75 Jahre Enrica von Handel-Mazzetti 1946

auf dem Papier mehr, als in der Wirklichkeit, ebenso wie ein Gedicht aus Worten und Sätzen besteht, die der Alltagsrede entsprechen, und dennoch ist das Gedicht mehr als diese Worte. Das Geheimnis der Kunst von Klemens Brosch besteht darin, daß er das Gehen selbst zu einer Kunst entwickelt hat, wie er anderseits den Strich seiner Feder zu einer Wissenschaft ausbildete. In der Umgebung von Linz konnte man ihn am Rand einer blühenden Wiese antreffen, indem er diese mit einem um den Kopf geschnallten Feldstecher betrachtete. Anderseits fanden ihn Freunde in seinem Atelier damit beschäftigt, einfach Striche nebeneinander auf ein weißes Blatt zu etzen, gerade Linien, Kurven, Schraffierungen, die in die Hunderte gingen. So vermochte er, gleich der Askese eines mittelalterlichen Mönchs oder den Übungen eines Yogi, die Kunst als einen Weg der Läuterung zu gehen. Sein starker Geist hat ihn bis zum Ende beschritten, der von Natur aus nicht minder kräftige junge Körper ist mitten auf ihm zusammgebrochen. * Wer die Werke der Malerei in den Galerien aufmerksam betrachtet, wird bemerken, daß zu allen Zeiten zwei verschiedene Kunstrichtungen unter den Malern bestanden, die eine strebt nach möglichst getreuer Wiedergabe der Wirklichkeit und nur nach dieser, die andre sucht die Wirklichkeit durch bestimmte Mittel der Kunst zu verändern, das heißt, sie stilisiert. Die weibliche Gestalt zum Beispiel wird in der Gotik zu einem überschlanken, ätherischen Wesen, in der Renaissance zu einer Göttin oder Heldin, im Barock zu einer üppigen Nymphe stilisiert, während die andere Kunstrichtung etwa einen Bauern zu allen diesen Stilepochen im Grunde gleich gemalt hat. Nealismus und Idealismus sind die beiden grundlegenden Nichtungen in der Kunst, weil ie im menschlichen Charakter selbst ebenso be¬ gründet sind. Seit anderthalb Jahrhunderten gehen beide Nichtungen höchst wechselvolle Wege: der Realismus von Biedermeier zum historischen Nealismus, Naturalismus, Impressionismus, Pointillismus, schließlich zur neuen Sachlichkeit und zum Surrealismus. Die idealistische Kunstrichtung des neunzehnten Jahr¬ hunderts geht von der deutschen Nomantik aus, führt durch deutsch-englische Kunst¬ beziehungen in Nom zur Gruppe der Praerafaeliten, in ihr ist Beardsley der An¬ reger der Sezession und aus dieser gehen die Begründer des Expressionismus hervor. Diese Feststellungen mögen als Vorbemerkung zur versuchsweisen Erläuterung des dritten künstlerischen Phänomens, das hier behandelt werden soll, aufgefaßt werden, nämlich der stilistischen Einordnung des Werkes von Matthias May. Er st der Geburt nach nicht Oberösterreicher, stammt aus Köln und war Arbeiter in einer Fabrik. AAls sein Talent entdeckt wurde, kam er durch Gönner an die Kölner Kunstgewerbeschule. Da es ihn jedoch zur Malerei drängte, ging er an die Münchner Akademie und geriet in den Bann Wilhelm Leibls, der gleichfalls aus Köln stammte und Arbeiter gewesen war. Schon die Bilder aus dieser Periode zeigen sein überragendes Können, die Meisterschaft, mit der er sich im Sinne des Leiblschen Realismus an Bildnisse und figürliche Kompositionen emporringt. Eine ariser Reise eröffnet ihm darauf die Weite des französischen Impressionismus, dem er sich mit ganzer Seele hingibt. In der Folge wird May einer der be¬ 100

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