Veröffentlichungen des Kulturamtes der Stadt Steyr, März 1953

auf Grund eines allgemeinen Bedürfnisses heute schon eine internationale Organisation für Namenforschung zum Zwecke des überstaatlichen Erfahrungs­ austausches besteht, unseren Wissenschaftszweig vor. Sie denken es sich dann etwas mitleidig folgendermaßen: Man nehme einen beliebigen Namen her un.d deutle nach Herzenslust so lange an ihm herum, bis sich eine recht aben­ teuerliche Erklärung gefunden hat. Dann freue man sich über seine Entdeckung. Und wenn man gar alle oder die meisten Ortsbezeichnungen in solcher Weise erklärt zu haben glaubt, sei man tief befriedigt und sage sich: „So, jetzt bin ich fertig!" In Wirklichkeit ist das ganz anders. Zuerst muß man über jeden Namen, den man deuten will, ein möglichst umfangreiches Material sammeln und sich außerdem mit der gesetzmäßigen Entwicklung der Sprache, der dieser Name angehört, innigst vertraut gemacht haben. Man darf nicht erraten, man muß beweisen können. Die amtliche Schreibung allein, zum Beispiel bei den Wörtern Steyr und Gleink, genügt uns bei weitem noch nicht. Zu allererst muß man erfahren, wie diese Namen im Dialekt ausgesprochen werden, und zwar am besten im altertümlichsten Bauerndialekt der betreffenden Gegend. Oft ist die amtliche Schreibung, die den meisten Leuten als das einzig Rich­ tige erscheint, vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt aus mangelhaft oder überhaupt falsch. Etwa wird das Wort Steyr zwar mit Upsilon geschrieben, es besteht aber kein sprachhistorischer Anlaß für diese merkwürdige Schreib­ weise. Unsere Bauern sagen entweder Sbäia, Sbair oder Sbai, dies reimt überall z. B. mit dem Worte Gaia. Gair oder (Bai, dieses wieder wird seiner­ seits nach der Schrift Geier geschrieben; nach solcher Gegebenheit wäre also genau genommen die Schreibung Sfeier mit ei und -er richtiger. Indessen ist uns die andere Schreibweise mit Upsilon sur lieben Gewohnheit geworden. Sie stammt aus der Barockzeit. Damals wollte man alles möglichst abenteuer­ lich und fremdartig ausstatten, daher das beim Barockmenschen außerordent­ lich beliebte „fremde i“. In der Schreibung Stenr ist es ein alter Zopf, aber ein uns lieb gewordener Zopf, den niemand abschneiden will, der aber den Sprachforscher nichts mehr angeht. Wir müssen noch viel mehr wissen. Wir müssen das ei der Wörter Steyr und Gleink oder richtiger gesagt das ai der mundartlichen Entsprechung sbair und Glaink zur Lautgeschichfe des Dialektes in Beziehungen setzen. Gewöhnlich ist der mundartliche Zwielaut ai aus einem langen mittelhochdeutschen i ent­ standen, das Wort (Bair z. B. lautete in mittelhochdeutscher Zeit, etwa um 1200 unserer Zeitrechnung, gir. Daher kann man damit rechnen, daß auch Steyr damals Skir und Gleink damals Glink gelautet hat. Wir haben damit zum erstenmal ein deutsches Sprachgefeh auf unsere Namen angewandt. Das Nibelungenlied beginnt mit den Worten: Uns ist in alten maeren wunders vil gefeit, von heleden lobebaeren, von grozer arebeit, von vröuden, höchgeziten, von meinen und von klagen, von küener recken striten muget sr nü wunder hoeren fangen. Heute dürsten wir nicht mehr höchgeziten und nicht mehr striten sprechen und schreiben, wir müßten Hochzeiten, streiten mit ai dafür einsetzen, und das ist schon unser Wandel vom mittelhochdeutschen i zu unserem ai. Jedem mittelhochdeutschen i entspricht also jetzt tatsächlich der Zwielaut ai, der regel­ mäßige Wandel dieses alten i zu ai ist ein Sprachgesetz und im besonderen, weil er sich auf einen Laut bezieht, ein Lautgesetz. Wir haben dieses Lautaesetz umgekehrt angewandt und für Steyr, Gleink die mittelhochdeutschen Laut­ formen Stir, Glink errechnet. Ob dies richtig war, werden wir später erfahren. Der Ortsnamenforscher muß alle Lautgesetze dieser Art kennen. Die Namen sind ja, genau genommen, nichts anderes als einfache Wörter unserer Sprache, sie sind diesen Gesetzen genau so unterworfen, wie alle anderen Wörter. Der 6$

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