25 Aus dieser Charakterschilderung ergibt sich, dass der Dichter alle Personen mit derselben Sorgfalt behandelt hat; es lässt sich jedoch nicht leugnen, dass ihm auch hier wie in seinen anderen Dramen die weiblichen Charaktere besser gelungen sind. Damit ein Charakter entspreche, muss er nach den Lehren des Aristoteles *) und Lessing „sittlich tüchtig, angemessen, in Übereinstimmung mit der Überlieferung und consequent sein. Sittlich tüchtig ist derselbe, wenn er einen sittlich guten Endzweck bei seinem Thun vor Augen hat. 2) Da es der Zweck der Tragödie ist, „durch Mitleid und Furcht die Läuterung der Empfindungseindrücke dieser Art zu bewirken, das Leiden des ganz tugendhaften Menschen aber ebensowenig wie das des ganz lasterhaften dazu geeignet ist, so kann nur eine tugendhafte Person, die durch irgendeine Schwäche oder einen Fehler leidet, diesem Zwecke dienen. 2) Dieser Anforderung, welche jedoch nur für die Hauptpersonen der Tragödie gilt, entspricht bei genauer Betrachtung selbst Iphigenie. So vollkommen sie auch scheint, so ist sie doch nicht ganz ohne Schwächen: durch ihre Empfindlichkeit benimmt sie Achilles die Möglichkeit, sie von seiner Liebe zu überzeugen, ihre Eifersucht treibt sie zu Beleidigungen und gibt Eriphile Anlass zur Rache, und ihr unnatürliches Streben nach Ruhm lässt sie noch die letzten Vorschläge zu ihrer Rettung ausschlagen. In ähnlicher Weise hat auch Achilles seine Fehler: seine leichte Erregbarkeit und die unüberlegte Frage bei ihrer ersten Begegnung nähren die Eifersucht der Iphigenie, und sein Ungestüm bringt diese ihrem Untergange immer näher. Der nächste Punkt betrifft die Angemessenheit, welche verlangt, dass jeder Person der ihrer Stellung und ihren Lebensverhältnissen entsprechende Charakter zukomme und dadurch wahr und natürlich erscheine. In dieser Hinsicht befriedigen die Charaktere dieses Stückes nur zum Theil. Wenn man selbst berücksichtigt, dass die Ideale, welchen ein Volk nachstrebt, mit der Zeit wechseln, und dass manches, was zur Gewohnheit geworden, leicht als natürlich erscheinen kann, so wird die Zeichnung der Iphigenie noch immer unnatürlich bleiben. Es ist nicht glaublich, dass ein junges Mädchen, welches sich der Erfüllung seiner Wünsche so nahe sicht, mit solcher Selbstbeherrschung eine so gewaltige Änderung in seinem Schicksale erträgt, nur aus Gehorsam gegen seinen Vater und im Streben nach Ruhm ohne jede Klage dem Tode entgegengeht und noch den Muth hat, seiner ganz vergessend, sich theilnahmsvoll nur mit dem Lose anderer zu beschäftigen. Iphigenie zeigt dabei einen Heldenmuth, der wohl für einen Mann passen würde, dessen aber selbst Agamemnon nicht fähig ist, und den daher seine wiederholten Klagen und sein fortwährendes Schwanken, das ihn von jeder entscheidenden That abhält, noch unmännlicher erscheinen lassen. Noch weniger ist die Forderung beobachtet, dass die Charaktere mit der Überlieferung übereinstimmen sollen. Racine nahm wohl darauf Rücksicht, doch fügte er seinen Personen viele Eigenthümlichkeiten seiner Zeit hinzu. Indem er namentlich Iphigenie so leicht auf ihr Leben verzichten ließ und die Galanterie und Liebe einführte, schuf er ganz moderne Menschen. Wir dürfen jedoch deshalb den Dichter nicht zu streng beurtheilen. Obwohl die Beobachtung der „Localfarbe vielseitig gefordert und ihm häufig der Vorwurf gemacht wurde, dass er unhistorisch sei, so gibt es darüber doch ganz sich widersprechende Anschauungen. *) Ganz deutlich spricht Boileau diese Forderung aus: Des siècles, des pays, étudiez les mœurs : Les climats font souvent les diverses humeurs. *) Poetik, Cap. XV. 2) Eb. Anmerkung 2) Vgl. Aristoteles, Cap. XIII, 2 und Lessing a. a. O. St. 82. *) Vgl. Deltour, S. 149 f.; Corneille, Discours du poème dramatique und Discours de la tragédie, Œuvres de Corneille par Marty-Laveaux, B. I, S. 37 und 75.
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