Pfarrchronik Grünburg 1873 - 1968

- 214 - Dienstag, den 8. Mai wurde es wieder ruhiger. Die Amerikaner waren Montag, den 7. Mai, wieder abgezogen. Am Donnerstag, 10. Mai setzte aber wieder eine neue Völkerwanderung ein. Auch die russische Front hatte sich aufgelöst und die Soldaten flüchteten zurück. Sie wollten lieber zu den Amerikanern als in russische Hände fallen. Es war ein schauriges Bild der Auflösung. Menschen, Soldaten, Flüchtlinge, Pferde, Fahrzeuge irrten umher, ohne Ziel, ratlos wohin...? Dunkle Elemente nutzten die Gelegenheit für ihre Zwecke. Es waren Tage des Faustrechtes. Auch unter den amerikanischen Fronttruppen gab es dunkle Elemente, die in ihren Quartieren plünderten und vernichteten. Der Großteil aber benahm sich anständig und beschenkte die Leute, besonders Kinder mit Keks, Schokolade und Konserven. Die Gefangenen waren nun alle frei. Die französischen Gefangenen übten keinerlei Gewalten aus, benahmen sich sehr anständig und zogen schon nach wenigen Tagen ab. Ein wenig ehrendes Andenken haben die Polen und Ukrainer hinterlassen. Diese plünderten und raubten bei den Bauern, oft unter dem Schutze der politischen Legionäre und der amerikanischen Armee. Die Bevölkerung war schutzlos, ohne Waffen, diesen bewaffneten Banditen ausgeliefert. Es war für alleinstehende Gehöfte eine bittere Zeit. Aber doch waren wir alle glücklich: Der Krieg war zu Ende und bei uns waren die Amerikaner und nicht die Russen. Bis zur Enns waren die Russen vorgedrungen und, was man aus diesem Gebiete hörte, war nicht erfreulich, war die beste antibolschewistische Propaganda. Bei uns kehrte bald Ordnung ein - die Fronttruppen zogen ab. Im Unterhaus war für einige Wochen eine Abteilung Amerikaner zur Straßenkontrolle stationiert. Erwähnt sei noch, dass sich die Flüchtlinge aus Schlesien, Mädchen und Frauen denkbar würdelos erwiesen haben. Um eine Tafel Schokolade verkauften sie bedenkenlos ihre Mädchen- und Frauenehre an amerikanische Soldaten.

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