24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

Nachgiebigkeit Agamemnons, seine scheinbare Einwilligung in die Verbindung seiner Tochter mit Achilles und seine Forderung, dass Clytämnestra vom Altare fern bleibe Nur aus dem Berichte Achills erfährt der Zuschauer von seiner Begegnung mit Agamennon, dem Erfolge seiner Bemühungen, diesen zu seinen Gunsten umzustimmen, und von den frohen Hoffnungen, mit denen das bevorstehende Opfer das ganze Heer erfüllt; dieser Umschwung gibt aber Iphigenie Veranlassung, sich in ihrer ganzen Herzensgüte zu zeigen, indem sie für ihre unglückliche Freundin, die sie erst kurz zuvor beleidigt, die Freiheit erbittet. Klar wird dem Zuschauer gezeigt, wie in Eriphile der Entschluss, Iphigenie zu verrathen, reift; wie sie aber diesen Verrath verübt, wird ihm vorenthalten, umso deutlicher sieht er die Folge desselben, die Vereitung ihrer Flucht. Wie sich diese durch den allgemeinen Widerstand des Lagers vollzieht, wird den Blicken des Zuschauers vollständig entzogen, er erfährt es nur aus den Worten der Iphigenie; dafür wird umso deutlicher dargethan, wie Achilles trotz aller Einwendungen der Iphigenie zu dem unabänderlichen Entschlüsse kommt, für sie zu kämpfen. Auch von den Bemühungen der Clytämnestra, ihre Tochter zu retten, und namentlich ihrem vergeblichen Versuche, zu Agamemnon zu gelangen, ist nichts zu sehen; als aber diese Thatsache Achilles bekannt wird, vermögen alle Bitten der Iphigenie nicht, ihn zurückzuhalten, es treibt ihn zu einer Begegnung mit Agamennon, und es folgt jene bewegte Scene, in welcher es zwischen beiden zu vollständigem Bruche kommt, und die Agamemnon, um nicht gegen Achilles nachgiebig zu erscheinen, dem Entschlusse, seine Tochter wirklich zu opfern, nahe bringt. Was Achilles inzwischen für die Rettung seiner Geliebten gethan, geht aus der Schilderung des Arcas hervor, sein Kampf selbst aber spielt sich fern von der Bühne ab, ebenso die ganze bewegte Handlung des Schlusses, die Auslegung des Orakels durch Calchas, die Erkennung der Eriphile und ihr Tod, davon erfahren wir nur aus dem Berichte des Ulysses. Es ergibt sich daraus zur Genüge, welche eigenthümliche Stellung der Bühne jener Zeit zukommt; sie erscheint nur als der Ort, wo die Personen sich treffen, um über das Geschehene zu berichten und ihre Erregung darüber zu zeigen, die oft allerdings zu den belebtesten Scenen führt, dieselbe anderen mitzutheilen, selbst neue Entschlüsse zu fassen und zu neuen Thaten anzuspornen, dann zu enteilen, um sie an anderer Stelle zu vollführen und wieder zu ähnlichem Vorgange anzureizen. Für die Zwecke des Dramatikers genügt wohl der kurze Bericht der That, die Vorführung von Kämpfen kann selbst, wenn sie zu häufig erfolgt, der dramatischen Kraft Eintrag thun *) ; wir sind aber zusehr an äußere Handlung gewöhnt, um deren Mangel, besonders am Anfange und Schluss des Dramas, nicht empfindlich zu fühlen. 2) Der Dichter entspricht jedoch nur den Anforderungen seiner Zeit, welche vorschreibt, dass er alles erzähle, was er zur Vorführung nicht geeignet halte, und selbst die Beobachtung der Einheit des Ortes und Beschränkung in der Handlung verlangt, welche Vorschrift sein treuer Freund und Berather Boileau in folgenden Versen zum Ausdruck bringt: Nous voulons qu’avec art l’action se ménage; Qu’en un lieu, qu’en un jour, un seul fait accompli Tienne jusqu’à la fin le théâtre rempli. Ce qu’on ne doit point voir, qu’un récit nous l’expose: Les yeux en le voyant saisiraient mieux la chose ; Mais il est des objets que l’art judicieux Doit offrir à l'oreille et reculer des yeux. (L'Art poétique, ch. III., v. 4446, 51—54.) *) Vgl. Gottschall, Poetik, S. 114. 2) Vgl. eb. S. 407.

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