OÖ. Heimatblätter 1961, 15. Jahrgang, Heft 2/3

Sdirifttum Wie umfassend Commenda seine Untersuchungen angelegt hat, zeigt endlidi auch die Schilderung der Gemeinschaften, als welche neben jenen der einzelnen Stände — dem tonangebenden Adel, der wohlhabenden Bürger=Kaufmannschaft, den in Zünften zusammengeschlossenen Handwerkern, denen sich der vielfach differenzierte Stand der Arbeiter zugesellt — auch die Glaubens=, Schul= und Verteidigungsgemeinschaften besprochen wer= den, die jede für sich Züge eigenen Brauchtums entwickelt haben, die sich nach dem Gesetz vom Wechselspiel gehobenen und gesunkenen Kultur= gutes gegenseitig befruchten und ergänzen. Nach diesem über die eigentlichen Forschungs= bereiche der Volkskunde hinausgreifenden, aber für das Verständnis des folgenden notwendigen Legen der Geleise entfaltet Commenda in abge= rundeten Monographien die Hauptgruppen der Überlieferungsgüter: das Brauchtum (und in des= sen Gefolge Volksglaube, Heilkunde, Volksrecht) und die sachlichen und schließlich auch die sprach= lich=musikalischen Eigentümlichkeiten der Linzer Volkskultur, wobei aus einer überwältigenden Menge von Einzelbeobachtungen und Archivnach= weisen Steinchen um Steinchen zu dem imponie= renden Mosaik des volkstümlichen Lebens der Großstadt in Geschichte und Gegenwart zusam« mengefügt wird. Welche Mühe an die Sammlung des verarbeiteten Materials gewendet wurde, ahnt der Benützer des Werkes aus dem über 2000 Nummern zählenden Anmerkungsapparat, der fast ausschließlich den Quellenangaben dient, und dem sehr wertvollen, das ganze Werk aufschlüs= selnden, 13 Seiten langen Stichwörterverzeichnis. Schon die Schilderung des Brauchtums zeigt, sehr im Gegensatz zu der weit verbreiteten Meinung, daß im Asphalt der Großstadt jedes volkstüm= liehe Leben zum Erstickungstod verurteilt sei, eine überraschende Fülle von Motiven. Vielfach wird zur Geschichte zahlreicher noch heute blü= hender Bräuche aus Erstnennungen und Verbots= daten ihre historische Tiefe nachgewiesen, so wenn u. a. das heute von der Katholischen Ju= gend mit großem Erfolg aufgenommene „Stern= singen" schon für die Jahre 1614, 1617 belegt wird, während 1633 den Bäckern und anderen „Umblauffenden Bartheyen" verboten wird, wäh= rend der Weihnachtszeit die „Sternsingerey" und andere Bauernspiele aufzuführen, unter welch letzteren wohl Spiele vom Typus des Adam=und= Eva= oder des Vierstände= und Vierjahreszeiten= Spieles oder des Streites von Sommer und Win= ter gemeint sind, deren Lebendigkeit in Ober= Österreich noch aus dem 19. und 20. Jahrhundert bezeugt ist. Zu der noch immer nicht ganz ge= klärten Entstehungsgeschichte des Christbaumes steuern die Rechnungen der Stadtpfarrkirche einen neuen Gesichtspunkt bei, wenn sie für die Jahre 1675 bis 1752, „höchstwahrscheinlich aber viel länger", einen Betrag von 30 kr für den Mesner ausweisen, der hiefür den „Kripplpaumb" (oder „Paumb zu dem Krippl") beizustellen hatte. Die Linzer Kirchenkrippen selbst erweisen sich als liebenswürdige Zeugnisse des Glaubenseifers der 1600 zur Durchführung der Gegenreformation hierher berufenen Jesuiten, die schon 1603 eine vielbestaunte Darstellung des heiligen Ereignisses von Bethlehem in der Minoritenkirche aufbauten, in der sie im selben Jahr bereits auch den Brauch der Errichtung eines „Heiligen Grabes" wieder aufgenommen hatten. Ihnen ist auch die zunächst von der Bevölkerung verhältnismäßig kühl auf= genommene Neugestaltung des Fronleichnams= Umzuges wie (ab 1625) die Durchführung der in ihren Einzelheiten erschütternden Karfreitags» Prozessionen mit dramatischer Darstellung der Leidensgeschichte des Herrn und Auftreten von Flagellanten, als auch die 1631 vollzogene Ein» führung der Auferstehungsprozessionen am Kar= Samstagabend zu danken. Seit 1679 sind in den Linzer Kirchenrechnungen auch „Palmpaumb" und „Palmpuschen" erwähnt; in das Jahr 1711 fällt die Stiftung der eigenartigen „Fallandacht", die am Gründonnerstag in der Karmeliterkirche gro= ßen Zulauf hatte, wo die „Vorstellung der Äng= ste Christi auf dem ölberg" durch lebensgroße Marionetten in anschaulicher Weise agiert wurde. Ebenso aufschlußreich wie diese auch für die all» gemeine Volkskunde interessanten Erstmeldungen sind die Verbote, die manches trotzdem bis auf den heutigen Tag am Leben gebliebene Brauch» tum schon für das 18. Jahrhundert bezeugen, so die (allerdings bald wieder aufgehobene) Ver» pönung der Weihe des Dreikönigswassers (1787), der österlichen Speisenweihe (1784) oder des „Einblaseins" am Blasiustage (1786). Von den weltlichen Festen sind vor allem die Fastnachtsveranstaltungen des Adels wohl be= zeugt, zu denen im ausgehenden 17. Jahrhundert die in den Freihäusern abgehaltenen „Märenden" (Tanzunterhaltungen, bei denen eine Mahlzeit, daher der Name, gereicht wurde) und „Wirt» Schäften" gehörten, unter denen man die für die enge Verbundenheit des Adels mit dem bäuer» liehen Brauchtum bezeichnende Aufführung von zum Teil in Mundart abgefaßten Spielen zu ver» stehen hat, in denen die ländliche Hauswirtschaft oder, wie 1684, das Treiben in einer „Rocken» Stube" dargestellt wurde. Nach mannigfachen Verboten öffentlicher Maskeraden im 17. Jahr» hundert liegen für die zweite Hälfte des 18. Jahr» hunderts (1765, 1785) Belege für glänzende Schiit» tagen vor, in denen Maskierte in langem Aufzug außer den Darstellungen einer Bauernhochzeit auch Bilder aus dem Berufsleben bestimmter Stände wiedergaben, ganz ähnlich den noch bis in die Vorkriegszeit durchgeführten großen Inn» viertler Faschingszügen, in denen sich das adelige Vorbild auf bäuerliche Weise widerspiegelt. Nicht unerwähnt mag auch eine Dienstbotenordnung von 1756 bleiben, die ausdrücklich den Lichtmeß» und Jakobitermin als Wander» und Austritts» Zeiten bezeichnet, da Linz, wie 1860 der Begrün» der der oberösterreichischen Volkskunde Pater Amand Baumgarten dartut, an der Grenze des Verbreitungstermins des Lichtmeßtages („herenter der Traun") gegenüber dem Neujahrstermin jen» seits dieses Flusses liegt und noch bei der Be»

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