24. Jahresbericht der k. k. Staats-Oberrealschule in Steyr, 1894

20 Sie beruhigt ihn, als er durch Arcas seinen Plan verrathen sieht, und erklärt sich immer bereit, auf seinen Wunsch in den Tod zu gehen (IV, 4. 10 — 17). Ent¬ setzt weist sie Achilles zurück, der sie auffordert, ihm gegen den Willen ihres Vaters zu folgen, und glaubt, schon zu arg zu fehlen, dass sie ihn anhört (V. 2. 59—61, 70—80). Besonders eigenthümlich sind ihr die stete Rücksicht auf andere, die sich bis zu wahrer Aufopferung erhebt, und die Geringschätzung des Lebens, selbst dann, als sie sich von Achilles geliebt weiß. Bei der Nachricht von ihrer bevorstehenden Opferung bricht sie in keine Klage aus und äußert nur einzelne Worte der Verwunderung: Mon père ! Ciel pour tant de rigueur, de quoi suis-je coupable ? Et voilà donc l’hymen où j’étais destinée !) Kurz darauf vertheidigt sie ihren Vater gegen die Angriffe des Achilles (III, 6), bittet ihre Mutter, diesen zurückzuhalten (III, 7), und sie rühmt sich selbst vor Achilles ihrer Kaltblütigkeit (III, 6. 85—87). Als sie doch einige Versuche macht, sich zu retten, wehrt sie sich gleich gegen den Verdacht, dass sie es nur aus Furcht vor dem Tode thue, und lässt als einzigen Grund nur die Rücksicht auf ihre Mutter und ihren Geliebten gelten (IV, 4. 38—45). Nach den Drohungen des Achilles sehnt sie aus Besorgnis um andere selbst ihren Tod herbei (V. 2. 98—100). Am meisten gelten ihr Ehre und Ruhm. Wenn sie zu leben wünscht, ist es nur aus Rücksicht auf die Ehren, die ihr bevorstehen (IV, 4. 21—23). Den Bitten des Achilles, sich am Leben zu erhalten, stellt sie die Nothwendigkeit ihres Todes entgegen, um seinem Ruhm nicht hinderlich zu sein (V. 2. 25—28). Ihr Streben nach Ruhm lässt sie selbst grausam erscheinen, wenn sie Achilles auffordert, ihren Tod die Frauen Trojas entgelten zu lassen (V. 2. 33—46). Im vollständigen Gegensatz zu Iphigenie stellt der Dichter Eriphile dar. Auch sie ist von hoher Herkunft, kennt aber ihre Eltern nicht; das lässt sie jedoch gleichgiltig. Nur die Liebe zu Achilles und das Streben, das Glück der Liebenden zu stören, führen sie nach Aulis, und sie benützt bloß die Gelegenheit, Auskunft über ihre Abstammung zu erhalten, als Vorwand (II, 1. 122 — 128). In ihrer Liebe, die sie im geheimen nährt, ist sie ohne Maß und jede Rücksicht: sie liebt Achilles, der Lesbos verwüstet und sie zur Sclavin gemacht, den sie daher nur hassen sollte (II, 1. 77—82). Eine Verbindung des Achilles mit Iphigenie bedeutet für sie ihren Untergang (II, 1. 129 — 134). Ihre unsinnige Leidenschaft entfacht ihren Neid und treibt sie bis zu Treulosigkeit und offenem Verrath. Schon der Anblick fremden Glückes macht sie traurig (II, 1. 23—26). Als sie die Aussichtslosigkeit ihrer Liebe sieht, gönnt sie niemand, selbst nicht ihrer aufrichtigen Freundin, dieses Glück (II, 1. 109—114). Sie beneidet selbst Iphigenie noch um ihr Los, als diese geopfert werden soll (IV, 1. 7—21). All ihr Sinn ist darauf gerichtet, diese zu verderben, und sie scheut selbst nicht vor Verrath zurück (IV, 1. 44—48; 59, 60; IV, 11, 6). In dieser Treulosigkeit wird sie noch bestärkt durch die Aussicht auf den Dienst, den sie durch ihren Verrath Troja erweisen würde (IV, 1. 49 — 56). Ihre Falschheit zeigt sich ganz besonders auch in der Ruhe, mit welcher sie die Schmähungen der Iphigenie über sich ergehen lässt und entschuldigt (II, 5. 45 — 54). Kaum ergibt sich aber Gelegenheit zur Rache, so ergreift sie dieselbe und freut sich, dass das Glück ihrer Freundin bedroht ist (II, 8). In allem, was sie thut, tritt sie mit aller Entschiedenheit auf: sie ist entschlossen, Iphigenie zu vernichten oder selbst zu sterben (IV, 11, 5); als sie sich durch den Ausspruch des Calchas für verloren hält, zögert sie daher keinen Augenblick und beschließt freiwillig ihr Leben (V. 6. 53 — 55). *) Iphigenie III, 5. 16, 26, 29.

RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2