4 sogar in der Schilderung der Liebe der Iphigenie und des Achilles die Grundidee dieses Stückes *) — und sie würden viel weniger Zurückhaltung bei der Begrüßung ihres Vaters erwarten; 2) Pierre Perrault („Critique des deux tragédies d’Iphigenie d’Euripide et de M. Racine“) stellt die französische Iphigenie über die griechische, La Harpe und Deltour halten sogar den Achilles des Racine Homer entsprechender als den des Euripides; 2) nach Ansicht Géruzez hat jedoch Racine sein griechisches Vorbild ganz entstellt. Alle waren aber bisher, wenigstens seit dem Erscheinen des Britannicus, einig in der Bewunderung seiner Sprache, und selbst hierin zeigt sich in neuester Zeit Widerspruch. Nach Sainte-Beuve 5) kommt der Stil Racines, dessen Vorzüge er anerkennt, der Prosa oft sehr nahe; Düning und Paul Albert) finden die Sprache Racines, die namentlich von Voltaire so überschwenglich gelobt wurde, eintönig, voll pomphafter und bildlicher Ausdrücke und ohne Unterschied auf die niedrigst stehenden und höchst gestellten Personen angewendet. Gilt es überhaupt für einen Fremden für schwierig, das classische Drama der Franzosen gehörig zu würdigen, da hier wie nirgends die nationalen Eigenthümlichkeiten zum Ausdrucke kommen, so ist es unter so widersprechenden Urtheilen besonders schwer, sich zurecht zu finden. Wir legen nur zu gerne den Maßstab unserer Zeit selbst auf literarische Erzeugnisse früherer Jahrhunderte an und bedenken nicht, dass der Begriff des Schönen einem steten Wechsel unterworfen ist, und dass inzwischen durch die aufklärende Thätigkeit Lessings und die Bekanntschaft mit fremden Literaturen eine vollständige Umwälzung in den Anschauungen über das Drama entstehen musste. Wollen wir einem Werke, welches unter so verschiedenen Umständen zustande kam, gerecht werden, so müssen wir uns in jene Zeit zu versetzen suchen und sehen, wie es derselben entspricht; die Fehler werden darum nicht besser, aber was uns jetzt als Fehler erscheint, werden wir dann entschuldigen und vielleicht als Fortschritt anerkennen müssen; wir werden das Werk zwar nicht als ein Kunstwerk betrachten, welches nicht mehr zu überbieten ist, aber demselben, wenn es einst den Beifall der Besten seiner Zeit errang, unsere Anerkennung als einem wichtigen Gliede in der Entwicklung des Dramas nicht versagen können. Es soll daher hier die Iphigenie Racines unter möglichster Berücksichtigung der Verhältnisse, unter welchen sie entstand, nach den verschiedenen Richtungen untersucht werden; eine solche Untersuchung erscheint geeigneter, in das Wesen des französischen Dramas einzuführen, als die genauesten Vergleichungen, wie sie wiederholt vorgenommen wurden, um alle Stellen, welche an das griechische Vorbild erinnern, namhaft zu machen, und aus welchen sich mit Gewissheit ergibt, dass der Dichter zwar viel entlehnt, dass er aber auch damit ein selbständiges Werk mit ganz verschiedenem Charakter geschaffen hat. 8) Seine Selbständigkeit zeigt sich vor allem in der Verwendung des überlieferten Sagenstoffes. Dem Dichter standen hier drei verschiedene Ansichten zur Verfügung nach der einen wurde Iphigenie wirklich geopfert, nach einer anderen, welcher Euripides gefolgt ist, wurde sie von Diana nach Tauris gebracht und an ihre Stelle ein anderes *) Racines Iphigenie en Aulide und Euripides' Iphigenie in Aulis als ein Beitrag zur Vergleichung der classisch-französischen und der antiken griechischen Tragödie, Herrig, Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, B. XIX, S. 3166. 2) Deltour, S. 259 f. Vgl. Œuvres de Racine, III., S. 122 und 125; Deltour, S. 271. Histoire de la littérature française, II., S. 247. Portraits littéraires, I., S. 105 ff. 6) Über Racines auf antiken Stoffen ruhende Tragödien und deren Hauptcharaktere, Programm des Gymnasiums zu Quedlinburg, 1880, S. 3. 7) La littérature française au dix-septième siècle, S. 338. 8) Vgl. Œuvres de Racine, III., S. 110 f.
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