24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

21 Als der am besten gezeichnete Charakter dieses Stückes gilt Clytämnestra. Sie erweist sich vor allem als sorgsame Mutter, die für ihr Kind lebt, mit ihm leidet und sich freut. Es schmeichelt ihrer Eitelkeit, Iphigenie dem Achilles zur Gattin zu geben (II, 4. 17, 18). Alle Vorstellungen Agamemnons, sie von den Feierlichkeiten am Altare fernzuhalten, sind daher vergeblich, und erregt ruft sie ihm zu: Qui ? moi que, remettant ma fille en d’autres bras, Ce que j'ai commencé, je ne l’achève pas ! Qu'après l’avoir d’Argos amenée en Aulide, Je refuse à l'autel de lui servir de guide ! Dois-je donc de Calchas être moins près que vous? Et qui présentera ma fille à son époux ? Quelle autre ordonnera cette pompe sacrée? *) Seinem wiederholten Wunsche, hierin nachzugeben, stellt sie die eindringliche Bitte entgegen,ihr diesen Anblick nicht zu rauben (III, 1. 45—47). Erst seinem ausdrücklichen Gebot fügt sie sich, alle anderen Bedenken unterdrückend, aus Freude über das Glück ihrer Tochter (III, 2. 9—12). Bei der Nachricht, dass Achilles seine Gesinnung geändert, erwacht mit aller Entschiedenheit ihr beleidigter Stolz, und voll Erbitterung fordert sie ihre Tochter auf, nach Argos zurückzukehren und Achilles, dem Sohne einer Göttin, der für sie nun der letzte der Menschen geworden, ihre ganze Verachtung zu zeigen (II, 4. 1, 2; 14; 21, 22). Als sie von dem Vorhaben des Agamemnon, Iphigenie zu opfern, erfährt, bietet sie alles auf, sie zu retten: sie vergisst alle Rücksicht und fällt Achilles zu Füßen, um ihn um seinen Beistand anzuflehen (III, 5. 32—36). Sie will zu Agamemnon und das Opfer verhindern oder ihrer Tochter im Tode vorausgehen (III, 5. 48—52). Als Agamemnon selbst kommt, um seine Tochter abzuholen, ruft sie dieselbe mit Worten bittersten Spottes herbei (IV, 4. 1—3). Jndem sie ihm dann namentlich seine Herrschsucht vorwirft und sogar an der Wahrheit des Orakelspruches zweifelt, überschüttet sie ihn in einer der bewegtesten Scenen (IV, 4. 82 — 141) mit einer wahren Flut von Schmähungen und ist entschlossen, Iphigenie aufs äußerste zu vertheidigen (IV, 4. 142—147). Sie ist selbst bereit, sich dem ganzen Heere entgegenzustellen, weicht nur der Gewalt, und als sie noch die Nachricht von dem Verrathe der Eriphile erhält, steigert sich ihre Erbitterung aufs höchste, und in ihrem wahnsinnigen Schmerze fleht sie die verdiente Strafe der Götter auf sie herab (V, 3; 4). Viel Schwierigkeit bietet bei der Beurtheilung der Charakter des Agamemnon. Auffallend ist besonders seine Unentschlossenheit, welche eigentlich alle Conflicte, zu welchen es in diesem Drama kommt, herbeiführt. Durch das häufige Schwanken desselben erscheint aber die ganze Darstellung oft sehr unsicher; doch zwei Charakterzüge treten aus seiner unsicheren Haltung deutlich hervor, die Liebe zur Macht und zu seiner Tochter. Zwischen diesen beiden Gefühlen schwankt er beständig, doch so, dass sich die Kindesliebe schließlich als mächtiger erweist. Diese äußert sich bei jeder Gelegenheit, vor allem in der Wirkung, welche der Orakelspruch auf ihn ausübt (I, 1. 63—70). Sie zeigt sich in der großen Niedergeschlagenheit, welche sich seiner bei der Begrüßung der Iphigenie bemächtigt (II, 2.), und er spricht es selbst deutlich aus (I, 1. 117, 118; IV, 4. 58—65). Es beweisen sie alle seine Bemühungen, seine Tochter noch zu retten. Die Liebe zu seinem Kinde überwindet auch nach längerem Schwanken seinen Arger über Achilles, und nachdem er schon beschlossen hatte, sie zu opfern, und schon den Befehl dazu ertheilen will, trifft er Anstalten zu ihrer Rettung (IV, 8. 18—20). Mit ähnlicher Gewalt erfüllt ihn die Liebe zur Macht. Welchen mächtigen Reiz diese auf ihn ausübt, so dass er sich durch Ulysses überreden lässt, seine Tochter dem Tode zu weihen, zeigt sein eigenes Geständnis (I, 1. *) Iphigenie III, 1. 29—35.

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