75 Jahre Enrica von Handel-Mazzetti 1946
ners kleinere Chorwerke sowie besonders auch Chöre einheimischer Komponisten gepflegt. In den Palmsonntags-Konzerten außerhalb der Bruckner-Festkonzerte er¬ klangen die berühmtesten Oratorien. Als Höhepunkte derselben sind die Auf¬ ührungen von Liszts „Heilige Elisabeth“ und des Niesenoratoriums „Christus“ anzusehen. Das letzte Konzert, das Göllerich vor seinem Hinscheiden 1921 noch vorbereitete, war die Es-Dur-Messe von Franz Schubert, deren Aufführung am Palmsonntag zu seiner Totenfeier wurde. Das Wirken Göllerichs in Linz war die musikalische Glanzzeit der Landeshauptstadt. Göllerich hatte sich zum Grundsatz gemacht, zuerst durch Aufführung sämtlicher Werke Bruckners ganz in sein Werk einzudringen und dann erst als der vom Meister autorisierte Biograph in Erscheinung zu treten. Neben den vielen Be¬ tätigungen als Direktor, Lehrer, Chormeister, Pianist bemühte er sich eifrig, das nötige Material zur Bruckner-Biographie zusammenzubringen, ohne daß er die Möglichkeit fand, auch nur die nötigen Vorarbeiten dazu leisten zu können. Ledig¬ lich die Einführungen zu den Bruckner-Konzerten konnten als solche gelten. Trotz¬ dem fand er Zeit, Erinnerungen an Franz Liszt, dessen letzter Sekretär er in Bay¬ reuth war, und eine kleine Biographie Beethovens für die von Nichard Strauß herausgegebene Sammlung „Die Musik“ zu schreiben. Kurz vor seinem Tode beendete Göllerich den 1. Band der großen Bruckner-Biographie, der dessen Jugendzeit bis zum Eintritt als Lehrer in St. Florian behandelt. So gewissenhaft es von Göllerich war, sich durch genaueste Kenntnis der Werke Bruckners vorzubereiten, so nachteilig war es für das Erscheinen des ihm anvertrauten biographischen Werkes. Seit der Zeit, da Göllerich 1885 vom Meister zum Biographen autorisiert war, hatte sich bei der immer zunehmenden Pflege der Werke Bruckners auch im Publikum das Interesse um das Lebensschicksal des Meisters gesteigert und andere Forscher waren trotz des bei Göllerich ver¬ chlossenen authentischen Materials bestrebt, sein Leben zu erforschen. So bemühte ich Franz Gräflinger in Linz, Material aufzudecken, das er schließlich in seinen „Bausteinen“ und einer kleinen Biographie Bruckners veröffentlichte. Außerdem erschienen Rudolf Louis' Bruckner-Biographie und das Bekenntnisbuch von Ernst Decsey, während Max Auer, der Göllerich die Sichtung des biographischen Mate rials abgenommen hatte, sich moralisch gebunden sah, seine bereits 1912 fertig¬ gestellte Bruckner-Biographie zu veröffentlichen, wozu er sich erst nach Erscheinen des 1. Bandes von Göllerich 1921 entschloß. Diese im selben Jahre im Amalthea¬ Verlag erschienene Biographie, die auf dem authentischen Material beruhte, mußte nun die Lücke ausfüllen, bis die weiteren Bände zur großen Biographie von Göllerich-Auer 1937 endlich bei Gustav Bosse erschienen waren. Das Werk hatte ich inzwischen aus dem kleinen, schmalen Bändchen der Jugendzeit zur vierbän¬ digen grundlegenden Lebensbeschreibung des Meisters in 9 Büchern mit über 5000 Seiten ausgewachsen. Inzwischen ist auch die einbändige Biographie von Max Auer im musikwissenschaftlichen Verlag, neu bearbeitet, in fünf Auflagen erschienen. Diese musikliterarischen Arbeiten wurzelten noch in der letzten Kaiser¬ zeit, wurden durch den ersten Weltkrieg jahrelang unterbrochen, um kurz vor dem siebenjährigen Scheintod Österreichs vollendet zu werden. Göllerichs Nachfolge am Musikverein war eine so unglückliche, daß nach dem Weltkrieg sich die Linzer Musikfreunde im kleinen Vöcklabruck einfanden, um zur 104
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