14 N'a coûté tant de pleurs à la Grèce assemblée, Que dans l’heureux spectacle à nos yeux étalé En a fait sous son nom verser la Champmêlé. (Epitre VII, v. 1—6.) Zu dieser Wirkung tragen namentlich die folgenschweren Ereignisse bei, welche eine gänzliche Änderung in der Stellung der Heldin herbeiführen, die sogenannten tragischen Momente, deren es mehrere von großer Kraft in diesem Drama gibt: die Mittheilung von der Untreue des Achilles; die Nachricht von dem Vorhaben ihres Vaters, sie zu opfern; die Entzweiung desselben mit ihrem Geliebten und das daraus folgende Verbot, mit ihm je wieder zu verkehren, und die Erklärung, dass Eriphile eigentlich Iphigenie heiße und das von den Göttern verlangte Opfer sei. Nachdem die Handlung dieses Dramas nach den verschiedenen Seiten untersucht ist, drängt sich die Frage nach der Idee auf, welche derselben etwa zugrunde liegt. Es führt wohl zu weit, in jedem Drama die Darstellung irgendeiner sittlichen Wahrheit zu suchen; doch ist es kein Fehler, wenn sich dieselbe daraus ergibt. Die Dichtkunst ist von jeher ein Haupterziehungsmittel gewesen, oft mit der ausgesprochenen Absicht zu belehren und daher wegen dieser einseitigen Richtung von vielen getadelt, häufig auch nur nebenbei und zufällig so wirkend. „Sie hat in unzähligen Fällen seit Jahrtausenden das zu empfehlen gesucht und in glänzenden Farben dargestellt, was die Aufopferung in den Menschen verstärken und den Egoismus zurückdrängen konnte.“ 2) Das trifft besonders für das Drama zu, welches häufig, namentlich in seinen Anfängen oder wenn es unabhängig ist, bessernd einzuwirken sucht. 3) Es wäre zu verwundern, wenn Racine bei seinem Streben, in seinen Dramen das Leben Ludwig XIV. vorzuführen und ihm gelegentlich selbst Rathschläge zu geben *), sich hier hätte die Gelegenheit dazu entgehen lassen. Wenn auch Lotheissen die Deutungen, welche einzelne Stellen in den Werken Racines gefunden haben, nicht will gelten lassen), so lässt sich doch nicht leugnen, dass ein Dichter, der aufmerksam den Tagesereignissen folgt, sich nicht ganz denselben verschließen kann und daher, oft vielleicht ohne seine Absicht, sich Erinnerungen an dieselben in seinen Schriften finden werden. Bekannt sind besonders die Anspielungen in „Britannicus und in „Esther.“ Durch eine Stelle in „Britannicus“ (IV, 4, 81—88), in welcher der Dichter zeigt, wie unpassend es für Nero sei, an Schauspielen selbst sich zu betheiligen, wurde der König, der bis dahin gern in Balletten selbst mitwirkte, veranlasst, diese Gepflogenheit aufzugeben, und in „Esther“ lässt er das Bedauern über die Verfolgungen, welche die Aufhebung des Edicts von Nantes verursachte, ganz deutlich aussprechen. Auch in „Bérénice“ und namentlich in „Athalie“ hat man Andeutungen an das Leben des Königs und an das Schicksal seiner Nachkommen gefunden. *) Die letzteren sollen sogar die Missgunst des Königs herbeigeführt haben. Nach einer anderen Darstellung, welche wohl stark bekämpft wird, aber noch nicht ganz widerlegt und besonders bezeichnend ist für das Bestreben des Dichters, Übelstände abzuschaffen und Unrecht wieder gutzumachen, zog er sich die Ungnade des Königs zu, weil er für die Frau von Maintenon eine Denkschrift über das Elend des Volkes verfasste und der König davon Kenntnis erlangte, oder weil er denselben um Schutz für seine ehemaligen Lehrer in Port-Royal bat, die heftig wegen ihrer jansenistischen *) Lessing a. a. O. St. 11. W. Scherer, Poetik, S. 138. Gervinus, Geschichte der deutschen Dichtung, B. V, S. 558. *) Vgl. Nisard, Histoire de la littérature française, B. II, S. 372 f. 5) Lotheissen, a. a. O. B. IV, S. 195. 6) Deltour, S. 201 und 342.
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