16 Blattkeimern (Dicotyledones) zu, und zwar zuerst den entwicklungs¬ geschichtlich niedriger stehenden Sternblutigen (Choripetalen, die ihren Namen von den freistehenden und einzeln abfallenden Blumenblättern haben. Besonders prächtig zeigt sich diese Sternform, wenn wir eine der herrlich rosig angehauchten Magnolienbluten unserer Parkanlagen von oben betrachten; sie erinnern an die großten einheimischen Blumen, die Seerosen. Die Magnolien, die teils aus Nordamerika, teils aus Asien stammen, sind mit den Seerosen so nahe verwandt, daß sie mit diesen, dann den Hahnenfußgewachsen und einigen kleineren Familien als Vielfruchtler (Polycarpiae) zusammengefaßt werden. Sie stehen im Pflanzenstammbaum ziemlich lief unter den meisten anderen Stern¬ blüttern. Die geringe Höhe der Entwicklung prägt sich schon aus in der noch nicht ganz stetig gewordenen Zahl der Blutenorgane, so schwankt z. B. bei der weißen Seerose die Zahl der Blutenblätter zwischen 20 und 30, noch mehr aber die der zahlreichen Staubgefäße, und zwischen beiden Gebilden finden wir in derselben Blute meist alle Uebergangsformen vom Staubblatt zum Blumenblatt; erstens normale Staubgefäße mit großen, dicken, gelben Staubeutein und unnen, schlanken, fast weißen Staubfäden, dann Staubblätter mit schwacheren Beuteln und breiteren Staubfäden und endlich schmalere, weiße Blumenblätter, an deren oberem Rand nur mehr zwei schmale, gelbliche Streichen stehen. Der Fall ist geradezu zum „Paradebeispiel für die Umwandlungsfähigkeit der Blutenorgane geworden, die schon Goethes universeller Geist vor¬ ausgeahnt und in seiner „Metamorphose der Pflanzen“ bearbeitet hat, Die Art der Durchführung ist wohl von der heutigen Entwicklungslehre überholt, die Tatsache der Wandlungsfähigkeit der Organe aber besteyt und wird durch viele neue Beispiele bewiesen. Auch sonst sind die Seerosengewachse von entwicklungsgeschichtlicher Bedeutung. Keimform und Stammanatomie zeigen mit den Spitz¬ keimern soviel Aehnlichkeit, daß man die Abstammung von einer gemein¬ samen, auch den Hahnenfußgewachsen nahestehenden Urform annehmen tann. Ihr Entwicklungshohepunkt war in der für unsere Länder warmen, zum Teil subtropischen Tertiarzeit. Da waren tellergroße See¬ rosen eine ebenso kennzeichnende Pflanzengestalt wie die Totosolute, ihre nächste Verwandte, heute noch für die Teiche und Seen des sub¬ tropischen Orients und die Victoria regia mit ihren zwei Meter breiten Schwimmblättern in Südamerika. Das heutige Mitteleuropa beherberge nur mehr die beiden Gattungen Nymphaea und Nuphar, von denen in Oberösterreich nur die beiden unter Markiverbot gestellten Arten, die weiße Seerose, Teichrose, Seelilie oder Nixolume (Nymphe Castalia alba L.) und die gelbe Seerose oder Mummelblume (Nuphar luteum Sm.) (1. 2) in Seen, Teichen und langsam fließenden Gewässern, besonders in Auen leben. Wer den stillen Zauber der Schacherreiche bei Kremsmünster und die verschwiegenen Marchenlandschaften der Donauauen des Eferoinger Beckens kennengelernt hat, wird den wunderbaren Gegensatz der rein¬ weißen Sternbluten und der tiefgrünen Gewässer als einen Höhepunkt heimatlicher Schönheit empfinden. Aber auch die spannlangen, breit¬ ovalen Schwimmblätter mit ihrer glänzenden, durch eine Wachs¬ oberhaut unbenetzbaren Oberfläche Fragen durch ihre Betonung der Waagrechten des Wasserspiegels, die uns zum Sinnbild der Ruhe und der Stille geworden ist, zur Naturstimmung wesentlich bei. Schwimmt man zwischen den Wasserrosen, so kann man beobachten, daß
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