11 des Staates durch glückliche Kriege gehoben. Alles blickte voll Verwunderung auf den jugendlichen Herrscher, durch dessen mächtigen Einfluss alles dieses geschaffen, und richtete sich nach ihm, der durch sein feines, abgemessenes Benehmen das Muster für die Etikette wurde, die durch seine Mutter und seine Gemahlin aus Spanien nach Frankreich verpflanzt worden war. *) Welche Bedeutung dem Könige von den Dichtern beigelegt wurde, zeigen einige Aussprüche aus jener Zeit: Racine spricht von dem Vergnügen, das die Abfassung des Wörterbuches den Mitgliedern der Akademie trotz der langweiligen Arbeit biete, da ihnen alle Wörter und Silben der Sprache als Mittel, welche dem Ruhme des Königs, ihres erlauchten Beschützers, dienen sollen, kostbar erscheinen; 2) Boileau, der strenge Richter in Geschmackssachen, findet in dem Könige den einzigen Gegenstand für seine Dichtung: J'amasse de tes faits le pénible volume, Et ma muse, occupée à cet unique emploi, Ne regarde, n’entend, ne connaît plus que toi. (Epître au roi, v. 62—64.) Er verlangt auch von den anderen Dichtern dieselbe Berücksichtigung des Königs und gibt ihnen entsprechende Weisungen: Muses, dictez sa gloire à tous vos nourrissons. Son nom vaut mieux pour eux que toutes vos leçons. Que Corneille, pour lui rallumant son audace, Soit encor le Corneille et du Cid et d'Horace ; Que Racine, enfantant des miracles nouveaux, De ses héros sur lui forme tous les tableaux; Que de son nom, chanté par la bouche des belles, Benserade en tous lieux amuse les ruelles; Que Segrais dans l’églogue en charme les forêts; Que pour lui l’épigramme aiguise tous ses traits. (L'Art poétique, ch. IV, v. 193—202.) Alle Umstände begünstigten die Forderung nach der Beobachtung der Einheit des Ortes. Racine beobachtet sie ebenso wie die Einheit der Zeit in seiner Iphigenie aufs genaueste; es tritt kein einziger Scenenwechsel ein, und die Handlung spielt sich innerhalb eines Tages ab. Auch die Einheit der Handlung ist gewahrt, die das erste dramatische Gesetz der Alten war, während die des Ortes und der Zeit nur aus jener folgen. 3) Racine, der stets besonders Gewicht auf die Einfachheit der Handlung in seinen Dramen legte, und dem daraus oft ein Vorwurf gemacht wurde, hat wohl dieselbe in diesem Drama durch Einführung der Eriphile aufgegeben; diese Erweiterung ist aber so innig mit der Haupthandlung verbunden und bereichert dieselbe durch das Streben der Eriphile, ihre Freundin ins Verderben zu stürzen, in das sie schließlich selbst geräth, wesentlich, ohne dass die einheitliche Entwicklung der Handlung gestört werde. Der Dichter gibt selbst in der Vorrede zu diesem Stück als Grund dafür an, dass er sich scheute, die Bühne mit dem Blute einer so tugendhaften und liebens¬ würdigen Person wie Iphigenie zu beflecken und die Lösung mit Hilfe einer Göttin und durch eine Verwandlung, die seinen Zeitgenossen zu unglaublich erschienen wäre, herbeizuführen, während Eriphile durch den Verrath an ihrer Freundin gewissermaßen ihr Schicksal verdiente. Weiter konnte er nicht gehen, wenn er nicht gegen die Lehren *) Vgl. Geschichte von Frankreich von Dr. E. Al. Schmidt, S. 375, und P. Albert a. a. O. Art. Le siècle de Louis XIV, II. 2) Vgl. P. Albert, S. 30. 3) Lessing, Hamburgische Dramaturgie, St. 46. *) Vgl. Deltour, S. 378.
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