Ästhetische Studien über Racines „Iphigenie. Es mag müßig erscheinen, ein Werk, welches streng genommen keinen Anspruch auf Selbständigkeit erheben kann, zum Gegenstand besonderer Studien zu machen. Wenn man jedoch bedenkt, welches Interesse die Sage von der Opferung Iphigeniens jederzeit erregt hat — Beweis dafür die zahlreichen dramatischen Bearbeitungen derselben *) — und wohl erregen wird, solange die Bande der Familie den Menschen heilig sind und die Herrschsucht zu den menschlichen Eigenschaften zählt, so reizt es geradezu zu sehen, wie ein Dichter von der Bedeutung des Racine, der unter ganz anderen Verhältnissen als Euripides gelebt hat, ein und denselben Sagenstoff behandelt hat, umsomehr als er sich so oft in bewussten Gegensatz zu seinem Vorbild gestellt hat. Jeder Dichter ist ja mehr oder weniger ein Kind seiner Zeit, und was die große Menge bewegt, bringt er zum beredten Ausdruck; je mehr ihm das gelingt, desto gefeierter und volksthümlicher wird er sein. Dass es Racine nicht an Beifall gefehlt, darin stimmen alle seine Zeitgenossen überein, und selbst seine erbittertsten Gegner mussten seine Erfolge anerkennen; 2) aber auch selten ein Dichter hatte so unter den Launen der Geschmacksrichtung zu leiden wie Racine. Zur Zeit seiner größten Triumphe musste er sich der heftigsten Angriffe seiner Feinde erwehren, und erst nach seinem Tode, im 18. Jahrhunderte, fanden seine Werke die verdiente allgemeine Anerkennung doch in diesem Jahrhunderte kam sein Ansehen schon wieder ins Schwanken, und erst der Jetztzeit schien es vorbehalten, dem so oft verkannten Dichter die ihm gebürende Stellung neben Corneille, seinem bedeutendsten Gegner, einzuräumen. 3) Was im allgemeinen für fast alle seine Werke gilt, trifft in einem noch viel höheren Maße bei seiner Iphigenie zu. Hier stehen die widersprechendsten Urtheile einander gegenüber. Voltaire hält dieses Drama für die vollkommenste Tragödie der Franzosen und spricht davon als einer Schönheit aller Zeiten und Völker; 2) einen ganz entgegengesetzten Standpunkt nimmt ein Zeitgenosse Racines, der ungenannte Verfasser der „Remarques sur l’Iphigenie", ein, der darin alles bis auf die Schönheit der Sprache, die er anerkennen musste, fehlerhaft findet; 5) P. de Villiers hebt in seinen „Entretiens sur les tragédies de ce temps“, lobend hervor, dass dieses Stück frei sei von Liebesgeschichten, ohne welche man sich damals keinen Erfolg von einem Drama versprechen konnte, und tadelt die rückhaltlose Weise, mit welcher Iphigenie ihren Vater begrüßt; die späteren Beurtheiler müssen jedoch zugeben, dass der Dichter hierin schon zuviel der damaligen Geschmacksrichtung nachgegeben hat — einer sieht ’) Vgl. Iphigenie de Racine par Armand Gasté, S. 22. 2) Vgl. Deltour, Les Ennemis de Racine au XVIIe siècle. 3) Vgl. eb. Seite 375 ff. *) Euvres de J. Racine par Mesnard, III., S. 127. 5) Deltour, S. 267. 1*
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