15 Lehren verfolgt wurden.1) Jedenfalls ergibt sich aus dem Angeführten seine Vorliebe, überall, wo es ihm thunlich schien, seine Lehren und Ermahnungen anzubringen. Berücksichtigt man die Zeit, in welcher die „Iphigenie" entstand, so wird es nicht schwer sein, die Idee, welche diesem Drama zugrunde liegt, zu erkennen. „Iphigenie" wurde das erstemal zu Versailles den 18. August 1674 aufgeführt, als der König siegreich aus der Franche-Comté zurückkehrte. Seit dem Jahre 1668 stand Lud¬ wig XIV. mit der Marquise de Montespan in Verbindung. Dieses Verhältnis war mit der Zeit immer mehr ärgerniserregend geworden und führte so weit, dass ihr Gemahl wegen seiner Eifersüchteleien zuerst in die Bastille gesperrt und hierauf nach Guyenne verbannt wurde. 2) Es wurden von verschiedenen Seiten Versuche gemacht, den König zur Änderung seiner Lebensweise zu bewegen. Bourdaloue, der seit Ende des Jahres 1670 wiederholt bei Hofe predigte, schilderte vor dem Könige in seinem „Sermon sur l’Impureté“, die Folgen des zügellosen Lebens in beredten Worten, so dass die Anspielung auf den König nur zu wohl verstanden wurde. 2) In einer weniger auffallenden, aber umso wirksameren Weise gieng Bossuet vor, dessen Bemühungen es endlich zustande brachten, dass der König zu Ostern des Jahres 1675 — allerdings nur für einige Zeit — diese Verbindung löste, und der in zwei Briefen *) auf eigenes Verlangen des Königs diesem Rathschläge ertheilte, um ihn von seiner unseligen Leidenschaft nachhaltig abzuwenden. Wenn man diese Thatsachen beachtet, so erscheint es nicht zu gewagt anzunehmen, dass auch Racine, der stets so innigen Antheil an dem Leben des Königs nahm, zu dieser Lösung beitragen wollte. Indem er ihm vorführte, zu welchem Opfer sich Agamemnon und Iphigenie aus Rücksicht auf Griechenland entschließen mussten, zeigte er, dass jeder Mensch, selbst der in höchster Stellung, für das allgemeine Wohl Opfer bringen müsse, und legte ihm damit den vielseitigen Wunsch nach Lösung des ärgerniserregenden Verhältnisses mit Frau von Montespan nahe. Eine Anspielung darauf liegt auch in dem Tadel, welchen Ulysses gegen Achilles ausspricht, dass er nur an seine Liebe denke, während ganz Griechenland von großem Unglücke bedroht sei, und in der Klage des Achilles, dass seine Liebe so vielseitig bekämpft werde. 5) II. Bevor in die Einzelheiten des Baues der „Iphigenie" eingegangen wird, empfiehlt es sich, denselben zuerst im allgemeinen zu betrachten. In jedem Drama werden die Seelenvorgänge dargestellt, welche zur That treiben, und zugleich die inneren Bewegungen, welche diese That oder die anderer hervorbringen; es macht sich daher an jeder Stelle und im ganzen eine doppelte Richtung dramatischen Lebens bemerkbar, welche sich in Kampf und Gegenkampf, in Spiel und Gegenspiel äußert, wodurch das Drama sich in zwei Theile scheidet, die nebeneinander hergehen. Außer¬ dem wird jedes Drama nothwendig durch den Höhepunkt in zwei Haupttheile gegliedert. Je nachdem nun in dem ersten, dem aufsteigenden Theile der Handlung, die Spieler oder Gegenspieler vorherrschen, gestaltet sich der Bau eines Dramas verschieden. Wird den Gegenspielern die erste Stelle eingeräumt, so werden in den zweiten Theil, der sonst häufig an Spannung verliert, die lebhaftesten Kämpfe verlegt, und derselbe erhält dadurch bis ans Ende das Interesse der Zuschauer wach und ist besonders für große Erschütterungen geeignet; die Wirkung solcher Dramen wird jedoch häufig durch den unangenehmen Anblick beeinträchtigt, den die Hauptperson, die in ihren *) P. Albert, a. a. O. S. 324. 2) Dr. E. A. Schmidt a. a. O. S. 377. 3) Vgl. Nisard a. a. O. B. II, 372. *) Euvres complètes de Bourdaloue par Lachat, B. XXVI, Lettres diverses 41 und 42. 5) Iphigenie 1. 2, 23-29 und II. 7, 20-24.
RkJQdWJsaXNoZXIy MjQ4MjI2