60. Jahresbericht des Bundesrealgymnasiums Steyr 1936/37

weil sie in dem so nahe benachbarten Niederösterreich wenigstens unter bedingten Schutz genommen worden ist. Die nun folgenden Enzianarten (= Gentianen) (1. 2) sind am besten bekannt durch den im ganzen deutschen Sprachgebiet verbreiteten tiefblauen Frühlingsenzian (Gentiana verna L.), das „Schuster= oder Kückucksnagert unserer Mundart. Es ist in Niederöster¬ reich unter strengen Schutz gestellt worden. Alle anderen Enziane dürfen in Ober= und Niederösterreich zwar in wenigen Exemplaren gepflückt, jedoch nicht ausgegraben oder verkauft werden. In der Steiermark sino die großblutigen Arten besonders geschützt. Im Lande Salzburg stehen unter nur die ganz hochwüchsigen Enziane und das „Lungenblum gesetzlichem Schutz. Die ganze Gattung Gentiana zeichnet sich durch meist blaue oder violette, tiefrohrige Bluten aus und ist daher vorzugsweise auf Hummel¬ bestäubung angewiesen. Die beinahe sogenabrigen Blatter und die meisten übrigen Organe enthalten — ähnlich wie das näyverwandte aber hier nicht geschützte Tausendguldenkraut — Bitterstoffe, welche bei vielen Arten ein recht guter Schutz gegen Werberiere sino; ihnen ver¬ danten die Gentianaceen den Namen, der sich vom alten illyrischen König Gentius ableitet, welcher als erster die Heilwirkung der Enzianwurzeln erprobt haben soll. Am meisten begehrt ist die mächtige Wurzel des hochwüchsigen gelben Enzians (Gentiana lutea L.) und des punktierten Enzians (G. punctata L.), welche Konsistorialrat Pfarrer Sailer noch als oberösterreichische Pflanze nennt, Fritsch aber nicht mehr für unser Land anführt, doch werden die beiden leuchtend geloblühenden, langausdauernden Stauben noch viel in „Heilkrautergarten gezogen. Die heultraftige Wirkung der Bitter¬ stoffe dieser Pflanzen auf „verdorbenen Magen ist nicht zu leugnen, sie lassen sich jedoch leicht und besser bei der heute so reichen Heilmittel¬ auswahl leicht und besser durch andere Meditamente ersetzen. Von den derberen, hochwüchsigen, aufrechtwachsenden Enzianarten wächst nur mehr der Ungarische Enzian (G. pannonica Scop.) (1. 2) in unseren Gebirgen. Auch er wurde von Krauterweibern und Gärtnern viel gesucht. Seine großen violetten wirbelständigen Blutenkronen sind punktiert und an der Basis gel angelaufen. In der Wuchsform erinnert der Kreuzenzian (G. cruciata L.) wohl an den vorigen, ist aber viel niedriger (20 bis 30 cm hoch) und hat nur vier treuzförmig gestellte, außen grünliche, innen zyanblaue Kronenblätter. Sein Saft wurde als Wundheilmittel viel verwendet; daher wohl der alte Name Gertraut. Der im Gegensatz zu den vorigen sehr zierlich gebaute Moor= oder Lungenenzian (G. pneumonanthe L.) rann auf gutem Boden bis gegen 1 m hoch werden, bleibt aber meist viel niedriger, seine blauen, großen Bluten stehen einzeln in den Blattachseln und die Blätter sind auffallend schmal. Seine Wurzeln und Bluten galten früher als hervorragendes Mittel gegen Lungenkrankheiten als „Radices et Flores Pneumonantes. Sehr beliebt als Magenheilmittel der Gebirgler war und ist der reichverzweigte blaßgelbe Wurzelstock des prachtvollen Schwalben¬ wurzenzians (G. asclepiadea L.) (1. 2), der in Blattstellung und Blattform an die gemeine Schwalbenwurz (Cynanchum vincetoxi¬ cum L.) erinnert. Die bis 80 cm langen, nickenden Ruren tragen vom Hochsommer in den Blattachseln riefblaue Bluten.

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