24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

29 mennon, um sich in höflichen Worten Auskunft über das Los der Iphigenie zu erbitten und dann, gereizt durch das herausfordernde Benehmen desselben, in die höchste Erbitterung zu gerathen und sich zu den heftigsten Drohungen hinreißen zu lassen. Die „Iphigenie" ist bis auf 2 Verse (I, 1. 59, 62), welche achtsilbig sind, in Alexandriner, dem üblichen Versmaße des französischen Dramas, geschrieben, und es sind davon je 2 abwechselnd durch männliche und weibliche Reime verbunden. Sie zeigen große Kunstfertigkeit und zeichnen sich namentlich durch Wohllaut aus. Cäsur und Ende des Verses heben sich kräftig ab, durch wechselnde Stellung der Nebencäsur innerhalb der einzelnen Vershälften ist die Eintönigkeit, welche dem Alexandriner oft vorgeworfen wird, glücklich vermieden, die Reime sind meist reich und rein umsomehr müssen die Ausnahmen davon auffallen, wie sie wohl gestattet sind, die aber, da sie nur das Auge befriedigen, sollten vermieden werden. Dazu gehören Reimpaare, von denen der Endconsonant des einen Wortes ausgesprochen wird, während der des anderen stumm ist, wie tous : vous (I, 2. 23, 24; III, 7. 24, 25; V. 2. 27, 28); nous tous (V. 6. 64, 65); tous époux (IV, 6. 65, 66); pas: Calchas (1, 4. 10, 11; I, 5. 31, 32; II, 5. 3, 4); pas: Arcas (III, 5. 11, 12; IV, 10 3, 4; V, 5. 16, 17); trepas: Calchas (III, 7. 36, 37); flots : Lesbos (II, 1. 9, 10); Paris: prix (III, 5. 23, 24; IV, 6. 77, 78); avis fils (IV, 6. 53, 54) soldats : Ménélas (IV, 6. 73, 74). Die große Sorgfalt, welche im ganzen Racine auf seine Verse verwendete, lässt jedoch mit Recht vermuthen, dass diese Reime in der damaligen Aussprache begründet waren. *) Als Ergebnis dieser ganzen Abhandlung lässt sich kurz zusammenfassen, dass Racine in „Iphigenie" ein vortreffliches Werk geschaffen hat, bei welchem einzelne Mängel neben den vielen Vorzügen nicht in Betracht kommen. Besonders muss anerkannt werden, dass es dem Dichter gelang, die Vorgänge längst vergangener Zeiten, wenigstens zum Theil, den Anschauungen seiner Zeitgenossen anzupassen, dafür leb¬ haftes Interesse zu erwecken und dieselben gründlich zu motivieren, dass der Bau dieses Dramas mit größter Sorgfalt und unter steter Berücksichtigung der besonderen Bühnenverhältnisse jener Zeit ausgearbeitet, die einzelnen Personen eingehend charakterisiert und die Sprache und der Versbau zu hoher Vollendung gelangt sind. Die Mängel beziehen sich hauptsächlich auf Punkte, die eine verschiedene Auffassung zulassen, oder sind in der genauen Nachahmung der Wirklichkeit, wie sie sich dem Dichter darbot, begründet. Racine erweist sich mit seiner „Iphigenie" zwar nicht als ein kühner Neuerer, der dem Drama noch unbetretene Bahnen eröffnet hat, aber als ein Dichter, der auf dem vorgezeichneten Wege mit Glück fortschritt und dasselbe auf einen Höhepunkt gebracht hat. Sein unbestrittenes Verdienst bleibt es, dass er es verstand, anstatt der übermenschlichen Gestalten Corneilles zwar nicht historisch richtige, aber wahre Menschen seiner Zeit mit all ihren Fehlern und Schwächen zu schildern, neben Ehre, Ruhm und Liebe die mächtigen Motive der Eltern- und Kindesliebe, der Eifersucht und Rache einzuführen, die Sprache, welche er wohl auf eine höhere Stufe brachte, als der Wirklichkeit angemessen war, von dem üblichen Schwulst und der Unnatürlichkeit zu befreien und derselben eine Einfachheit und einen Wohllaut zu geben, wie sie bis dahin noch kaum erreicht worden waren. Zugleich nahm er in allem Rücksicht auf die eigenthümlichen Anschauungen seiner Zeit; er wich daher großen dramatischen Wirkungen auf der Bühne aus und ersetzte sie durch eingehende Schilderung der Leidenschaften. *) Vgl. Adolf Tobler. Vom französischen Versbau alter und neuer Zeit, S. 119.

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