24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

wendigkeit ihres Todes zu überzeugen, bittet noch für ihren Vater und lässt sich zum Altare führen. Ihre Mutter stürzt ihr nach, sie wird zurückgehalten und erfährt, dass Eriphile sie verrathen. Sie fleht den Zorn der Götter auf sie herab und findet sich erhört und erkennt ihren Schutz, als der Himmel sich mit Wolken überzieht, Blitze die Luft durchkreuzen und sie hört, dass Achilles am Altare zum Kampfe bereit stehe und bis jetzt noch das Opfer unterblieben sei, hält aber alles für verloren, als sie Ulysses nahen sieht. Dieser jedoch bringt ihr die freudige Kunde, dass ihre Tochter lebt. Entsetzt über den Kampf, der allgemein zu werden begann, sei Calchas von seiner Sehergabe erfüllt worden und habe verkündet, dass die Göttin eine andere Iphigenie, die Tochter der Helena und des Theseus, fordere, die sie alle unter einem anderen Namen vor sich sähen. Alle hätten sofort Eriphile als das bezeichnete Opfer erkannt, und diese sei, ehe sie noch Calchas ergreifen konnte, auf den Altar zugestürzt und habe sich das Opfermesser selbst in die Brust gestoßen. Sogleich wären die Winde entfesselt worden, Donner habe die Luft erfüllt, das Opfer von selbst sich entzündet, und man glaube sogar, dass Diana selbst, um ihre Bitten entgegenzunehmen, herabgestiegen sei. Sie möge nun kommen und Iphigenie aus den Händen des Agamemnon empfangen. Wenn wir die Handlung dieses Stückes näher betrachten, so können wir ihr regstes dramatisches Leben nicht absprechen. Was man gemeinhin als dramatisch bezeichnet und was hauptsächlich die Schaulust befriedigt, wird zwar hier ganz vermisst; als dramatisch gilt aber nicht die That an sich, sondern der innere Kampf des Menschen bis zur That und ihre Wirkung auf das Gemüth, und Aufgabe der drama¬ tischen Kunst ist daher die Darstellung der Einwirkung einer Begebenheit auf die Seele des Menschen, aber nicht die Darstellung der Begebenheit selbst. *) In diesem Sinne ist jedoch dieses Drama voll dramatischer Momente: die äußere Handlung, welche nur auf die Sinne wirkt, ist dem Zuschauer ganz entrückt, er entnimmt nur Berichten oder den Entschließungen der Mitwirkenden, was sich inzwischen zugetragen; kaum ist aber die That vollbracht, so äußert sie sich in der nachhaltigsten Weise auf die betheiligten Personen und treibt zu neuen Thaten. Von dem geheimen Opfer, der Weissagung des Calchas und den Verfügungen des Agamemnon erfahren wir erst, als er Arcas den Auftrag gibt, der Königin entgegenzueilen und sie von Aulis fern¬ zuhalten, und die Gründe dafür darlegt. Wie dieser Auftrag ausgeführt wird, sehen wir nicht, wir können nur darauf schließen aus dem Berichte des Eurybate über die Ankunft der Königin und die freudige Erregung im Heere. Kaum hat jedoch Aga¬ memnon seine Zustimmung zur Opferung Iphigeniens gegeben und um sie gesandt, so finden wir ihn eifrigst bestrebt, sie zu retten: er sendet Arcas ihr entgegen, um sie fernzuhalten, und verschmäht selbst Verdächtigungen gegen Achilles nicht, er bekämpft selbst im Verein mit Ulysses die Ungeduld des Achilles, der wider Erwarten schnell von seinem Kriegszuge zurückgekehrt und infolge eines Gerüchtes, das ihm sehr schmeichelte, die Ankunft der Iphigenie nicht erwarten kann, will sogar auf den Kampf gegen Troja verzichten und bemüht sich, obwohl der Anführer der Griechen, Achilles selbst davon abzubringen. Aus dem Berichte des Eurybate erfahren wir den angeblichen Grund, weshalb Eriphile nach Aulis kommt, sie selbst erzählt ihre Schicksale und gesteht ihre Liebe zu Achilles; wie Clytämnestra davon erfährt, wird uns nicht vorgeführt, Iphigenie vernimmt es aus einer Mittheilung ihrer Mutter; sobald sie aber zur Kenntnis dieser Thatsache gekommen, treibt es sie zur schleunigsten Flucht und veranlasst Iphigenie zu heftigen Schmähungen ihrer Freundin. Von der Ausführung ihrer Flucht sehen wir nichts, wir hören auch nicht die Betheuerungen Achills von seiner Liebe, die ihre Umkehr bewirken, das alles erfahren wir nur aus dem Gespräche der Clytämnestra mit Agamemnon; ihre Rückkehr veranlasst aber die *) G. Freytag. Die Technik des Dramas. 5. Auflage, S. 16.

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