30 Das Drama „Iphigenie" zeigt sich im ganzen als ein wahrer Vertreter der classischen Tragödie, womit der Dichter ganz besonders den Geschmack der meisten seiner Zeitgenossen traf. Das beweisen die Berichte derselben über die ungeheure Wirkung, welche es ausübte, und auf die schon (S. 13 f.) hingewiesen wurde, und die große Beliebtheit, deren es sich erfreute. Wie Louis Racine in seinem „Examen de l’Iphigenie") erwähnt, erhielt sich kein Stück gleich nach seinem Erscheinen so lange auf dem Spielplan wie Iphigenie, und es vermochten dagegen selbst seine Gegner nichts, welche demselben die „Iphigenie" von Le Clerc gegenüber gestellt hatten, die aber schon nach fünf Aufführungen für immer von der Bühne verschwand. 2) Nach den Tabellen über die Aufführungen der einzelnen Dramen) brachte es „Iphigenie" von 1680—1870 bis auf 774 Vorstellungen und wird hierin nur noch von einer Tragödie Racines, von „Phèdre“, übertroffen, welche 957 aufweist. Es ist aber natürlich, dass das Verständnis für ein Stück nachlassen muss, sobald die Zeit, welcher es ausschließlich entspricht, vorüber ist. Das zeigt sich besonders bei der „Iphigenie.“ War schon der Gegensatz zwischen den Ereignissen, welche in diesem Drama dargestellt werden, und den Anschauungen jener Zeit, in welcher dasselbe entstand, groß, so musste der Abstand noch fühlbarer werden, als mildere Sitten allgemeiner wurden und die Ansichten über das Drama und die Menschen wechselten. Es macht sich daher bald das Streben bemerkbar, die „Iphigenie" den veränderten Anschauungen anzupassen. Ein solcher Versuch wurde im Jahre 1769 von Saint-Foix gemacht, indem er namentlich den Schluss dramatischer zu gestalten suchte; doch fand seine Umarbeitung keinen Beifall.) Die Schönheiten dieses Stückes lassen sich nur unter genauer Berücksichtigung der besonderen Zeitverhältnisse voll würdigen; man mag daher über das classische Drama der Franzosen mit seinen Vorzügen und Mängeln noch so verschieden urtheilen, so lässt sich doch nicht leugnen, dass jeder, der sich die Mühe nimmt und sucht, in den Geist jener Zeit einzudringen, von der Schönheit dieses Werkes wird mächtig ergriffen werden. Wir können die „Iphigenie" des Racine wohl nicht mehr als ein vollgültiges Kunstwerk betrachten, müssen aber behaupten, dass dieses Drama, welches so allgemeinen und andauernden Beifall fand, als ein bedeutender Vertreter einer besonderen Kunstrichtung für jene, die sich für die Entwicklung des Dramas interessieren, jederzeit wird von größter Bedeutung sein. Steyr, im Juni 1894. Emil König. *) Mesnard, B. III, S. 108. 2) Deltour, S. 274. 3) Mesnard, B. VIII, S. 610 ff. 4) Mesnard, B. III, S. 134.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2