24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

22 79—82). Ebenso fasst er, nachdem er schon den Plan der Opferung aufgegeben, wieder den Beschluss, sie doch zu opfern, und als endlich die Kindesliebe siegt, verlangt er wenigstens, dass Iphigenie auf Achilles verzichte, um nur nicht den Schein der Schwäche aufkommen zu lassen (IV, 7. 38; IV, 8. 20—27). Besonders treffend schildert seine Herrschsucht Clytämnestra in den Worten: Cette soif de régner, que rien ne peut éteindre, L'orgueil de voir vingt rois vous servir et vous craindre, Tous les droits de l'empire en vos mains confiés, Cruel ! c’est à ces dieux que vous sacrifiez; Et, loin de repousser le coup qu'on vous prépare, Vous voulez vous en faire un mérite barbare. Trop jaloux d’un pouvoir qu'on peut vous envier, De votre propre sang vous courez le payer, Et voulez, par ce prix, épouvanter l'audace De quiconque vous peut disputer votre place. *) Im übrigen richtet er sein Verhalten jedesmal ganz nach dem Gefühle, zu welchemer sich gerade mehr hinneigt. Vertrauensvoll wendet er sich an die Götter, um den Grund der langen Windstille zu erfahren (I, 1. 5154); als aber ihre Antwort nicht nach seinem Wunsche ausfällt, lehnt er sich offen gegen sie auf (I, 1. 67, 68). Einmal lässt er sich durch die Furcht vor ihrer Strafe bestimmen, die Opferung seiner Tochter anzuordnen, ein anderesmal, als das Verlangen, sie zu retten, überwiegt, fürchtet er ihre Strafe, wenn er dieselbe zu vollziehen wagte (I, 1. 83 — 88. 121—124). Überzeugt von seiner Ohnmacht, ergibt er sich in ihren Willen; nach seinem Entschlüsse, sie zu retten, verlangt er jedoch, dass sie das Opfer von ihm noch einmal fordern (I, 5. 29, 30; IV, 9). Er preist jene glücklich, welche im verbor¬ genen leben, und beklagt das Los der Mächtigen (I, 1. 10—13; I, 5. 38). Jedoch entschließt er sich zu dem größten Opfer, um sich in seiner Stellung zu behaupten, und geblendet durch den Reiz derselben, geht er bis zu größter Rücksichtslosigkeit, indem er selbst kommt, um seine Tochter zum Opferaltare zu führen (IV, 3), und noch von ihr verlangt, dass sie bei ihrem Tode auf ihren Rang Rücksicht nehme (IV, 4. 75—81). Wenn es gilt, seine Tochter zu retten, so zeigt er sich unent¬ schlossen; sobald aber sein Entschluss gefasst ist, sie zu opfern, tritt er mit aller Entschiedenheit gegen Clytämnestra und selbst gegen Achilles auf (III, 1; IV, 6). Um das Ziel, welches er gerade anstrebt, zu erreichen, ist er nicht um Mittel verlegen: durch List lockt er Iphigenie nach Aulis (I, 1. 91—96) und greift zu Verstellung, Verdächtigung und allen möglichen Ausflüchten, wenn es seinen Zwecken dient. Als Achilles sich erkundigt, was an dem Gerüchte von der Ankunft der Iphigenie sei, stellt er sich, als ob er von nichts wüsste, und fragt verwundert: Ma fille? Qui vous dit qu’on la doit amener ? 2) Um ihn von dem Plane, gegen Troja zu ziehen, abzubringen, macht er ihn auf die Voraussagung aufmerksam, nach welcher er dort den Tod finden soll, und hält durch die Verwüstung von Lesbos Griechenland für genügend gerächt (I, 2). Nach¬ dem er seine Maßnahmen getroffen, damit Iphigenie nicht nach Aulis komme, erklärt er dem Ulysses, seine Tochter zu opfern, wenn sie ankäme, aber es als die Hilfe eines gütigen Gottes anzusehen, wenn ihre Ankunft verhindert würde (I, 3. 53 — 60). Um ungehindert seine Tochter opfern zu können, sucht er, Clytämnestra von dem Altare fernzuhalten, und schildert ihr, wie unpassend es für sie wäre, dort inmitten des Heeres zu erscheinen (III, 1. 1928). Er scheut nicht davor zurück, andere zu verdächtigen, um Iphigenie zur Rückkehr nach Argos zu bewegen (I, 1. 153—156). *) Iphigenie IV, 4, 122—131. 2) Iphigenie I, 2, 19.

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