26 Gardez donc de donner, ainsi que dans Clélie, L'air, ni l’esprit français à l’antique Italie ; Et, sous des noms romains faisant notre portrait, Peindre Caton galant et Brutus dameret. (L'Art poétique, ch. III, v. 113 — 118). Damit steht vollständig im Widerspruch, wenn er in den bereits (S. 11) ange¬ führten Versen verlangt, dass sich die Dichter bei der Schilderung ihrer Helden nur nach dem Könige richten mögen. Auch Lessing, der für das Lustspiel einheimische Sitten fordert, findet dieselben in der Tragödie zuträglicher und führt an, dass die Griechen nie andere als ihre eigenen Sitten ihren Werken zugrunde gelegt. *) Taine rechnet es Racine geradezu als Verdienst an, dass er unter Namen des Alterthums die Höflinge Ludwig XIV. geschildert hat und weist nach, dass das Theater eigentlich stets die Sitten seiner Zeit dargestellt hat. 2) Welche Bedeutung der Liebe und Galanterie beigelegt wurde, ergibt sich aus den Werken, welche zu jener Zeit den größten Beifall fanden und die Geschmacksrichtung am deutlichsten zum Ausdrucke bringen. Während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts beherrschten der Schäferroman „Astrée“ von Honoré d'Urfé und seine Nachahmungen die ganze vornehme Gesell¬ schaft. Dieselben konnten selbst nicht durch die Romane der Madeleine de Scudéry und die Novellen der Mme de La Fayette, welche später besonders beliebt wurden, ganz verdrängt werden. In allen diesen Werken spielt die Liebe die Hauptrolle und werden die Gesetze der Galanterie entwickelt. Bis zu welchen Geschmacksverirrungen es kam, zeigt die „Carte du Tendre“, eine Landkarte, welche Scudéry in ihrem Roman „Clélie“ vom „Reich der Liebe und echten Galanterie“ entwarf, und auf welcher alle Wege angegeben waren, welche zur Hauptstadt des Landes „Tendre sur Inclination“ führen sollten, und die Anschauung, „dass ein Held ohne Liebe nur ein halber Held sei und ein wahrhaft ritterlicher Mann lieben und im Dienste der Liebe das Kühnste wagen müsse.“ *) Derselbe galante Geist herrscht auch in den Dramen jener Zeit, und die Liebe spielt darin eine ähnliche Rolle wie in den Romanen. Dies gilt sowohl für die Werke Quinaults und seiner Nachahmer als auch selbst für die Corneilles, obwohl derselbe wenig mit dem herrschenden Geschmacke einverstanden war und sich darüber beklagte. *) Selbst Boileau, der sonst mit aller Strenge gegen Geschmacksverirrungen kämpfte, billigte nicht nur die Einführung der Liebe, sondern nahm sich derselben noch warm an: Bientôt l'amour, fertile en tendres sentiments, S'empara du théâtre, ainsi que des romans. De cette passion la sensible peinture Est pour aller au cœur la route la plus sûre. Peignez donc, j'y consens, les héros amoureux ; Mais ne m'en formez pas des bergers doucereux Qu'Achille aime autrement que Thyrsis et Philène ; N'allez pas d'un Cyrus nous faire un Artamène Et que l'amour, souvent de remords combattu, Paraisse une faiblesse et non une vertu. Je ne suis pas pourtant de ces tristes esprits Qui, banissant l’amour de tous chastes écrits, ’) Hamburgische Dramaturgie, St. 97. 2) Taine a. a. O. S. 184. 3) Vgl. Lotheissen a. a. O. III. S. 77 und 249. *) Deltour, S. 8 f. und 380; Corneille, Discours du poème dramatique, S. 24.
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