19 spricht sie nur von der Freude, welche diese neue Würde ihr bereitet, und preist sich glücklich, die Tochter eines solchen Vaters zu sein (II, 2. 9 —16). Als sie seinen Kummer sieht, hält sie ihn als Folge dieses neuen Ranges und bittet ihn, denselben wenigstens einen Augenblick vor ihr zu vergessen (II, 2. 28). Die Sorge um Anstand und Würde verlässt sie keinen Augenblick; kurz bevor sie zum Altare geht, fleht sie ihre Mutter an: N'allez point dans un camp, rebelle à votre époux, Seule à me retenir vainement obstinée, Par des soldats peut-être indignement traînée, Présenter, pour tout fruit d’un déplorable effort, Un spectacle à mes yeux plus cruel que la mort.) Ihr Streben, stets Würde und Anstand zu wahren, legt ihr die größte Zurückhaltung auf und lässt sie geradezu geziert erscheinen, als sie ihren Vater von dem Plane, sie zu opfern, abzubringen sucht und mit den Worten schließt: Pardonnez aux efforts que je viens de tenter Pour prévenir les pleurs que je leur vais coûter.) Die Meinung anderer gilt ihr daher auch sehr viel; es berührt sie deswegen höchst unangenehm, dass Eriphile anwesend ist, als sie so kalt von ihrem Vater behandelt wird (II, 2. 30—35). Entsetzt ruft sie Achilles, der sie zwingen will, ihm zu folgen, zu: Quoi, seigneur ! vous iriez jusques à la contrainte ? D'un coupable transport écoutant la chaleur, Vous pourriez ajouter ce comble à mon malheur ? Ma gloire vous serait moins chère que ma vie ?) Mächtig ist ihre Liebe zu Achilles; sie gesteht offen Eriphile, welche Macht dieser auf sie ausübt, und mit welcher Sehnsucht sie ihn erwartet (II, 3. 25—30). Sie ist stolz darauf, dass er nur ihr zuliebe gegen Troja ziehe (II, 3, 40—46). Als sie sich in ihrer Liebe getäuscht glaubt, erwacht ihre Eifersucht, sie lässt sich zu Verdächtigungen, den heftigsten Schmähungen und selbst zu Drohungen gegen ihre Freundin hinreißen (II, 5.) und entflieht gereizt vor Achilles. Da dieser später an ihrer Liebe zweifelt, schildert sie ihm, wie unglücklich sie durch die Nachricht von seiner Untreue wurde, und vermuthet sogar, dass ihr übermäßiges Glück über seine Liebe die Ursache ihres jetzigen Unglückes geworden (III, 6. 87 — 98). Das Verbot ihres Vaters, je wieder mit Achilles zu sprechen, ist ihr gleichbedeutend mit dem Tode (V, 1). Ihr edles Herz zeigt sich in dem Streben, begangenes Unrecht sogleich wieder gutzumachen: kaum hat sie sich überzeugt, dass ihr unfreundliches Verhalten gegen Eriphile unbegründet war, so beeilt sie sich, ihr Unrecht einzugestehen und ihre Freilassung zu erbitten (III. 4). Obgleich Eriphile sie verrathen, so ist sie die einzige, die ihren Tod beweint (V. 6. 70, 71). Geradezu rührend ist ihre Liebe zu ihrem Vater, die auch nicht im geringsten durch die Nachricht von ihrer bevorstehenden Opferung erschüttert wird. Sie vertheidigt ihn aufs nachdrücklichste gegen die Schmähungen des Achilles (III. 6) namentlich sucht sie, eine Begegnung zwischen ihnen zu vermeiden, bittet noch für ihren Vater und versucht, bevor sie zum Altare geht, sein Verhalten gegen sie zu entschuldigen (V, 3. 37, 38, 42). Sein Wille geht ihr über alles: als sie bei ihrer Ankunft seine Zurückhaltung bemerkt, fragt sie besorgt: Avons-nous sans votre ordre abandonné Mycène ?) *) Iphigenie V, 3. 28—32. 2) Iphigenie IV, 4. 52, 53. 3) Iphigenie V, 2. 70 - 74. *) Iphigenie II, 2. 24.
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