralnotation erkennen und entziffern zu können. Die foto- und drucktechnische Wiedergabe er reicht zwar nicht die heute schon gewohnte Repro duktionsqualität, soll aber Liturgie-, Literatur- und Musikwissenschafter nicht hindern, sich mit dieser hochinteressanten und kostbaren Musikhand schrift noch eingehender zu befassen, ohne in eine entfernte und nicht leicht zugängliche Kloster bibliothek reisen zu müssen. Karl Mitterschiffthaler Heinz Stoob: Kaiser Karl IV. und seine Zeit Graz - Wien - Köln: Verlag Styria 1990. 437 Seiten, S 350,-. ISBN 3-222-11942-2 Das späte Mittelalter ist als schwer zugäng liche Epoche der Geschichte in der Fachliteratur stiefmütterlich behandelt worden; der Autor ver sucht mit seinem in wissenschaftlicher Gründlich keit verfaßten, umfangreichen Werk zur Auffül lung dieser Lücke beizutragen. Überaus sach kundig stellt der Münsteraner Mediävist den be deutendsten Kaiser dieser Zeit vor und vermeint zu Recht, daß dessen Leben und Wirken nur im Zu sammenhang mit den Zeitverhältnissen begriffen werden könne. Demgemäß setzt er der Verlaufsgeschichte zum besseren Verständnis nach einer rückblen denden Einführung eine Abhandlung über das Europa im frühen 14. Jahrhundert voran und führt den Leser dann verhältnismäßig rasch über die Anfänge Karls IV. bis zu seiner Kaiserkrönung und dem Erlaß der Goldenen Bulle, eines Verfassungs werkes, welches über 450 Jahre gehalten hat. Nach Beschreibung des Machtkampfes mit Wittelsbach und Habsburg welcher zur Höhe der kaiserlichen Macht führte - Karl hatte die luxemburgischen Stammlande im Westen verdoppeln können und hatte im Hinblick auf die vier errungenen Kronen unbestrittenes Ansehen erreicht -, gelangt die Dar stellung des Lebensweges des Herrschers über seinen zweiten Italienzug der ihm zu einem neuen Lebenshöhepunkt wurde, aber auch sein Werk in Mitteleuropa zu gefährden schien, zu seinem letz ten Herrschaftsabschnitt. Von schwerer Krankheit gezeichnet, erreicht er unter großen Opfern die Wahl seines Sohnes Wenzel zum deutschen König unternimmt noch eine strapaziöse Reise nach Paris und muß auch noch den Ausbruch des großen Schismas erleben. Fast bis zum letzten Tag seinen Herrscherpflichten nachkommend, starb Karl rV. zweiundsechzigjährig 1378 in seinem ge liebten goldenen Prag. Der Ankündigung im Titel entsprechend wer den in die Darstellung des Lebens des großen Luxemburgers zum Teil detaillierte Ausführun gen über die politischen Verhältnisse im Reich, über Bildung und Kultur, soziales Umfeld und wirtschaftliche Umschichtungen in dieser Zeit ein gefügt, die mit vielfältigen Informationen tief gehende Einblicke in die Gegebenheiten der Epo che über ganz Europa hinweg gewähren. Der Autor scheut nicht davor zurück, man ches Fehlurteil früherer Zeiten zurechtzurücken, vermag aber seinen Porträtgegenstand auch nur in der Widersprüchlichkeit seines differenzierten Charakters darzustellen. Er kann aber glaubwürdig darlegen, daß bei Abwägung der Extremansichten „Erzstiefvater des Reiches" und „Kaiser in Europa" das Zünglein zugunsten Karls FV. ausschlägt; trotz aller Zwie spältigkeit und aller Tragik in seinem Leben ist diesem Herrscher ein universaler, den europäi schen Kulturkreis überspannender Rang zuzuer kennen - er war nach Geist und Handeln ein Euro päer. Die von Stoob entworfene interessante gra phische Darstellung des Itinerars des eifrig reisen den Herrschers läßt nur wenige unbedeutende Aufenthalte Karls IV. in unserer Heimat erkennen. Zu bemerken ist nur, daß der Friede 1336, der Kärnten bei Habsburg beließ, zu Enns geschlossen wur de und daß in Schärding 1369 die gegen den Kaiser gerichtete Einigung zwischen Wittelsbach und Habsburg zustande kam. Interessant ist noch, daß im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Auf schwung bereits damals die Planung eines Kanals zwischen der oberen Moldau und der Innmün dung erwogen worden sein soll.

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