75 Jahre Enrica von Handel-Mazzetti 1946

Dahinjagen auf der Netzhaut und damit auch auf dem Papier fest mit allen Ver¬ zerrungen und Verkürzungen seiner Hundertkilometer-Geschwindigkeit. Dasselbe menschliche Objektiv gleitet anderseits wie eine Zeitlupe über die winzigsten und nichtigsten Motive hin und die geduldige Hand setzt sie gleichzeitig nebeneinander auf das Papier, zwanzigmal einen toten Frosch, zwölfmal die Profillinie des Gesichts einer alten Bäuerin, genau fünfzigmal ein und dasselbe Paar alter Schuhe. zerrissen und ausgetreten, sind auf Diese alten Schuhe, abstoßend häßlich, fünfzig Einzelblätter gezeichnet; wenn man diese durchblättert, erschrickt man mit einem Mal, denn sie alle sind vollendete Meisterwerke. Die bange Frage teigt wieder auf, was denn das größere Kunstwerk sei, eine gemalte Rübe oder das Abbild der Venus. Es gibt nur eine Antwort: die Rübe, wenn sie besser gemalt ist, die Venus, wenn beide gleich gut sind. Klemens Brosch als unerbittlichen Erfasser der Wirklichkeit darzustellen, ist aber keineswegs ausreichend. Man hat gesagt, daß keiner ein vollendeter Zeichner sein könne, der nicht auch gemalt habe. Brosch hat einige hervorragende Aquarelle und wenige Olbilder von hoher Eigenart, wenn auch nicht völliger Gelöstheit, gemalt. Seine Welt ist die Zeichnung und wäre vielleicht noch Kupferstich oder Nadierung gewesen, wenn ihn nicht die jagende Abfolge seiner Eindrücke den langsam grabenden Stichel gleichsam aus der Hand geschlagen hätte. Nur wenige Druck¬ graphiken, darunter eine Mappe „Am Abend“ mit Steinzeichnungen, hat er hinterlassen. Dabei hat er an der Wiener Akademie die Meisterklasse bei Ferdinand Schmutzer, dem überaus sorgfältigen und kultivierten Nadierer, besuch und viele Blätter von Brosch weisen sich schon durch ihre bildmäßige Geschlossen¬ heit als Vorstufen der Druckgraphik aus. Das Großartige, manchmal fast Unheimliche an den Zeichnungen von Brosch beruht darin, daß sie völlig wirklichkeitstreu sind und doch auf zunächst unerklär¬ liche Art über die Wirklichkeit hinausgehen, in das Mythische und Symbolhafte aufragen. Der Drang in diese Richtung ist bei Brosch ebenso elementar wie das Darstellen selbst. Von Jugend an hat er danach gestrebt und anfänglich die Symbolkraft seiner Zeichnungen durch äußere Mittel gesteigert, dabei sichtlich durch die grandiosen Radierfolgen Max Klingers beeinflußt, der in Werk und Technik überhaupt das einzige erkennbare Vorbild für Brosch bedeutet hat. Die Darstellung des dahinrasenden Expreßzuges zum Beispiel hat Brosch vielfach gereizt, in einer der ersten Zeichnungen schien es ihm noch notwendig, eine riesige Hand nach dem Zug herablangen zu lassen, später hat er allein durch konzen¬ trierteste Darstellung der jagenden Lokomotive das Motiv in seiner vollen mysti¬ chen Tiefe bewältigt. Es scheint, daß er die eigentliche Aufgabe seiner Kunst darin gesehen hat, die Wirklichkeit so weit zu treiben, bis sie zum Mythos werde, und es gelang ihm auch, in Augenblicken der höchsten Vollendung seine Kunst so zu verdichten, daß sein Realismus unversehens zu Mythologie wird. Für jedermann fühlbar ist eine von Brosch gezeichnete junge Birke mitten in einer Wiese oder ein paar zerbrochene Flaschen am Rand eines Baugrundes mehr, als was dargestellt ist, nicht etwa Sinn¬ bild oder Allegorie im geläufigen Sinn, sondern bloß ein Stück Wirklichkeit, dem bis auf den Grund gesehen ist. Brosch zeichnet eine blumige Wiese und kein Strich ist in der Zeichnung, der nicht haarscharf der Wirklichkeit entspräche, dennoch ist 99

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