24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

23 Als Achilles ihm Vorwürfe macht, dass er seine Tochter opfert, macht er alle anderen, namentlich ihn dafür verantwortlich, sich selbst hält er aber für schuldlos (IV, 6. 36—46). Einen wohlthuenden Gegensatz zur Unentschlossenheit des Agamemnon bildet die Sicherheit, mit welcher Achilles auftritt. Dieser erscheint hauptsächlich als galanter Liebhaber, der, seiner Jugend entsprechend, mit allem Ungestüm auf sein Ziel losgeht. Kaum hat er von dem Gerüchte erfahren, dass Iphigenie seinetwegen nach Aulis kommen soll und die Verbindung mit ihm nahe bevorstehe, so eilt er, um sich darüber Gewissheit zu verschaffen (I, 2. 13 — 18). Alle Einwendungen und selbst der Hinweis auf die Bedrängnis des Vaterlandes vermögen ihn dann nicht, in eine Verschiebung dieser Verbindung zu willigen (I, 2. 43—48); er ist daher auch auf das äußerste betroffen, als Iphigenie vor ihm flieht (II. 7. 1, 2). Da er irgend¬ ein Missverständnis vermuthet, ruht er nicht, bis sich dieses gelöst hat und Iphigenie, die inzwischen mit ihrer Mutter Aulis verlassen hat, wieder zurückkehrt und er die Einwilligung zu ihrer Verbindung von Agamemnon erhält (II, 7; III, 1; 3). Mit aller Entschiedenheit erklärt er diesem, nur aus Liebe zu Iphigenie gegen Troja zu ziehen, und als sie sich entzweit, nur mit Rücksicht auf seine Tochter ihn zu schonen (IV, 6. 78; 95—98). Als Eriphile seine Liebe zu Iphigenie für erloschen hält, gesteht er offen, dass er sie mehr wie je liebe (II, 7. 16—18). Am deutlichsten äußert sich seine Leidenschaft für Iphigenie in der 2. Scene des V. Actes, wo er sich erbietet, sie zu beschützen, und nachdem sie seine Hilfe abgelehnt, unter Drohungen, auch gegen ihren Willen für sie zu kämpfen, davoneilt. Wie sehr ihn die Liebe beeinflusst, zeigt sich bei den verschiedensten Anlässen. Für gewöhnlich weiß er sich zu beherrschen, ist gefällig und kann selbst bis zum Übermaß höflich werden. Mit wenigen galanten Worten erklärt er Iphigenie seine Liebe und gewährt bereitwillig ihre Bitte, die Freilassung der Eriphile (III, 4. 1—3; 43—46). In gleicher Weise sagt er ihr wiederholt, welche Bedeutung sie für ihn habe (III, 6. 23, 24; V. 2. 19, 20). Er hält die Mittheilung, dass Agamemnon die Opferung seiner Tochter beabsichtige, für ein leeres Gerücht, und mit aller Zurückhaltung tritt er anfangs vor diesen, um sich darüber Gewissheit zu verschaffen (IV, 6). Wie weit er in seiner Galanterie gehen kann, ergibt sich aus den Worten, mit welchen er Eriphile, seine Sclavin, förmlich um Verzeihung bittet, dass er vor ihr zu erscheinen und sie um Auskunft zu bitten wagt (II. 7. 3—7). Sehr leicht lässt er sich jedoch aus seiner Ruhe bringen und zu unüberlegten Handlungen hinreißen, und als sich seiner Liebe Hindernisse in den Weg stellen, vergisst er alle Rücksichten, und nichts vermag, seine Erregung und Heftigkeit zu hemmen. Da er Iphigenie fern von Aulis glaubt, begeht er, sobald er sie erblickt, die Taktlosigkeit, seine Verwunderung über ihre Anwesenheit auszudrücken, so dass sie sich gereizt entfernt (II, 6). Als er von der beabsichtigten Opferung der Iphigenie hört, lässt er seinem Zorne, unbekümmert um alle ihre Bitten für ihren Vater, freien Lauf, droht diesem selbst mit seiner Rache (III, 6), und bei ihrem Zusammentreffen führt seine Heftigkeit zu ihrer vollständigen Entzweiung und vergrößert dadurch noch die Gefahr für Iphigenie (IV, 6; 7). Nur Ehre und Ruhm üben auf ihn einen fast gleichen Einfluss wie die Liebe. Keine Bedenken, selbst nicht der sichere Tod, können ihn von dem Zuge gegen Troja abhalten (I, 2. 91 — 100). Die Macht des Ruhmes trägt sogar für einige Zeit den Sieg über seine Liebe davon, und er ist damit einverstanden, dass seine Verbindung mit Iphigenie noch verschoben werde (I, 2. 111—116). Jeden Makel an der Ehre empfindet er daher aufs heftigste, selbst wenn es sich um die Ehre anderer handelt, und er drängt mit Ungestüm auf Beseiti¬ gung desselben. Erstaunt fragt er, als Agamemnon den Rachezug gegen Troja aufgeben will: Ainsi, pour vous venger, tant de rois assemblés D’un opprobre éternel retourneront comblés ; Et Paris, couronnant son insolente flamme, Retiendra sans péril la sœur de votre femme? *) Iphigenie 1, 2. 67—70.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2