60. Jahresbericht des Bundesrealgymnasiums Steyr 1936/37

laden die bestäubungswilligen Kerfe zur Tafel. Von den ursprünglichen sechs Staubgefäßen ist nur mehr eines (beim Frauenschuh 2) übrig ge¬ blieben, dieses aber von ungewohnlicher Gestalt, häufig gespalten und, wie bei Orchis, mit Klebemasse versehen, so daß die besuchende Hummer ich die beiden Staubbeutelhaften unwillkürlich an den Kopf heftet. Ueber die verschiedenen Bestäubungsarten der Orchideen sind schon Bande geschrieben worden und die Arten noch lange nicht geschlossen. — Einen von der Regel abweichenden Bau zeigt der prunkvollste Vertreter der streng geschützten Orchideen, der Frauenschuh (Cypripe¬ dium calceolus L.) (1. 1), dessen viertel bis halb Meter hoher Stengel eine bis drei große Bluten mit riesiger, parschenförmiger, gold¬ gelber Honiglippe tragt. Prachtvoll umsäumen die übrigen braun¬ violetten, lang abstehenden Perigonblätter den „Schuh der Venus (wie der frei übersetzte lateinische Name lautet. Die beiden normalen Staubblatter schließen ein steriles (unfruchtbares), rorfleckiges Staubblatt in der Mitte ein. Auch der Besitz eines langen Wurzelstockes zeigt den abweichenden Bau dieser nur noch in entlegenen Tätern häufigen Orchidee. Auch das schwarze und das rote Kohlroschen (Nig. tella nigra L. 1. 1 und N. rubra L.) — in Ober= und Niederösterreich, weichen vom gewöhnlichen Salzburg und Steiermark geschützt — Orchideenbau insofern ab, als ihr Fruchtrnoten nicht gedreht, daher die Honiglippe nach oben gestellt ist. Die oft raum handhohen, intensiv nach Vanille duftenden Alpenorchideen mit ihren gedrungen regel- bis spitz¬ kugelförmigen Blutentrauben sind wohl jedem Bergwanderer bekannt. Der deutsche und der lateinische Name beziehen sich auf die tiefroten Farbone des winzigen und doch so herrlichen Blutenstandes, ebenso der Name „Brunelle“, der aber von der Botanik schon für eine andere, gar nicht verwandte Pflanze, einen tiefbraunvioletten Lippen¬ blutter, vergeben ist. Der Ausbruck Hoswurz weist auf die Form des meist zweizipfeligen Knollens, der mit einem kurzen Kinderhoschen etwas Aehnlichkeit vortauscht. Der salzburgische Name Schweißblümel erinnert an verlorene Bluts (= „Schweiß stropfen. Wie sehr dem ent¬ zuckenden Pflänzchen von Pflanzenmardern zugesetzt wird, zeigt ein Fall, wo im Gesause ein Mann mit einem riesigen Kriegsrucksack ange¬ halten wurde, in dem er sich weit über 1000 ausgegrabene Kohlroschen zum Verkauf mitnehmen wollte. Kaum ein Zehntel davon waren noch lebensfähig. Die origineusten einheimischen Orchibeen sind unzweifelhaft die Ragwürz= (Ophrysarten, deren wunderlich gestaltete Bluten sitzende Kerbtiere nachzuahmen scheinen. In diesem Fall ist der franzö¬ sische Name „teur-allée geflügelte Blume jedenfalls besser als der „lateinische“, der sich vom griechischen „Oprys = Augenbraue wegen der gebogenen Außenperigonblätter ableitet. Jedenfalls hat die Insektenähnlichkeit die Bedeutung eines „Longastes in einem noch¬ wenig besuchten Gasthof. Sitzt einer vort, so bener sich mancher Vorüber¬ gehende, da ware es auch gut sein, und kehrt ein. Bei der feinsten, der fliegentragenden Ragwurz (Oprys myodes) (1. 1 Mitte deutet der griechisch=lateinische Artname auf die schmale braunviolette, vierlappige Honiglippe, die mit den sehr schmalen overen und inneren Perigonblattern etwas Aehnlichkeit mit einer Fliege har. Treffender ist der Volksausdruck „Bergmandl, denn mehr noch als einer Fliege gleicht der dunkle Blutenteil einer winzigen menschlichen Gestalt mit er¬

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