Veröffentlichungen des Kulturamtes, Heft 37, Juni 1986

2.3. Ideologische Begründung für die Entstehung Wenn in diesem Kapitel von einer ideologischen Beg ründung für die Entstehung der Sied­ lung gesprochen wird, so soll dies unter dem Gesichtspunkt stattfinden, daß Ideologie als M ittel für die Machthaber angesehen wird, sowohl die E rrungenschaften des Systems zu preisen, um damit das System zu konservieren, als auch die tatsächl ichen H i ntergründe und i h re Folgen zu verschleiern. So dü rfen wir, wenn wir von einem Modellcharakter der Siedlung sprechen und vielleicht mit Bewunderung die Vorzüge betrachten, nicht vergessen, wo die tatsächlichen Wurzeln der Entstehung von Münichholz zu finden sind. Die ideologischen Rechtfertigungen für die Entstehung lassen sich im g roßen und ganzen auf zwei wesentliche Bereiche reduzieren: 1 . Der Nationalsozialismus tritt nach außen hin mit seinen pseudosozialen Parolen als Ret­ ter der Arbeiter und Beseitiger des Arbeiterelends auf und nimmt eine pervertierte antika­ pital istische und antiliberalistische Rolle ein.1 ) So heißt es in der Begründung der städtebaulichen Vorhaben in Linz, die mit Steyr durch­ wegs vergleichbar sind: »Die folgenschweren Wi rtschaftsänderungen (des 1 9. Jah rhunderts, Anm.) sind aber noch nicht in ihren ganzen Auswi rkungen erkannt und einseitig unter schwerer Beeinträchti­ gung der kulturellen und sozialen E rfordernisse übersteigert worden. Das rücksichtslose Einzelinteresse setzt sich in dieser liberalistischen Wi rtschaftsära hemmungslos durch. Der ungesunde und kulturlose Großstadttypus mit Durchdringung der Wohngebiete durch rauchende und lärmende I ndustrien und Zusammenballung von Menschenmassen auf engem Raum an l ichtlosen H interhöfen und kahlen Brandmauergiebeln haftet allen Groß­ stadterweiterungen dieser Zeit an. Noch fehlte die übergeordnete Idee, welche den neuen Wi rtschafts- und Lebensformen planmäßig Schranken auferlegt und alle wi rkenden Formkräfte in sinnvoller Zusammen­ schau meistert. Alle wertvollen städtebaulichen E rkenntnisse mußten aber erfolglos bleiben, solange nicht ein einheitlicher politischer Wille das gesamte Volk erfül lt und eine geschlossene Volksge­ meinschaft sich ihrer Aufgabe bewußt wird.« 2 ) Besonders i n der Arbeiterstadt Steyr fiel natürlich die Argumentation, daß die »Verhältnis­ se Hunderter von Arbeitern, die in Baracken wohnten« untragbar seien und in Mü n ichholz »den schaffenden Volksgenossen eine dem deutschen Arbeiter wü rdige Heimstätte« er­ richtet werde, auf fruchtbaren Boden.3) 2. Ziel der Nationalsozialisten war es, das Projekt als Ausdruck nationalsozial istischer Größe und Stärke zu sehen und die Überlegenheit des Regimes herauszustreichen. Deut­ lich trat dies nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zutage. Im Zentrum der Argu­ mentation stand die Fiktion der Volksgemeinschaft, »die das bedingungslose zusammen­ stehen aller gegen innere und äußere Feinde hervorkehrt.«4) So e rklärte der stellvertretende Gauleiter Opdenhoff anläßlich des Richtfestes nach der Errichtung der 2.000. Wohnung in Münichholz: » U nsere Festung ist die deutsche Wohnung, eine andere Festung haben wir nicht mehr nötig! I m deutschen Heim meistern wir alle Sorgen und finden wi r Kraft zum siegreichen Kampf für Deutschlands Ehre und Freiheit.« Münichholz sol lte so zum Beispiel werden, wie nach dem Wohnungselend der Systemzeit 26

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