Veröffentlichungen des Kulturamtes, Heft 16, Dezember 1956

Hanns FuchspergerH Die Welt des Mittelalters war um das Jahr 1500 versunken. Kolumbus und andere Entdecker ließen den Lebensraum der Bewohner des Abendlandes größer werden. Zu den bisher allein gültigen religiösen Zielen traten, durch die Humani­ sten verkündet, neue Ideale rein menschlichen und weltbürgerlichen Inhalts. Die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Gutenberg gab Möglichkeit, die neuen Ideen in vorher nie gekanntem Maße zu verbreiten und jedermann zugänglich zu machen. In Steyr scheint als nachweisbarer Humanist der Arzt Sigismund Wunder auf, der 1526 den Rat bat, die hebräische, lateinische und griechische Sprache lehren zu dürfen, um den Bürgern eine Möglichkeit zu geben, die Schriften des Apostels Pau­ lus im Griechischen lesen und die Bibel aus der hebräischen Grundsprache erklären zu können.-) Das Schulwesen erfuhr um 1530 eine Umgestaltung, neben der evan­ gelischen Lateinschule wurden „teutsche Schulen" in der Stadt errichtet, die der Jugend Grundkenntnisse des Schreibens, Lesens, Rechnens und der Religion lehr­ ten. Aus dieser Zeit ist der Schulmeister Wolfgang Perger in Steyr bekannt?) Als Nachfolger der Lehensstaaten bildeten sich Territorialstaaten, deren Fiirsten in ihrem Gebiet ein einheitliches Recht schaffen wollten. Das von ihnen benützte und an den Universitäten gelehrte Römische Recht stand dem überkommenen Volks­ recht entgegen oder hob es gar auf. Vor allem waren es die Bauern, die im Römi­ schen Recht Willkür und Unrecht sahen. Soziale Spannungen bisher kaum gekann­ ten Ausmaßes traten daher als Folge deutlicher denn je zuvor auf. Als die anbrechende Reformation die deutschen Reichsstände aufwühlte, als Martin Luther seine von den Bauern in vielen Punkten mißverstandene Schrift „Von der Freiheit des Christenmenschen" verkündete, kam es zum Ausbruch der lange zurückgedrängten Leidenschaften: die Bundschuhfahne flatterte überall in den deutschen Ländern aus! Im Lande ob der Enns begann der Bauernaufstand am 1. Juni 1525?) Es setzten Kampf und Blutvergießen ein. Die Bauern wünschten die Gewährung der Wahl solcher Priester, die das Evangelium ohne Zusatz verkündeten, ferner die Aufhebung der Leibeigenschaft, Gemeinbesitz, Zehenten- und Zinsordnung, Hofrecht, bäuerliche Gerichtsbarkeit und Todessallsordnung. Die gedruckten Aufrufe der Bauern mit ihren vorgenannten Wünschen fanden den Weg auch in unsere Gegend. Am 4. April 1525 befahl Erzherzog Ferdinand dem Rate und Bürgermeister zu Steyr, die Aufrufe der Bauern, „Weil nun solche Schrifften zur Aufruhr und Empörung des gemeinen Mannes angesehen ...?) wo sie dies könnten, zu beschlagnahmen und weder öffentlich noch heimlich verkaufen zu lassen. Weiters wurde von der Stadt verlangt, daß sie die wider die aufständi­ schen Bauern aufgebotenen Mannschaften aufnehme und verpflege. Ter Befehl des Erzherzogs war der Stadt und den sieben anderen Städten des Landes nicht willkommen. Für Steyr als landesfürstliche Stadt galt cs, die Untertanentreue zu betonen und anderseits den nicht genehmen Auftrag geschickt abzulehnen. In der Antwort an den Landesfürsten wurde nun einfach erklärt, daß die Zwistigkeiten nur wegen der Beschwerden der Sauern über den Adel und die Geistlichkeit entstanden seien, sie beträfen also die Städte gar nicht. In dieser An­ gelegenheit wäre Steyr nicht geneigt, Hilfe zu leisten oder gar Mannschaften bei einem Zusammenstoß zu stellen. Sollte jedoch den Gütern des Landesherrn durch die Aufständischen Schaden getan werden, so würde Steyr, als getreue landesfürst­ liche Ltadt, jederzeit Unterstützung und Hilfe leisten?) Die Angeworbenen wurden ') Schreibweise des Namens im Testament vom 14. 11. 1521 iSt A K XI L 14) 2) L.V. 1, S. 229. — 3 4) L.V. 6, S. 9, 11. ' ' 4) L.V. 7, S. 17. — 5) L.V. 1, S: 221. 6) L.V. 1, S. 222. Auch die anderen Städte des Landes wollten nicht gegen die Bauern ziehen, es sei denn, daß sie Städten, kleinen Ansiedlungen oder den Ständen Schaden zufügten. 20

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