60. Jahresbericht des Bundesrealgymnasiums Steyr 1936/37

vor dem Eindringen warnt, sondern auch den Singvogeln eine hochwill¬ kommene, tatzensichere Mistgelegenheit bieter. Die medizinische Ver¬ wendung der abführenden Beeren und der „folia aquilon gegen Gicht und Rheumatismus ist uralt. Ebenso die Verwendung des außerordent¬ lich dichten Holzes in der Müllerei. Der frevlerischen Anwendung des Vogelleimes aus dem Rindenschleim (also nicht nur aus Mistelbeeren, ist durch unser Vogelschutzgesetz gesteuert worden. Die Verbreitung erfolgt durch die veerenfressenden Wildhühner, Wildtauben und Drosseln. Die Samen, die feuchten, whigen Boden ver¬ langen, liegen oft ein bis zwei Jahre bis zum Ausreimen, und auch dann schreitet das Wachstum so langsam vor, daß die Pflanze, wie fast alle edleren Holzer, oft von der benachbarten Begetation „uverrannt und erstickt wird. englisch Auch der Efeu (Hedera nelix L.), franzosisch „ierre „ver, den wir uns zur Bepflanzung eines Grabes oder einer schattigen Mauer als fußlangen Trieb aus dem Walde geholt haben, stellt unsere Geduld auf die Probe und zaubert jahrelang, bis er sich zum Keimen entschließt. Dann allerdings entfaltet er eine gewaltige Ausdauer, be¬ grunt große Mauerflachen und setzt nach mehreren Jahrzehnten, oft erst im 70. Lebensjahre, die ganz unscheinbaren, etwas faulig riechenden Bluten hoch oben an. Die Unscheinbare grünliche Blüte ist fünfstrahlig, wird von Fliegen bestaubt und zeitigt vom Sparsommer bis zum Winter grünlichschwarze Beeren, die selbst von den Vogeln nicht gern gefressen werden. Darum sehr man die dunklen Beerenoorden oft noch bis ins Fruhjahr an alten Stocken. Der Blütenbau und stand unter¬ tellen den Efeu den Umbellisioren, den Doldenbluttern, bringen ihn also in nahe Verwandtschaft zur Kornelkirsche (= „Dirnor) und den soge¬ nannten Schierlingsgewachsen. Damit stehen wir an der Grenze der Sternblutler und der Rohrenblutter. Der Efeu oder Eppich (Hederanelix L.) erhalt seine Haupt¬ nahrung aus der Erde und kann einem jüngeren Holzgewachs wohl nur durch seine Umschlingung (ocher der Artname neux = das Gewundene, die Schneckenlinie) gefährlich werden. An Felsen, Mauern und alten Stammen sitzt er mit seinen fast unverzweigten, zahllosen Klammer¬ wurzeln sehr fest, ohne an der Unterlage zu sagen. Der Gattungs¬ name soll nach Wittstein auf das griechische hedra = Sitz, also auf das Festsitzen zuruckzuführen sein. Die hohe Beliebtheit der herrlichen Kletterpflanze an Gebäuden, von der Hütte bis zum tausenojährigen Schloß, beweist die Unschädlichkeit für die Mauern, ja die lebrigen, winterharten Blätter schutzen sogar recht wesentlich gegen Schlagregen. Sie bilden, besonders am Boden, ein prachtvolles Blattmosait, in dem, wie France im „Leben der Pflanzen sagt, „ein Blatt auf das andere Rucksicht nimmt, o. y. mit seinen drei oder fünf ebelgeformten Blatt¬ lappen in die Buchten des Nachbarblattes greift und so jedes seine an¬ gemessene Lichtportion verommt. Gegen den Wipfel, der auf alten, deutschen Kirchturmen und auf altenglischen Schlossern bis über die Höhe des fünften Stockwerts reichen kann, wird das Blatt ganz einfach elliptisch zugespitzt. Die vielen Klammerwurzeln erinnern an die Bein¬ erien der Tausendfußer und unterliegen einem „negativen Phototro¬ pismus“, d. h. sie wenden sich stets vom Licht ab und wachsen so der Unterlage zu. Um nur ein paar der als Naturenmaler geschützten Efeuriesen zu nennen, sei der bis ans Kirchenbach reichende Eppich der Kirche von St. Ulrich, der mächtige an der Wetterseite der uralten

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2