- 212 - Fliegeralarm wurde nun zur Tagesordnung. Alles sehnte sich nach Frieden, Frieden, ganz gleich wie, ja selbst wenn die Bolschewisten kommen. Auch die Ernährungsfrage wurde ernst, waren ja die fruchtbaren Gebiete von feindlichen Armeen besetzt. Rumänien, Ungarn, Bulgarien, Italien waren ausgefallen; im Westen landeten am 6. Juni 1944 die Amerikaner und Engländer und drangen im raschen Siegeszuge vor, überschritten die Reichsgrenze, der Rhein ward überschritten, der Angriff auf Berlin stand bevor, die deutsche Regierung aber opferte Ströme Menschenblut gegen die Übermacht um das verbrecherisch wirkende Leben noch Tage zu erhalten. Für uns war die sorgenvolle Frage: Werden die Russen oder die Westmächte früher kommen, wird es auch bei uns noch Kämpfe geben und wird auch bei uns alles vernichtet und verbrannt werden. Der Führung war es gleichgültig; sie würden ja nicht mehr leben, und wie es dem Volke erging nach solcher wahnsinniger Zerrstörung und Vernichtung, war ihnen wahrscheinlich Nebensache. Die Russen stießen nach Wien vor. Unendliche Kolonnen Flüchtlinge zogen dahin auf unseren Straßen, besonders viele Ungarn. Von Wien kommend ließ sich in Grünburg eine Aufklärungsabteilung nieder, circa 1000 Mann. Ein Rittmeister nahm hier im Pfarrhofe Quartier. Der „Volkssturm", ein allererstes Aufgebot aller Männer die noch da waren, legte Schützenlöcher und Maschinengewehrstände an. Auch auf der Wiese beim Pfarrhof zum Tiefenbach und gegenüber auf den Rahoffeldern wurden solche Gruben ausgehoben. Die Straßen wurden mit Panzersperren gesichert, die Brücken zur Sprengung vorbereitet. Eine aufgeregte Zeit! Der Volkssturm freilich, 90% Nazigegner, hatte keine Lust zu kämpfen, die Soldaten waren des Kampfes müde, viele desertierten. 11 desertierte Männer wurden durch ein Kriegsgericht in Grünburg, allerdings in Abwesenheit, zum Tode verurteilt. Da tauchte in der letzten Woche ein General auf der unbedingt Grünburg verteidigen wollte. Wien fiel, die Russen standen bei St. Pölten. Die Amerikaner rückten durch Bayern und Überschritten im oberen Mühlviertel die österreichische Grenze. Dort gab es noch heftige Kämpfe, aber es war schon alles im Zusammenbrechen. Österreich, bisher nur mit Terror gehalten, hatte keine Lust für die NAZI weitere Opfer zu bringen. Die Russen blieben bei St.Pölten stehen. Die amerikanischen Kolonnen rollten näher. Am 3. Mai 1945, Donnerstag, war alles in höchster Bereitschaft. Volkssturmkolonnen von Steyr und Wels zogen durch nach Klaus. Freitag, den 4. Mai, bezogen die in Grünburg stationierten Truppen ihre Stellungen und huben überall weitere Schützenlöcher aus. Auch die Kirche bzw. der alte Friedhof wurde besetzt und der Oberleutnant meldete dem General, dass dieser Platz ideal sei zur Verteidigung, dass ich fürchtete für unser liebes Kirchlein. Monstranz, Kelche und die schöneren Paramente wurden in Sicherheit gebracht.
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