OÖ. Heimatblätter 1949, 3. Jahrgang, Heft 4

Oberösterreichische Heimatblätter Hammerstein bevorzugt. Von ihnen ist Lebensgesetzliches zu erfahren, an ihnen wird der physische Prozeß des Alterns und Vergehens, des Werdens und Ver¬ jüngtseins sichtbar; bedrohte Daseinsformen zeigen neue, ungewohnte Erregtheit, stehen stündlich in Verteidigung; aufsteigende Entwicklungen beanspruchen über¬ wache Aufmerksamkeit, sind zu ständiger Herausforderung geneigt. Machtgruppen, Sinnesarten, Lebensformen und Ausdruckskräfte stehen einander schroffer gegen¬ über als in Zeiten des Gleichmaßes und bedingen handelndes Geschehen, kämpferische Auseinandersetzung, weithin tragende Entscheidung. Niemals ist Geschichte lebensvoller als in solchen Zeitwenden. Hammerstein eratmet ihren fernhin verflüchtigten Lebenshauch; Blutwärme strömt er zurück: und das Ver¬ gangene hat berauschende Gegenwart. Hammersteins historischer Sinn stammt aus einer tiefen, inneren Verflechtung seines eigenen Lebens mit dem seines Volkes, dessen geschichtliche Vergangenheit er zu seiner persönlichen macht. Mittler hiezu sind die Ahnen. Ihre Spur geht durch die Jahrhunderte und trifft überall mit den großen völkischen Ereig¬ nissen zusammen; dort ein Hammerstein, da ein Stolberg: so stapfen sie, schwer geschient oder barock aufgeplustert, im Reiterküraß der Napoleonischen Armee oder im schlichten Biedermeierrock des niederösterreichischen Landadels, vom Jahre 1000 herauf bis in die eigene, kräftig angeschlossene Lebenszeit. Sie sind für ihn Marksteine der allgemeinen Geschichte, sichtbare Vertreter des ganzen Volkes. Aus seiner Ahnenverehrung heraus wird Hammersteins Vorliebe für die Geschichte ebenso verständlich wie sein mythisches Vermächtnis, in dem er die überlebensgroßen Gestalten der Vorfahren gewaltigen Naturvorgängen zuordnet und in ein ahnungsvolles Zwischenreich versetzt. Sie walten für ihn nicht nur als Götter im dichterisch gestalteten Luftraum der „Asen"; mitten im Walde, auf den Gipfeln der Berge, im winterlichen Sturm erwartet er sie — solche — persönlich, schon als Kind und oft als Mann. In seinem Blute fühlt er ihren Braus, in sein Schicksal weiß er sie gestellt, aber in ein höheres Innen, in seine eigentliche Geist-Welt gelangen sie nicht mehr, wenigstens später nicht, im reifen Jahr; da begegnet er dem „Meister", von dem Glanz ausstrahlt über allen Glanz, — da bekennt er sich als Christ. Der Kreis beginnt sich zu schließen. Der Bogen wölbt sich, wie von einer einzigen Linie gezogen, dem Ausgang zu. Das gesamte dichterische Werk Hans von Hammersteins wird von fast ebenso zahlreichen, wenn auch nicht so umfangreichen Schriften begleitet, die seine allgemeinen Ansichten über Weltanschauliches und Kulturelles, über Kunst und Künstler, Dichtung und Dichter vermitteln, aber auch seine jeweils besondere Stellungnahme zu Erscheinungen des Kunstlebens und der schönen Literatur nicht verhehlen; ihnen ist seine Einschätzung der volkstümlichen, klassischen, romantischen und zeitgenössischen Dichtung zu entnehmen. Was er dort als Gesetz oder doch als Richtlinie verstanden wissen will, ist seinem eigenen Werke zugrunde gelegt. Wie viel hat es z. B. für die Beurteilung Hammersteins selbst zu bedeuten, wenn 294

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