24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

27 D'un si riche ornement veulent priver la scène, Traitent d'empoisonneurs et Rodrigue et Chimène. L’amour le moins honnête, exprimé chastement, N’excite point en nous de honteux mouvement. (L'Art poétique, ch. III, v. 93—102; ch. IV, v. 97 — 102.) Es ist nicht zu verwundern, wenn man das Privatleben des Königs in Betracht zieht und den Einfluss, welchen derselbe auf die Dichter ausübte; der herrschende Geschmack war besonders geeignet, seinem galanten Sinne zu schmeicheln. Es kann daher nicht überraschen, dass auch Racine dieser allgemeinen Richtung nachgab dass diesem aber die Liebe nicht als unumgänglich nothwendig für das Drama schien, zeigen seine beiden letzten Werke, welche den veränderten Verhältnissen am Hofe, wo mit dem reiferen Alter des Königs sich auch strengere Sitten einstellten, Rechnung tragen. Mit größerem Erfolge gelang es dem Dichter, die Consequenz in seinen Charakteren durchzuführen. Die scheinbaren Widersprüche im Verhalten des Achilles und Agamemnon verschwinden, wenn wir uns die Grundzüge ihres Charakters vor Augen halten. Jugendlicher Ungestüm und Unentschlossenheit lassen manche Handlung zu, die bei ruhiger Überlegung und Entschlossenheit nicht möglich wäre. Allerdings sind energische Charaktere vorzuziehen, da sie besonders geeignet sind, dramatische Spannung und Interesse an der Handlung zu erwecken. In dieser Hinsicht entspricht Iphigenie mehr, obwohl gerade sie durch ihren zu raschen Entschluss zu sterben besonders Anlass zu Aussetzungen bietet; sobald sie aber einmal einen Entschluss gefasst hat, lässt sie sich durch nichts mehr davon abbringen und führt ihn mit aller Entschiedenheit durch. IV. Ohne auf Einzelheiten in der Sprache und im Versbau einzugehen, muss hervorgehoben werden, dass die „Iphigenie" des Racine hierin viele Vorzüge aufweist. Das zeigt besonders eine Vergleichung mit seinen früheren und namentlich mit den Werken seiner Zeitgenossen und ist auch jederzeit allgemein anerkannt worden. Wenn der Sprache Racines ein Übermaß an pomphaften und bilderreichen Ausdrücken vorgeworfen wird), so gilt dies wenigstens für die Iphigenie nicht. Hier vereinigt sich größter Wohllaut mit Natürlichkeit und Einfachheit des Ausdrucks, so dass dieses Werk der „Athalie“, dem vollendetsten Werke des Dichters, sehr nahe kommt. Selbst bei strenger Prüfung finden sich nur wenige Stellen, die nicht ganz befriedigen. Als gegen den Wohllaut verstoßend müssen angesehen werden: Dans les champs phrygiens les effets feront foi (I, 2, 35), Que prétend mon sacrilège zèle? (IV, 8. 12) und et que tout le camp croie (IV, 10. 9). Es sind auch in diesem Drama bildliche Ausdrücke und Redefiguren in größerer Anzahl, doch keinesfalls in übermäßiger Weise vorhanden, und sie gehen nicht über die Freiheiten hinaus, die jedem Dichter gestattet sein müssen und selbst der Prosa eigen sind; nur die Verse: Du coup qui vous attend vous mourrez moins que moi (IV, 4. 77) und Mourrai-je tant de fois sans sortir de la vie ! (V, 4. 7) erinnern noch stark an die damals beliebte metaphorische Sprache. Auf der Bildlichkeit des Ausdrucks beruht ein großer Theil der Schönheit dieses Dramas, und namentlich die zahlreichen Antithesen verleihen der Sprache desselben eine besondere Wirkung. Von Sentenzen macht der Dichter nur mäßig und durchaus richtig Gebrauch; es lassen sich davon die folgenden anführen: *) Vgl. S. 4.

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